Auch das vierte Abbild muss zersplittern

Von: Sabine Rother
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Achtung! Bitte nicht vor der Premiere fallen lassen! Um den antiken Herrscher „Lucio Silla” (hier als Gips-Abbild) geht es in der von Ludger Engels (links) inszenierten Oper, die den Zyklus „Mozarts Herrscherdramen” im Theater Aachen abschließt. Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch. Es ist eine Kooperation mit dem Theater Freiburg. Foto: Harald Krömer

Aachen. Alle Herrscher hatten sie, und auch für ihn gibt es eine imposante Büste, doch die weiße Farbe des Gipsporträts ist alles andere als das Zeichen für „Unschuld”, denn dieser Regent kannte jede Menge Tücken, aber zunächst keine Gnade: „Lucio Silla”, jene Oper, die Wolfgang Amadeus Mozart im Alter von erst 16 Jahren komponierte, schließt mit der Premiere am kommenden Sonntag, 29. März (18 Uhr) nach „La clemenza di Tito” (2005/06), „Idomeneo” (2006/07) und „Mitridate, re di Ponto” (2007/08) den Zyklus „Mozarts Herrscherdramen” ab, den das Theater Aachen in Kooperation mit dem Theater Freiburg im Laufe der letzten vier Spielzeiten präsentieren konnte.

Vier Mal hat Ludger Engels Regie geführt, drei Mal hatte Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch die musikalische Leitung und einmal dirigierte der Erste Kapellmeister Daniel Jakobi („Idomeneo”) das Sinfonieorchester Aachen. „Das Orchester hat sich zu einem erfahrenen, wunderbar klingenden Mozartorchester entwickelt”, sagt Bosch im Rückblick.

Video gibt Überblick

Die Arbeit an einem kleinen Video, das allabendlich zur Einführung in das Werk im Foyer gezeigt werden kann, war für Engels ein interessanter „Spaziergang” durch eine komplexe Arbeitsphase. „Es hat eine Entwicklung stattgefunden, man entdeckt zudem Elemente, die diese vier Werke miteinander verbinden”, hat er festgestellt. Die Büste der jeweiligen Machthaber, die in jedem Stück zersplittert - pro Aufführung muss die Kaschierwerkstatt ein Exemplar herstellen - ist lediglich eines von zahlreichen Motiven.

„Es ist großartig, wenn man sieht, wie sich der entsprechende ,Machtraum´ verändert, ausgebaut oder zugebaut wird, jedoch in seiner Struktur und Aussage gleich bleibt”, sagt Engels. Sein Ziel war es, „Archetypen´ der Herrschaft zu analysieren. Und das hat offensichtlich bereits der junge Mozart beherrscht - nicht zuletzt aus eigener Erfahrung im Umgang mit Fürsten. „Es ist erstaunlich, wie er die Psychologie der Figuren gestaltete und weiterführte”, so Engels.

„Wir sehen bei Mitridate den Vater-Sohn-Konflikt, bei Silla treffen wir dann massiv auf die nächste Generation, auf einen jungen Herrscher mit einem extremen Machtanspruch. Er ist ein verzogener Sohn, unberechenbar, skrupellos und zugleich den schönen Künsten zugewandt”, beschreibt er die Hauptperson, deren reales Vorbild der römische Diktator Lucius Cornelius Sulla (79 vor Christus) und dessen blutige Karriere ist. Wußte Mozart vom historischen „Lucio Silla”?

„Die Musikwissenschaft spekuliert ja gern, aber was Mozart an Schulbildung hatte, kam von seinen Eltern. Sein Vater kannte die lateinischen Literatur, also war sie sicherlich auch Mozart vertraut”, vermutet Bosch, für den es in der Erarbeitung wichtige Entdeckungen gab: „Bei ,Silla´ findet sich die im Vergleich zu den anderen drei Herrscherdramen durchgängig prachtvollste Musik. Unsere Aufgabe war es, den zeittypischen Sprachkanon erneut zu erlernen, was zum Beispiel bedeutet, dass Trompeten und Pauken immer wieder Räume der Improvisation erhalten. ”

Das Klangbild des Sinfonieorchesters habe sich in letzter Zeit stark gewandelt - nicht ohne Grund wird übrigens der Deutschlandfunk die Premiere aufzeichnen. Gern vergleicht Bosch musikalische Forschung mit dem Umbau seines Hauses: „Wenn man abgehängte Decken wieder öffnet, kommt häufig Erstaunliches zutage, so ist das auch hier. Wir müssen uns stets fragen, was hinter den Noten steht”, schwärmt er.

Wenn Engels auf die Herrscherdramen zurückblickt, so sieht er deutliche Unterschiede in den Charakteren und in der musikalischen Deutung der „Story”, die bei „Lucio Silla”, wie er es ausdrückt, „von Anfang an hochkocht”. In seiner Gier nach Macht und in der gefährlichen Unberechenbarkeit sei Silla unter den Herrschergestalten der „Spitzenreiter”.

Im Klangbild der frühen Oper zeigt sich nicht nur die mit Zeitströmungen vertraute Persönlichkeit, sondern ein Mozart, der bereits anklingen lässt, was in späteren Opern aufblühen und Grenzen sprengen sollte. Resümee zum Abschluss der „Herrscherdramen”: Gerade wichtige und reichhaltige Mozart-Opern wie „Lucio Silla” oder „Mitridate” werden noch immer unterschätzt - und selbst in modernen Opernführern vernachlässigt - zu Unrecht, wie der Zyklus in Aachen/Freiburg beweist.

Kooperation mit Freiburg wird mit der vierten Oper abgeschlossen

„Lucio Silla”, Oper von Wolfgang Amadeus Mozart in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln, Kooperation mit dem Theater Freiburg , Premiere im Theater Aachen, Großes Haus, Sonntag, 29. März, 18 Uhr.

Musikalische Leitung: Marcus R. Bosch; Inszenierung: Ludger Engels; Bühne: Christin Vahl; Kostüme: Gabriele Rupprecht.

Weitere Aufführungen der Inszenierung sind vorgesehen am 3. April, 20 Uhr; 8. April, 19.30 Uhr; 18. April, 19.30 Uhr; 26. April, 15 Uhr; 29. April, 20 Uhr.

Mit „Lucio Silla” vollendet das Theater Aachen seinen vierteiligen Zyklus „Mozarts Herrscherdramen”,

Die Oper „Lucio Silla” komponierte Mozart 1772 im Alter von erst 16 Jahren.
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