Ausgrenzung total in Barrie Koskys „Meistersingern“

Von: Pedro Obiera
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Johannes Martin Kraenzle Meistersinger-Juror Sixtus Beckmesser in Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Regisseur Barrie Kosky formt ihn zur hässlichen Juden-Karikatur. Foto: dpa

Bayreuth. Katharina Wagner hat es versprochen: In diesem Jahr bleiben die Bayreuther Festspiele von Skandalen verschont. Eine kühne Behauptung, wenn eine Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ ansteht, dem Werk, dem in Bayreuth der braune Dunst der Nazi-Ära am nachhaltigsten anhängt.

Dass man gerade für dieses Werk, das in Neu-Bayreuth bisher ausschließlich von Mitgliedern des Wagner-Clans auf die Bühne gestellt wurde, zum ersten Mal in der Bayreuther Geschichte einen jüdischen Regisseur verpflichtete, könnte eine böse Abrechnung mit der Vergangenheit erwarten lassen.

Doch weder Hakenkreuze noch Braunhemden stören den Nürnberger Festwiesen-Trubel. Die ideologische Hypothek, mit der das Werk unverschuldet zu kämpfen hat, klammert Barrie Kosky, der Leiter der Komischen Oper Berlin, freilich nicht aus.

Im Gegenteil: Die Ausgrenzungsideologien, die die antisemitische Politik der Nazis bestimmten, stellt Kosky in den Mittelpunkt und rückt Wagners an sich unverdächtiges Plädoyer für die Achtung deutscher Wertarbeit in Kunst und Handwerk an den Rand. Das Pech des „1000-jährigen Reichs“ kann das Werk offenbar nicht abschütteln.

Kosky versammelt die Wagner-Sippe samt Cosima, Franz Liszt, Kindern und Hunden in der Villa Wahnfried zu einer Privataufführung der „Meistersinger“. Wagner wandelt sich in Hans Sachs, Cosima ins Evchen und der jüdische Dirigent Hermann Levi, dem Wagner übel mitspielte, obwohl er ihm viel zu verdanken hatte, in Sixtus Beckmesser.

Kosky formt den Beckmesser im Laufe des Stücks zu einer hässlichen Juden-Karikatur wie aus dem „Stürmer“, zeitweise mit einem überdimensionalen Pappkopf. Wagner alias Hans Sachs spielt teils zynisch mit Beckmesser alias Levi, der nach seinem missglückten Auftritt als Minne-Sänger in der Versenkung verschwindet. Ausgrenzung total.

Soweit eine Rollendeutung, die eine verdächtige Nähe zu faschistischen Fehldeutungen befürchten lassen könnte, denen Kosky freilich geschickt aus dem Weg geht, indem er den dritten Akt in den Räumen der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse spielen lässt. Mit einer überdrehten Festgesellschaft, die sich, ebenso wie die zu oberflächlich gezeichneten Meister, als willfährige Mitläufer outen.

Das alles wirkt schlüssig und handwerklich sauber gearbeitet, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Werk als Huldigung an die rühmenswerten deutschen Meister und als Appell für die Freiheit der Kunst gedacht ist. Darin besteht der Sinn des so oft missverstandenen und missbrauchten Schluss-Monologs von Hans Sachs.

Eine Botschaft, die sich mit Koskys Werksicht nicht bruchlos zusammenfügen lässt. Kosky greift zur Brechstange und lässt Hans Sachs im Outfit Richard Wagners den Monolog allein singen und den Schlusschor persönlich dirigieren. Eine geschickte, aber nicht zwingende Lösung, wenn man dem Werk, wie Kosky, eine zu einseitige und nicht unbedingt passende Konzeption anlegen will.

Hans Volle als Hans Sachs und Beckmesser Johannes Martin Kränzle gestalten und singen ihre zentralen Rollen auf einem Weltklasse-Niveau, das man nicht mehr unbedingt von Bayreuth gewohnt ist. Volle mit seiner offenbar grenzenlosen Kondition stattet den Sachs mit unzähligen Facetten der komplexen Figur aus. Und auch Kränzle formt den Beckmesser gestalterisch und stimmlich so schillernd, dass erheblich mehr als eine Karikatur zu erleben ist. Ein Sonderlob verdient der gewaltig auftrumpfende, von Eberhard Friedrich einstudierte Festspielchor.

Dass in den heiklen Passagen im zweiten und dritten Akt die Koordination mit dem Orchester nicht immer makellos gelang, sollte man nicht überbewerten. Das geht natürlich auf das Konto von Philippe Jordan, dem Chef der Pariser Oper und der Wiener Symphoniker. Für ein Bayreuther Debüt mit diesem schwierigen Stück sollte man den Stab nicht voreilig brechen und dem begabten Dirigenten eine Eingewöhnungszeit zubilligen.

Das Publikum reagierte bereits nach dem ersten Akt mit enthusiastischem Beifall und Ovationen, die sich am Ende vor allem für die Sänger der Hauptpartien noch steigerten. Relativ wenige, dafür um so kräftigere Buhs mussten Barrie Kosky und sein Team einstecken. Doch die Zustimmung überwog.

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