Anti-Märchen: „Prinzessin Nicoletta“ im Theater K

Von: Sarah Sillius
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Das passt doch irgendwie nicht zusammen: Ilay Okur als Prinzessin Nicoletta und Andrea Klein als Prinz Omo (vorne). Foto: Gerd Plitzner

Aachen. Der Putz blättert von den Wänden, der Wind pfeift durch die Ritzen und das Fleisch vergammelt. Von wegen Glanz und Gloria! König Philipp und sein Gefolge trauern den guten alten Zeiten schon lange nach. Das alte Tuchwerk in der Aachener Soers mit seiner Aura des Vergangenen dient dem Theater K als idealer Schauplatz für dieses abgerockte Königreich.

Mit „Prinzessin Nicoletta“ stellt Regisseurin Annette Schmidt für die letzte Inszenierung in der Sommer-Spielstätte das klassische Märchen gehörig auf den Kopf. Neben einer absolut stimmigen Atmosphäre gibt es von allem etwas mehr als üblich: mehr Kostüm, mehr Bühnenbild, mehr Effekte. Bei dämmrigem Licht bewegen sich Bett, Tafel und Thron wie von Geisterhand gezogen durch den Bühnenraum. Passend dazu sorgt die Musik von Manfred Leuchter, gepaart mit den Klarinettentönen von Mohamed Najem, für apokalyptische Stimmung im Orient-Szenario.

Im Mittelpunkt der Geschichte der jungen Autorin Rebekka Kricheldorf steht nicht etwa eine edle Königstochter, sondern die gelangweilte Prinzessin Nicoletta (Ilay Okur) aus dem Hause der Mimirabier. – zerzaustes Haar, irrer Blick, Typ „schwer erziehbar“. Die junge Frau mault, zetert und brüllt, dass man sich zwischenzeitlich die Ohren zuhalten muss. Und dann noch das: Nachdem die launische Diva vom Bratapfel gekostet hat, ist sie plötzlich in den Gesindekoch (Christian Cadenbach) verliebt – und weigert sich, Prinz Omo (Andrea Klein) zu heiraten.

Das passt ihrem Vater (Rudi Zins) gar nicht, der ohne die arrangierte Hochzeit die Chance auf eine bessere Zukunft schwinden sieht. Um den potenziellen Gemahl und dessen Großwesir Nur-Ed-Din (Martin Päthel) nicht zu verstimmen, täuscht die Bande eine tödliche Krankheit der Prinzessin vor. Derweil werden im Hintergrund eifrig Intrigen gesponnen: die böse Tante Leonor (Mona Creutzer) und die frustrierte Gouvernante Anne (Barbara Portsteffen) sehen ihre Chance gekommen, endlich aus dem Schattendasein zu treten..

In dem „Märchen für Erwachsene“ gibt es allerlei Déjà-vu-Erlebnisse mit Archetypen, bekannten Motiven und Figurenkonstellationen des Genres – nur ist hier eben alles etwas verdreht: Die böse Stiefmutter ist eine intrigante Tante, die schlafende Prinzessin stellt sich nur schlafend, und der berühmte Apfel ist nicht giftig, sondern betörend. Zu dieser Parodie auf das klassische Märchen gehört auch eine gute Portion Übertreibung.

Wenn sich der verweichlichte Prinz Omu mit einer albernen Staubsauger-Haube auf dem Kopf vor der ansteckenden Krankheit der Prinzessin schützen möchte, erinnert das fast schon an einen Comic. Aber Klamauk und Typenkomik mal beiseite – dem Stück lassen sich auch sozialkritische Töne entnehmen: So ist die böse Tante dem Schönheitswahn verfallen, während Prinzessin Nicoletta nur nach Vergnügen und Wohlstand durstet – und dabei sogar über Leichen geht.

Wer nach rund zwei Stunden Spielzeit noch auf ein Happy End hoffen sollte, wird bitter enttäuscht. Denn so viel sei verraten: Am Ende dieses skurrilen Märchens wird es kein verliebtes Prinzenpaar geben, sondern einen fliegenden Kopf.

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