Annett Louisan: „Das Einzige, was zählt, ist der Moment“

Von: Michael Loesl
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Mit ihren Chansons zieht sie seit zwölf Jahren erfolgreich durch die Welt: Annett Louisan. In diesem Jahr gibt sie nur ein einziges Live-Konzert: am 27. August bei den Kurpark Classix in Aachen. Im Interview bekennt sie, dass sie Menschen packen und aufrütteln möchte. Foto: imago/Future Image

Aachen. Annett Louisan liebt das Fragenstellen, das Provozieren, das Staunen und das Versöhnliche. Mit ihren Chansons zieht sie seit zwölf Jahren überaus erfolgreich durch die Welt und hat dabei eine Menge über sich und über die Menschen gelernt.

Ohne Zeigefinger und Wertung gibt sie ihren Zuhörern den Raum, sich in ihren Texten wiederzufinden. Dass sie in diesem Jahr nur ein einziges Mal live zu sehen ist, am 27. August bei den Kurpark Classix in Aachen, ist vor allem ihrem Wunsch geschuldet, sich selbst immer wieder aufs Neue zu fordern, wie sie im Interview erzählt.

Frau Louisan, ist das Singen für Sie nach knapp anderthalb Jahrzehnten Bühnenerfahrung Routine oder immer noch Kommunikation?

Louisan: Für mich ist es ganz wichtig, die Menschen spüren zu können, für die ich singe. Ich bin mir der vielen verschiedenen Lebensgeschichten im Publikum bewusst, die vermutlich ganz unterschiedliche Vorstellungen von mir haben. Deswegen überrascht es mich immer wieder, wie intuitiv mein Publikum merkt, was Annett Louisan zum Austausch braucht.

Intimität?

Louisan: Und viel davon. Um keine Routine entstehen zu lassen, ist es mir wichtig, etwas zu wagen, mit meinem Sujet zu spielen. Nur zu funktionieren, das ist nicht meins. Mein Bauchgefühl ist mein Kompass.

Reiben Sie sich als Gefühlsmensch nicht pausenlos am Regime Popmusik, das ständige Funktionalität fordert?

Louisan: Funktionalität ist in der Tat sehr schwierig für mich. Ich bin fast ein bisschen stolz darauf, dass ich meiner Musik eine Nische geschaffen habe, in der ich einigermaßen zeitlos schalten und walten kann. Wie wenig funktional ich bin, sieht man an meinen nicht vorhandenen Singles. Ich kann Musik nicht formatieren. Das ist nicht immer zu meinem Vorteil, aber was soll’s.

Wie betrachten Sie als ehemalige Kunststudentin Pragmatismus in der bildenden Kunst?

Louisan: Pragmatismus in der Kunst finde ich sexy. Mit Objekten, die nur einen rein ästhetischen Wert haben und nicht verwendbar sind, kann ich zunehmend weniger anfangen.

Kann Musik nicht auch ihrer Ästhetik wegen begeistern?

Louisan: Natürlich kann und darf sie das. Aber ich empfinde sie aus anderen Gründen als Berufung. Ich bin ein symbiotischer Charakter und wollte immer dahin, wo die Menschen sind. Obwohl ich manchmal dringend Zeit für mich brauche, suche ich den gemeinsamen Nenner mit anderen. Ich will wahrhaftig sein mit Menschen.

Vielleicht gehen Sie deshalb so gerne auf die Bühne.

Louisan: Die Englischsprachigen haben dafür einen schönen Spruch: „The comfort of strangers“. Ich finde den Zustand fantastisch, ganz viel mit Leuten teilen zu können, die man gar nicht kennt. Das Einzige was dabei zählt, ist der Moment. Es gibt kein Gestern, es gibt kein Morgen, nur das Jetzt. Ich blühe dabei auf.

Weil Sie die Legitimation besitzen, Fragen mit vielen Leuten zu teilen?

Louisan: Ja, ich werde die ewig Suchende sein. Ich liebe es, sowohl in meiner Musik wie auch im Privat-Persönlichen, Fragen zu stellen. Fragen sind wichtig, sie besitzen etwas Euphorisches und gleichzeitig auch etwas Demütiges.

Gerade in Bezug auf die Liebe, Ihr Dauersujet.

Louisan: Ja, auf jedem meiner Alben stelle ich mindestens eine Frage nach der Liebe.

Haben Sie eine Antwort auf „Das Rezept“, wie eins Ihrer Lieder heißt, inzwischen gefunden? Darin fragen Sie, woher das „geheimnisvolle Kraut“ Liebe eigentlich kommt.

Louisan: Ich bin und bleibe in der Liebe die Fragende. Meistens bin ich auch diejenige, die geht, weil ich die Liebe nicht aushalten kann. Um richtig zu lieben, muss man unglaublich stark und mutig sein.

Man muss sich selbst akzeptieren können.

Louisan: Das kann ganz schön schmerzhaft sein. Ich bin nicht auf der Suche nach Treuepunkten oder Sicherheiten. Mich interessiert der Kern der Sachen, die uns alle an- und umtreiben.

Haben Sie eigentlich je Erfahrungen mit Langeweile gemacht?

Louisan: Ich muss zugeben, dass mein Erfahrungsschatz darin nicht groß ist. In Sachen Ungeduld bin ich hingegen Expertin. Ich will immer alles und gar nichts gleichzeitig. Auf Partys festkleben, das passiert mir äußerst selten. Dann ist man es ja als Künstler auch noch gewohnt, dass einem immer und überall Platz zum Inszenieren eingeräumt wird. Ich muss dabei höllisch aufpassen, dass mir die Leute nicht durch die Lappen gehen, die ich hätte kennenlernen sollen.

Klingt wie ein ewiges Katz- und Mausspiel.

Louisan: Das ist es auch. Und man muss das überbordende Ego manchmal bewusst zähmen.

Zuhören können Sie aber noch?

Louisan: Sehr gut sogar. Es steckt viel von mir in dem, was ich singe, aber ohne das Zuhören könnte es Annett Louisan überhaupt nicht geben. Ich singe in meinen Texten häufig Dinge, die andere nicht gerne formulieren.

Dabei leben wir doch in einer Zeit, in der jede Absonderlichkeit eine digitale Plattform findet, um lauthals nach Aufmerksamkeit zu schreien.

Louisan: Stimmt, man kann niemanden mehr schockieren.

Haben Sie jemals schockieren wollen?

Louisan: Nein, aber ich provoziere gerne, um etwas aus meinen Zuhörern herauskitzeln zu können, das sie freier macht. Und ich provoziere nicht uneigennützig. Je freier die Menschen sind, desto mehr Freude habe ich im Leben. Es berührt mich, wenn ich das Gefühl habe, einem Menschen etwas entlocken zu können. Bin ich auf der Bühne frei und erzähle von mir, kann ich Leute aus der Reserve locken. Es hat etwas empathisches, wenn ich das Gespür dafür entwickele, Menschen packen zu können, damit sie aufgerüttelt werden und sich trotzdem wohl fühlen.

Haben Sie sich mit Ihrem neuen Cover-Album „Berlin, Kapstadt, Prag“ eigentlich selbst ein Geschenk gemacht?

Louisan: Ich nahm das Album in zehn Tagen auf, ohne Druck. Es war wirklich ein wunderbares Geschenk, mal wieder spontan gewesen sein zu können. Umso mehr freue ich mich auf Aachen, weil ich ein paar der Lieder der Platte dort zum ersten Mal live singen werde.

Ihr einziges Konzert in diesem Jahr wird in Aachen bei den Kurpark Classixs sein. Haben Sie Ihr Konzert vor vier Jahren am gleichen Ort derart gut in Erinnerung behalten?

Louisan: Ja, es gefällt mir, etwas außerhalb der Reihe zu unternehmen. Und mit einem Orchester auftreten zu können, erweitert nicht nur die musikalischen Möglichkeiten. Es fordert mich, meine Geschichten neu und anders zu erzählen.

Opulenz und Intimität stehen für Sie nicht im Widerspruch zueinander?

Louisan: Wer die große Inszenierung nicht kennt, kann den nackten Augenblick nicht genießen.

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