Auf der Jagd nach dem einen Moment

Von: Marco Rose
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Guck mal, da! Besucher nehmen
Guck mal, da! Besucher nehmen im Aachener Ludwigforum eine Skulptur unter die Lupe. Foto: Jutta Melchers

Herzogenrath. Die Fremde weiß nicht, dass ihr seit mehr als einer Viertelstunde ein Schatten folgt. Keine Bewegung, keine Geste bleibt ihm verborgen, wartend und lauernd auf den entscheidenden Moment.

Die Frau ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt hochhackige Pumps und eine auffällige rote Tasche, die sich vor der blendend weißen Kulisse abhebt. Sie dreht sich nicht um, scheint nur mit sich selbst beschäftigt. Eine Biegung noch, drei Schritte vielleicht, das muss es sein, sonst war alles umsonst. Herzrasen, Klack, aufatmen.

Die Jagd ist beendet, das Foto auf dem Chip. Die Fremde entschwindet. Von ihr bleibt nur die elegante weibliche Silhouette im strahlenden Weiß der Macba, eines berühmten Museums in der katalanischen Metropole Barcelona.

In den heiligen Hallen der Kunst ist Jutta Melchers zu Hause. In Spanien wie in Südafrika, Dubai oder Aachen. Bilder und Skulpturen sprechen eine universelle Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird. Doch wie genau geschieht das? Wie beschäftigen sich Menschen mit Kunst? Was macht Kunst mit den Menschen? Mit ihrer Kamera spürt die Galeristin aus Herzogenrath diesen Fragen nach. Ihre Fotos sind nie gestellt oder inszeniert, sie zeigen das Leben wie es ist, das Leben im Museum.

„People at an Exhibition”, Menschen in einer Ausstellung, lautet der Titel einer Sammlung von Bildern, die Melchers nun ihrerseits ausstellt und in einem Buch veröffentlicht. Die Menschen im Museum: Sie sind kulturbeflissen, weltgewandt, begeisterungsfähig, häufig etwas entrückt, bisweilen aber auch eitel, müde und gelangweilt. Über Jahre hinweg hat Jutta Melchers diese menschlichen Regungen studiert, das Fotografieren kam später „irgendwie dazu”, wie sie sagt. Ihr Ziel: „Ich möchte dokumentieren, wie Menschen mit Kunst umgehen.”

Dazu streift sie oft stundenlang durch Museen und Ausstellungen, immer auf der Suche nach dem einen Moment - der Moment, in dem Besucher sich selbst und die Welt um sich herum vergessen und ihre wahren Gesichter zeigen; dem Moment, in dem alte Damen wieder zu Kindern werden und flippige Gestalten in Ehrfurcht erstarren. „Ich warte darauf, dass sich besondere Konstellationen ergeben. Das ist wie in der Streetfotografie: Du ahnst, was da kommen könnte, aber du weißt es nicht.” Diese Fotografie ist nicht planbar, Motive erscheinen aus dem Nichts und verschwinden wieder, allein der Moment entscheidet. „Ich habe diese Frau in der Macba durch das halbe Museum verfolgt, bis alles passte”, sagt Melchers.

Der kleine Mensch als Teil einer überwältigenden Architektur, das ist ein Motiv, das sich durch das Schaffen der 59-Jährigen zieht. Ein anderes ist die Komik: Ein spielendes Kind zum Beispiel, das seinen Teddybären zum Schrecken der Galeristin in einer 750 000-Euro-Skulptur versteckt. Selbstdarsteller, die sich zum Museumsbesuch ausstaffieren, als seien sie Teil einer Ins­zenierung. Männer, die lustlos hinter Frauen durch das Museum trotten, bis sich die Aussicht auf nackte Tatsachen bietet.

So gibt es am Rande auch viel Zwischenmenschliches zu entdecken, etwa wenn Paare eine Ausstellung gemeinsam besuchen. „In zwei Drittel aller Fälle ist ganz offensichtlich, dass sie ihn mehr oder weniger ins Museum geschleppt hat”, beobachtet Melchers amüsiert. Da wird gedrängelt, genörgelt, lustlos in die Luft gestarrt. „Männliche Einzelbesucher verhalten sich ganz anders, die sind motiviert und interessiert.”

Berühmte Vorbilder: Das Genre Straßenfotografie

Das Leben in all seinen Facetten abbilden - authentisch, augenzwinkernd, manchmal auch melancholisch: Das will die sogenannte Streetfotografie, die Straßenfotografie. Straßenfotografen inszenieren keine Bilder, sie dokumentieren auf kunstvolle Weise die Komik und Tragik des menschlichen Alltags.

In den 1930er Jahren erlebte das Genre mit dem Aufkommen kompakter Kleinbildkamera seine erste Blütezeit. Später brachte die legendäre Agentur Magnum eine ganze Reihe berühmter Fotografen hervor, die mit ihren Straßenaufnahmen noch heute unser Bild von Städten wie dem Paris oder New York der 40er und 50er Jahre prägen. Auf Namen wie Robert Capa, Henri Cartier-Bresson oder Elliott Erwitt berufen sich ganze Generationen von Fotografen. So dokumentierte auch Erwitt das bunte Treiben in Museen und Ausstellungen - ein Vorbild für Jutta Melchers.

In Deutschland wird die Streetfotografie durch die strikte Rechtsprechung zum Recht am eigenen Bild allerdings deutlich eingeschränkt. Fotografierte Menschen dürfen entweder nicht erkennbar sein oder müssen ihr Einverständnis zu der Aufnahme signalisieren. „Ich gebe mich daher spätestens nach der Aufnahme zu erkennen”, sagt Melchers.

Die Ausstellung wird am Samstag, 28. Mai, im Rahmen der Eurode-Kunstroute eröffnet und ist bis Freitag, 1. Juli, in der neuen Artco-Foto-Galerie Herzogenrath, Apolloniastr. 1, zu sehen. Öffnungszeiten während der Kunstroute von 11 bis 18 Uhr, ansonsten dienstags bis freitags von 10 bis 12, sowie von 15 bis 18 Uhr; samstags von 10 bis 14 Uhr. Die Kunstroute ist ein gemeinsames Projekt der Städte Herzogenrath und Kerkrade, an dem sich mehr als 80 Künstler beteiligen.
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