Aachen - Ansturm auf eine Sternstunde im Dom: Lesung mit Navid Kermani

Ansturm auf eine Sternstunde im Dom: Lesung mit Navid Kermani

Von: Sabine Rother
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Andrang: Mit viel Geduld signierte Navid Kermani nach der Lesung Bücher. Foto: Andreas Herrmann
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Zuvor diskutierte Bernd Mathieu (von links), Chefredakteur unserer Zeitung, mit Navid Kermani und dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. Foto: Andreas Herrmann
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Vom Rednerpult im Altarraum aus (rechts) war der Ton besser. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Schon weit vor 18 Uhr ist der Domhof überfüllt. Die Lesung beginnt um 19 Uhr, die Menschen stehen erwartungsfroh plaudernd Schlange, die 1100 Eintrittskarten für den Aachener Dom waren in kürzester Zeit vergriffen. Im Rahmen der Reihe „Literatur zur Nacht“, die zum zehnten Mal einen prominenten Gast präsentiert, hat die Europäische Stiftung Aachener Dom den Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani eingeladen – und nicht nur ihn.

Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert stellt ihn vor, Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, führt Gespräche mit beiden. Zu dritt prägen sie einen besonderen Abend unter funkelnden Mosaiken und goldglänzendem Barbarossaleuchter. Die Zuschauer im Dom lauschen, einige von ihnen haben Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“ dabei, aus dem er lesen wird – mit der Hoffnung auf ein Autogramm. Sie werden nicht enttäuscht.

Theologische Exkurse

Navid Kermani, 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geboren, lebt in Köln und gilt als Deutschlands bekanntester muslimischer Intellektueller. Für Aachen hat er seine 2015 erschienene Textsammlung ausgewählt, in der er sich christlichen Kunstwerken zuwendet und in seinen Betrachtungen Analysen, Interpretationen und theologische Exkurse unternimmt – humorvoll, klug, dialogbereit. „Er führt uns vor Augen, wie sich die Welt im 21. Jahrhundert verändert“, betont Michael Wirtz, Vorsitzender des Beirats der Europäischen Stiftung Aachener Dom. „Er weiß sich der europäischen Kultur verpflichtet.“

Drei Kapitel hat Kermani ausgewählt, vier farbige Reproduktionen aus dem Buch finden die Zuschauer im Programmfaltblatt – El Grecos „Abschied Christi von seiner Mutter“, Caravaggios „Opferung Isaaks“, Giottos „Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte“ sowie ein Foto vom sprühenden Licht des Kirchenfensters, das Gerhard Richter für den Kölner Dom gestaltet hat. Den Text müssen die Besucher selbst nachlesen, Kermani beschränkt sich auf die ersten drei Motive.

Lammert hat gleich zum Auftakt eine weitere Leseempfehlung: „In jedem Schulbuch sollte Kermanis Europarede stehen, die er an der Humboldt-Universität in Berlin gehalten hat, die Rede zum Geburtstag des Deutschen Grundgesetzes sowie seine Dankrede nach Erhalt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels!“ Er seufzt: „Wenn wir Christen nur annähernd so einen Überblick über die islamische Welt hätten, wie Navid Kermani über die christliche Kultur . . .“

Wie der nachdenkliche und humorvolle Wissenschaftler mit seinem profunden Wissen über islamische und christliche Werte den „Zeitgeist gegen den Strich bürstet“, so Lammert, können die Besucher bei „Literatur zur Nacht“ nun hören – manche zunächst allerdings nicht so gut, da die Tonanlage nicht in alle Winkel des Doms gleichgut vordringt. So ist es ganz besonders still, als sich Kermani zum Lesetisch und später zum Lesepult im Altarraum begibt, wo das Mikrofon günstiger platziert ist. Die große Geste ist nicht seine Art, er liest wie er schreibt: sorgfältig, klug, mit leisem Lächeln, liebevoll dem Objekt seiner Beschreibung und den spannenden Gedankenreisen zugewandt, auf die er Leser und Zuhörer mitnimmt.

Rührender Kuss

Die leuchtenden Farben der Gemälde, die ein großer Bildschirm zeigt, korrespondieren mit dem mystischen Licht im Oktogon. Liebe und Sinnlichkeit – ob sie nun auf rosigen Wangen und schönen Lippen leuchten, die El Greco Maria und Christus verliehen hat, oder im rührenden Kuss des älteren Paares Joachim und Anna aufblühen, das Giotto geschaffen hat, – sind für Kermani immer wieder Thema im Blick auf ein Christentum, das er besonders in seiner Siegener Jugend als eher unerotisch und puritanisch erlebt hat.

„Künstlern gelingt es, die faktische Wirklichkeit der Liebe zu zeigen, die Kunst sucht die Wahrheit hinter den Dingen”, betont er. Bei Caravaggios Darstellung von Abraham, den der Engel nur knapp davon abhalten kann, seinem Sohn Isaak mit scharfem Messer die Kehle aufzuschlitzen, stellt er die Frage nach Gehorsam und Pflichterfüllung. Was bedeutet so ein Bild, so ein Gleichnis für das Christentum?

In drei lebhaften Gesprächsrunden, bei denen Mathieu sowohl Kermani als auch Lammert geschickt dazu bringt, sich religiösen und gesellschaftlichen „Unebenheiten“ zu stellen, werden Gemeinsamkeiten wie unterschiedliche Gesichtspunkte herausgearbeitet. Eindrücke aus den drei Texten klingen nach. Es ist ein freundschaftlicher Disput mit ernstem Hintergrund, ein religiöser Dialog von bester Qualität, der sich entwickelt, denn Mathieu lässt den Dissens zu, pflegt ihn sogar. Und seine Partner machen mit. Ist Gehorsam eine Tugend? Lammert erinnert an die Schatten einer deutschen Vergangenheit, die den heutigen, problematischen Umgang mit dem Begriff „Gehorsam“ prägt.

Ein Fazit, bei dem auch Dompropst Manfred von Holtum und Bischof Helmut Dieser interessiert zuhören. Sie sitzen im Publikum und lauschen – fasziniert von Esprit und Einfühlungsvermögen des Muslims Kermani, der betont: „Zum Glauben gehört der Zweifel.“ Er appelliert an die christliche Kirche: „Der kollektive Verstand ist älter als unsere Erinnerung. Wir akzeptieren selbst Dinge, die über den Verstand hinausgehen. Menschen brauchen das Geheimnis.”

Auf die Frage, was Kermani der christlichen Kirche rät, gibt der Autor schlichte, eindringliche Antworten. „Gläubige gehen gern in die Kirche, wenn es schön ist. Im Gottesdienst der Orthodoxen versteht man nichts, aber die Kirchen sind voll“, sagt Kermani. „Da gibt es einen Schatz, den die Kirche zu wenig nutzt.“ Lammert ergänzt: „Ich habe nicht den Eindruck, dass wir Fortschritte machen.“

Mit „funkelnden Tönen“

Würde man Jesus heute inmitten der Menschen erkennen – in der Kölner Fußgängerzone, wie Kermani in einem seiner Texte schreibt? Im Dom, wie Mathieu fragt? Die Antwort ist „Nein“. Zu beruhigenden Harfenklängen von Linda Frank, die bereits zum Auftakt mit „funkelnden“ Tönen den Dom zum Klingen gebracht hat, kann sich jeder Zuhörer den Gedanken widmen, die Buch und Gespräch angeregt haben.

„Wir haben eine Sternstunde erlebt“, verabschiedet der Dompropst nach über zwei Stunden seine Gäste.

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