Aachen - Andreas Martin Hofmeir: Der herausragende Tubist unserer Zeit

Andreas Martin Hofmeir: Der herausragende Tubist unserer Zeit

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Immer barfuß: Das ist das Markenzeichen von Andreas Martin Hofmeir, hier bei einem Auftritt mit La Brass Banda. Foto: stock/Stefan M. Prager

Aachen. Für jemand, der sich selbst mal als „faule Sau“ bezeichnet hat, ist Andreas Martin Hofmeir ganz schön fleißig. Wer seine Aktivitäten aufzählen will, muss sich Zeit nehmen.

Also: Der Bayer, geboren am 11. August 1978 in München, ist Musikkabarettist (er selbst stellt das an die erste Stelle), Klassikstar (solo wie in Ensembles), Buchautor, Professor an der Universität Mozarteum Salzburg. Er war Gründungsmitglied der wilden Blasmusik-Kombo La Brass Banda, spielte aber auch in renommierten Orchester und Kammermusikensembles. Bei La Brass Banda stieg er im vergangenen Jahr aus, um sich mehr seinen eigenen Projekten widmen zu können. Sein Instrument ist die Tuba, sein persönliches Exemplar nennt er „Fanny“.

Mit ihr hat der 37-Jährige große Erfolge gefeiert: als Stipendiat der Orchesterakademien der Berliner und Münchner Philharmoniker oder als Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs 2005 – als erster Tubist überhaupt. 2013 erhielt er den Echo Klassik als bester Instrumentalist. Dass er bei der Preisverleihung in Berlin ohne Schuhe auftrat, versteht sich von selbst. Bei La Brass Banda machen das alle so, und Hofmeir hat's beibehalten. Selbst, wenn er mit einem „seriösen“ Sinfonieorchester auftritt?

Na klar, sagt er im Gespräch mit unserem Redakteur Hermann-Josef Delonge. Das Aachener Publikum wird sich an diesen Anblick gewöhnen müssen: Hofmeir ist nämlich Solist beim nächsten Sinfoniekonzert im Eurogress.

Guten Tag, Herr Hofmeir. Wie geht es der Fanny?

Hofmeir: Ich habe sie zum Doktor gebracht. Die Ventile streiken.

Müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen?

Hofmeir: Nein. Das ist ganz normale Arthrose. Reine Routine.

Wie ist die Fanny zu ihrem Namen gekommen?

Hofmeir: Den habe ich ihr selber geben dürfen. Ich bin nämlich der Erstbesitzer, ich habe sie anfangs des Studiums gekauft.

Und wie sind Sie zur Tuba gekommen?

Hofmeir: Gezwungenermaßen. Eigentlich wollte ich Schlagzeuger werden. In unserer Blaskapelle gab es aber viele Schlagzeuger, deshalb kam ich nie zum Einsatz. Dann ist unser Tubist weggezogen, die Position war vakant. Ich war der Letzte, der Nein geschrien hat. Das ist die bittere Wahrheit. Mit Liebe hat das am Anfang nichts zu tun gehabt. Immerhin hat man mir versprochen, dass ich als Tubist immer mitspielen dürfe. Das war dann auch so.

Kommen Tubaspieler so gut bei den Frauen an wie Schlagzeuger?

Hofmeir: Leider nicht. Da hat die holde Weiblichkeit noch erheblichen Nachholbedarf. Sie hat den Sex-Appeal des gemeinen Tubisten, der zweifellos immens ist, noch nicht erkannt.

Den müssen Sie uns erklären.

Hofmeir: Tubisten sind gemütlich und ruhen in sich. Sie trainieren ihre Lippen, und zwar nicht so verbissen wie Trompeter. Sondern angenehm entspannt. Das hat kusstechnisch Vorteile. Und sie sind es gewohnt, schwer zu heben.

Sehr charmant. Wieso spielen eigentlich alle bayerischen Jungs in einer Blaskapelle?

Hofmeir: In einem bayerischen Dorf ist das eine Selbstverständlichkeit. Wenn man Musik machen will, geht man in die Blaskapelle. Ich selbst war acht, als ich anfing. Im Dorf war es cool, dort zu spielen. Im Gymnasium in der Stadt konnte das keiner glauben. Da liefen alle in Nirvana-T-Shirts rum. Ich galt da als der komische Dorfdepp, der am Wochenende zum Fest der Freiwilligen Feuerwehr mit der Kapelle durchs Land zog.

Hatten Sie kein Nirvana-T-Shirt?

Hofmeir: Nein. Ich wusste noch nicht einmal, wer das ist. Die Begeisterung für diese Art von Musik hält sich bei mir auch in Grenzen. Ich mag lieber gute Oldies. Und Ich kenne auch wahnsinnig schöne Blasmusik und fantastische Big-Band-Nummern. Ich bin ein großer Fan von Bert Kaempfert.

Trotzdem haben Sie später bei La Brass Banda noch die popkulturelle Rampensau gegeben. War das für Sie eher Blasmusik oder Rock- und Popmusik?

Hofmeir: Klar Rock und Pop. Ich habe in meiner musikalischen Entwicklung bestimmte Genres oft erst richtig kennengelernt, als ich die Musik gespielt habe. Vor La Brass Banda war ich noch nie auf einem Rockfestival. In der Klassik war es ähnlich. Ich war das erste Mal in einem Opernhaus, als ich dort gespielt habe. Das war in Berlin, in meinem ersten Semester an der Hochschule.

Vermissen Sie die ekstatische Atmosphäre, die bei La-Brass-Banda-Konzerten herrscht? Im klassischen Konzert geht es ja eher gesittet zu.

Hofmeir: Ich sage es mal so: Ich würde mir manchmal in klassischen Konzerten etwas mehr Reaktion vom Publikum wünschen. Was bei den La-Brass-Banda-Konzerten abgeht, war und ist phänomenal. Rein musikalisch war ich da allerdings nicht so gefordert. Man spielt da als Tubist seine Basslinie mit einer immensen Energie, und das war es dann auch. Auf der Tuba liebe ich aber sehr die leisen Töne, die Melodienbögen. Da ist man in der Klassik und im Jazz besser aufgehoben.

Was macht die Tuba für Sie so besonders?

Hofmeir: Sie ist das wohl am meisten unterschätzte Instrument. Kaum eines ist so prädestiniert für Soli. Die Tuba deckt fünf Oktaven ab, das kann fast kein anderes Instrument. Tubisten haben alle dynamischen Möglichkeiten, sie können lauter und leiser spielen als etwa Geiger. Der Ton ist immer weich und voluminös.

Warum haben bislang nur so wenige Komponisten diese Möglichkeiten entdeckt?

Hofmeir: Weil die Tuba so jung ist. Erst 1835 wurde sie erfunden. Und die ersten wirklich guten Spieler gab es erst in den 60er, 70er Jahren. Es galt lange Zeit als Strafe, dieses Instrument zu spielen, ausrangierte Trompeter wurde oft an die Tuba zwangsversetzt. Lange Zeit gab es auch keine vollen Stellen in den Orchestern. Wer die Tuba spielte, musste oft nebenher den Bus fahren oder war Notenwart.

Ein hartes Los. Würden Sie selbst mehr klassische Konzerte spielen, wenn es mehr adäquate Stücke für die Tuba gäbe?

Hofmeir: Es gibt so viele fantastische Tuba-Konzerte. Die Veranstalter trauen sich aber oft nicht, die zu buchen. Ich selbst spiele pro Jahr bis zu 25 Solokonzerte mit Sinfonieorchestern. Das ist bestimmt noch ausbaufähig.

Was macht das Duda-Konzert aus, das Sie in Aachen spielen werden?

Hofmeir: Es ist das erste große Tuba-Konzert, das ich mir habe komponieren lassen. Von meinem Lieblings-Lebend-Komponisten Jörg Duda, der Kirchenmusiker in meinem Heimatdorf ist. Ein hoch-romantisches Stück mit einem Harmoniereichtum, der fast an Richard Strauss erinnert. Es gibt auch viele Anklänge an finnische Musik. Tatsächlich klingt es wie Filmmusik.

Sie werden das Konzert in Aachen auch moderieren, und es gibt eine besondere Einführung für Schulklassen. Teilen Sie die Befürchtung, dass die klassische Form des Sinfoniekonzerts aussterben wird, weil sich das junge Publikum dafür nicht begeistert lässt?

Hofmeir: Das glaube ich so nicht. Denn es kommt ja immer älteres Publikum nach. Die wollen nicht im Club tanzen gehen, sondern suchen eine ruhigere Form der musikalischen Unterhaltung. Außerdem vermittelt die klassische Musik genug Faszination, um immer wieder zu begeistern. Allerdings: Beim klassischen Konzert ist es wie bei der katholischen Messe. Wer zum ersten Mal dorthin geht und das ohne Erklärung erlebt, der findet das so seltsam, dass er in vielen Fällen nicht wieder hingeht. Der Ablauf von klassischen Konzerten setzt voraus, dass jeder im Publikum schon mal da war und genau weiß, wie er sich zu verhalten hat. Die Stücke bleiben unkommentiert, die Programmhefte kosten Geld. Besser wäre es doch, wenn da jemand auf der Bühne stehen und erklären würde, was da jetzt gerade passiert, was die Besonderheit der Musik ausmacht und so weiter.

Und das wollen Sie tun?

Hofmeir: Genau. Wenn ich auf die Bühne komme, dann verliert das Konzert sofort seinen steifen Charakter. Denn ich bin ja eigentlich in der Klassik auch nur zu Gast. Ich bin von Beruf Kabarettist, und ich mache halt zufällig auch klassische Musik. Ich sehe den Betrieb durchaus distanziert und kann auch darüber lachen. 80 Pinguine auf der Bühne, die gemeinsam Därme schrubben und in Rohre pusten, und vorne macht einer komische Bewegungen: Wenn das nicht witzig ist.

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