Auf fast leerer Bühne bleibt viel im Dunkeln

Von: Armin Kaumanns
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Einer von vielen klasse Sängern: Woong-jo Choi als König Filippo II., Carlos Vater, der Elisabetta zur Frau nimmt.
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Ein liebestrunkener Moment, aber es dräut schon zappenduster: Das Glück der französischen Prinzessin Elisabetta (Irina Popova) und des spanischen Infanten Don Carlo (Andrea Shin) währt nur sehr kurz. Foto: Carl Brunn

Aachen. Dass das nicht gut ausgeht, sieht man gleich: die leere Bühne ein schwarzes Loch, irgendwo im Halbdunkel ein graues Sofa, auf dem abwechselnd die beiden Protagonisten von Verdis Schiller-Oper „Don Carlo“ Platz nehmen – der Titelheld, spanischer Thronfolger und Tenor, und seine junge Liebe, Elisabetta, französische Prinzessin und Sopran.

Bei Verdi ist das der erotisierende Wald von Fontainebleau, hier umschwärmen Schneeflocken wie Motten das kurz und heftig liebestrunkene Paar.

Denn schon bald nach den ersten glühenden Melodien ist Schluss mit lustig. Des Infanten Papa macht Ansprüche auf Elisabetta geltend, der Knabe geht leer aus und hat seitdem ein eher gestörtes Verhältnis zu seinem Erzeuger. Und damit auch gar keine Zweifel aufkommen, lässt Regisseur Michael Helle den Totenschädel von Carlos Opa, Karl V., auf den Souffleurkasten setzen. Der hat den Rest der Oper, also annähernd vier Stunden, bedeutungsschwanger mal fahl, mal gräulich-grün, mal teuflisch-rot illuminiert ins Parkett zu blicken.

Aachens ehemaligem Schauspielchef Helle, dem zuletzt eine sehr respektable „Carmen“ in seiner alten Wirkungsstätte gelang, fällt zu „Don Carlo“ fast gar nichts ein. Mit seinem Ausstatter Dieter Klaß entschied er sich für eine äußerst reduzierte Bühne, die aus nichts als drei schwarzen Wänden besteht, die ein silbergraues Muster überspannt, wie man es von den Seidentapeten herrschaftlicher Schlösser zu kennen meint. Im elend zähen ersten Teil des Abends hat die Rückwand einen großen Auftritt: Sie darf mal bis fast an den Graben vorfahren. Warum, das bleibt wie so vieles andere im Dunkeln.

Gerade diese ersten knapp zwei Stunden mach deutlich, wie hilflos die Regie in ihrer eigenen Entscheidung agiert, die Oper radikal auf die Konflikte der handelnden Personen zu reduzieren. Warum wählt man Verdis späte, wieder fünfaktige Fassung, wenn man das Sozialdrama des französischen Volkes nicht erzählt? Das ist schließlich der einzige und triftige Beweggrund Elisabettas, von Carlo abzulassen zugunsten einer Frieden und Wohlfahrt stiftenden Ehe mit dessen Vater.

Auf der meist gänzlich leeren Schummer-Bühne tritt Helles Unvermögen, die Figuren glaubhaft und präsent zu entwickeln, desto klarer hervor. Kann sich Woong-jo Choi als König Filippo II. noch mit statuarischer Starrsinnigkeit (und seinem überaus profunden Bass) aus der Affäre ziehen, muss Sanja Radisic als Eboli aufgesetzt mit dem Popo wackeln und herumstöckeln, damit sie als libidinös rüberkommt. Sie macht das toll, auch musikalisch mitreißend, aber irgendwie mit wenig Bezug zu den intriganten und machtbesessenen Aspekten Ebolis.

Ganz grauslig stellt Hrólfur Saemundsson die vielleicht schillerndste Figur des Dramas dar: Posa, der hin- und hergerissen zwischen Freundschaft zu Carlo, Raison gegenüber Filippo und Leidenschaft zu Elisabetta die Wendepunkte der Handlung initiiert. Das ist – trotz sehr anständiger sängerischer Leistung – nah dran an der Witzfigur.

Abdullah befeuert die Aufführung

Überhaupt entwickelt Helle zunehmend ein Faible für Klamauk. Nachdem Posa in einer Lache aus Theaterblut das Leben ausgehaucht hat, kommt wieder Leben in den Toten, er entledigt sich penibel seiner Cowboystiefel und Socken, geht barfuß durchs Parkett nach draußen, während eine Putzfrau auf der Bühne die Relikte in den Müllsack stopft. Später fällt auch mal eine ganze Wand um (das Volk regt sich), Hofdamen ganz in Weiß mit Schleierhüten müssen Orangen schälen. Und Revoluzzer-Carlo hat sich aufs T-Shirt den Papa mit Hitler-Bärtchen drucken lassen.

Die Sache mit der Inquisition dagegen nimmt die Regie sehr ernst. Soll man sich bei Jacek Janiszewski im Habit an einen limburgischen Würdenträger erinnert fühlen? Egal. Der Bass singt nicht ganz so diabolisch, wie Verdi das instrumentiert hat, am Ende aber kuschen Volk wie König. Und Carlo wird von irgendwas Jenseitigem in Mönchskutte errettet. Er nimmt noch den Totenkopf mit.

Ja, wenn nicht die musikalische Seite dieses „Don Carlo“ rundum zufriedenstellte, sollte man sich überlegen, ob man zu diesem Anlass mal wieder in die Oper geht. Aber Andrea Shin als Gast vom Staatstheater Karlsruhe singt den Titelhelden einfach klasse. Der Koreaner hat einen wunderbar durchgestylten Tenor, bruchlos strahlend bis hinauf in die wirklich hohen Register. Shin singt nicht nur herrlich, er lässt auch Raum für seine Kollegen. Irina Popova ist eine Elisabetta mit (über-)reichlich viel Vibrato, aber eben auch leidenschaftlicher Glut. Und in den teils sehr kniffligen Ensembles machen die Kollegen einen durchtrainierten Eindruck. Gleiches gilt auch für den Chor, der zu Beginn noch aus dem Off agiert, dann aber mehr und mehr Präsenz entwickelt.

Das alles trägt, befeuert (übertönt gelegentlich auch mal) Generalmusikdirektor Kazem Abdullah mit seinem Sinfonieorchester Aachen. Verdi liegt den Musikern, etliche gute Solisten lassen aufhorchen, vor allem aber wissen alle, wohin die musikalische Reise geht. Da lassen sich die Besucher der ausverkauften Premiere nicht lange bitten und applaudieren ausgiebig. Ein zaghaftes Buh für die Regie ist vernehmbar.

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