Andreas Beitin: Was der neue Leiter des Ludwig Forums plant

Von: Eckhard Hoog
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Nach Wolfgang Becker, Harald Kunde und Brigitte Franzen ist er der vierte Direktor des Aachener Ludwig Forums: der 1968 in Uetersen im Kreis Pinneberg (Schleswig-Holstein) geborene Andreas Beitin. Im Interview skizziert er seine Vorstellungen. Foto: Harald Krömer
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Andreas Beitin will die Attraktivität des Aachener Ludwig Forums spürbar steigern. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Seit dem 1. Februar leitet Andreas Beitin als Nachfolger von Brigitte Franzen das Ludwig Forum in Aachen. Aus einem Kreis von 40 Bewerbern überzeugte der 47-Jährige ein internationales Team von Fachexperten am meisten.

Am Dienstag stellten ihn Kulturdezernentin Susanne Schwier und der Leiter des Kulturbetriebs, Olaf Müller, der Presse vor. Im Interview mit unserer Zeitung skizziert Andreas Beitin seine Vorstellungen.

Die naheliegendste Frage, die sich als erste stellt, ist die: Was hat Sie besonders gereizt, um das Amt hier im Ludwig Forum zu übernehmen?

Beitin: Nach insgesamt mehr als elf Jahren am ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, in denen ich zunächst in verschiedenen wissenschaftlichen Positionen tätig war und im Frühjahr 2010 die Leitung des ZKM Museum für Neue Kunst übernommen habe, war es für mich an der Zeit für einen Wechsel. Ich bin eigentlich niemand, der seine Karriere durchplant.

Als ich aber im letzten Frühjahr die Ausschreibung für die Direktion des Ludwig Forum gesehen habe, dachte ich: „Mensch, das ist ein spannendes Haus und passend für eine neue Herausforderung“. Was mich am Ludwig Forum gereizt hat, war natürlich als erstes die weltweit bekannte Sammlung Ludwig und die Aussicht, aus diesem wunderbaren Bestand Ausstellungen konzipieren zu können. Dann hat mich die Idee des Forumsgedankens fasziniert.

Ich finde es sehr richtungsweisend, dass man seinerzeit das Haus nicht Ludwig Museum, sondern Ludwig Forum genannt hat, um zu verdeutlichen, dass das Haus nicht nur ein Ort ist, an dem man schöne Bilder und Skulpturen ausstellt, sondern dass es auch ein Ort ist, wo ein Diskurs stattfindet, wo gesellschaftlich relevante Themenstellungen verhandelt werden. Und der dritte Aspekt war die Videokunst, die hier früh gesammelt worden ist. Damit war meine Hoffnung verbunden, dass ich hier auch meine Medienkunstkompetenz einbringen kann.

Was sind die wertvollsten Erfahrungen, die Sie mitbringen?

Beitin: Zum einen mit dem ZKM in einem Haus gearbeitet zu haben, das international sehr gut vernetzt ist, das innovative, dynamische und richtungsweisende Ausstellungen und Formate entwickelt. Hierzu habe ich in all den Jahren einen nicht unwichtigen Teil beigetragen.

Durch die internationale Vernetzung bringe ich Kooperationspartner und Kontakte mit, die für das Ludwig Forum genutzt werden können. Dann ist es sicherlich auch der Weitblick und die Offenheit für interdisziplinäre Themen, wie zum Beispiel die Verbindung von Kunst, Technik und Wissenschaft, aber auch das Gespür für richtungsweisende Positionen in der Kunst. Und natürlich auch die Offenheit für gesellschaftliche relevante Themen und Fragestellungen, die die Menschen heute bewegen.

Welche Vorstellungen und Erwartungen verbinden Sie mit dem Amt?

Beitin: Meine Vorgängerin, Brigitte Franzen, hat im Ludwig Forum ein sehr qualitätsvolles Programm gefahren. Das möchte ich fortsetzen und weiter ausbauen, nur mit anderer Schwerpunktsetzung. Ich bin der Meinung, dass sich heute eine Kulturinstitution nicht mehr allein darin gefallen kann, ein Ort der Kontemplation zu sein.

Sie muss darüber hinaus Stellung beziehen zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen wie etwa zu Chancen und Risiken der Digitalisierung oder auch der aktuellen Migrationsbewegung. Durch attraktive Ausstellungen, Vorträge, Filmabende und Symposien sollen möglichst viele Menschen den Weg in dieses Haus finden. Das Haus wird durch Steuergelder finanziert und soll sich dementsprechend an die gesamte Bevölkerung richten.

Wie wollen Sie eine Verbesserung der Besucherzahlen erreichen?

Beitin: Neben dem erwähnten attraktiven Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm muss zunächst die Präsenz des Ludwig Forums in der Stadt erhöht werden. Wenn man als unbedarfter Besucher nach Aachen kommt, sieht man mit Glück zwar am Bahnhof schon mal einen kleinen Kasten mit einem Plakat, aber ansonsten bekommt man vom Ludwig Forum in der Stadt wenig mit.

Ich habe in den verschiedenen Gremien immer die Lacher auf meiner Seite gehabt, wenn ich erklärt habe, dass man in Los Angeles, einer ungleich größeren Stadt als Aachen, beispielsweise sehr schnell weiß, was im Los Angeles County Museum gerade zu sehen ist. Da werden ganz einfach an drei, vier prominenten Orten in der Stadt massiv Banner aufgefahren. Ich hoffe hier sehr auf die Förderung der Stadt, dass sie den außerordentlichen Wert des Hauses erkennt und mich in dieser Angelegenheit unterstützt.

Statt Banner kann man natürlich zeitgemäßere Formen einsetzen, wie etwa OLED-Kuben oder LED-Screens, die kurze Videoclips von den Ausstellungen zeigen. Mit diesen und vielen anderen Themen stehe ich bereits in einem regen Austausch mit Oberbürgermeister Marcel Philipp, der Bürgermeisterin MargretheSchmeer, Dezernentin Susanne Schwier und auch Kulturamtsleiter Olaf Müller, die mir alle einen reibungslosen Start in Aachen ermöglicht haben.

Das Haus kann zweifelsohne einen Attraktivitätsschub vertragen. Haben Sie schon ein Rezept oder Ideen?

Beitin: Neben dem Programm und der Stärkung der Präsenz ist es mir unter anderem auch ein wichtiges Anliegen, das gastronomische Angebot auszubauen . . .

Auszubauen ist gut . . .

Beitin: Ja, man muss wohl eher sagen, es muss etabliert werden. Auch so ein Angebot gehört ganz wesentlich zu einem zeitgemäßen Museum dazu. Ich sehe immer mit Faszination auf die tollen Restaurants im Lenbachhaus in München oder im Städel in Frankfurt, wo Menschen schon allein deshalb hingehen, weil das Restaurant als solches bereits attraktiv ist. Die ehemalige Kantine und der Innenhof des Ludwig Forums bieten sich für eine gastronomische Nutzung hervorragend an. Ein gutes Restaurant mit einem attraktiven Angebot für tagsüber und abends kann für alle Beteiligten nur eine Win-win-Situation sein.

Wie sieht Ihr Programm aus? Wollen Sie schon Details offenbaren?

Beitin: Gerne. Da ist zunächst die Mies-van-der-Rohe-Ausstellung, in der wir zum ersten Mal überhaupt fast sämtliche Collagen des in Aachen geborenen Architekten zeigen werden. Das ist ein großartiges Konvolut, das aus dem MoMA aus New York kommt. Dazu veranstalten wir zwei Symposien. Das andere Projekt ist die Ausstellung „Kuba OK“. Peter und Irene Ludwig haben ja sehr frühzeitig – das als ein Nachtrag zu Ihrer vorhin gestellten Frage, was mich besonders gereizt hat – ihren Blick auf Kunst und Länder gerichtet, die eben nicht zum westlichen Kunstkanon gehören, etwa auf Russland oder Kuba.

Die Ausstellung „Kuba OK“ wird zuerst in Havanna und später in Aachen gezeigt, kuratiert von der kubanischen Aktivistin und Performancekünstlerin Tania Bruguera. Ich stehe mit der Künstlerin bereits in regem Austausch, um die Ausstellung weiter planen zu können. Vor dem Hintergrund des aktuellen politischen Wandels in Kuba ist es natürlich besonders spannend, diesen Teil der Sammlung Ludwig gerade jetzt zu präsentieren.

Wenn wir ein bisschen weiter vor-ausblicken: Kann man von Ihnen bei den Ausstellungen thematische Schwerpunkte erwarten?

Beitin: Thematische Schwerpunkte wird es insofern geben, als ich relativ stark gesellschaftspolitisch arbeiten möchte. Ich plane für das Jahr 2018 eine Ausstellung, die sich mit dem Jahr 1968 auseinandersetzt. Es gibt ja kein anderes Jahr in der westlichen Welt, das einen ähnlich ikonischen Status hat wie das Jahr 1968. In gewisser Weise haben damals drei „Revolutionen“ stattgefunden: auf politischer, sozialer und künstlerischer Ebene. Die 60er Jahre waren sowieso das innovativste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.

Alle wichtigen Tendenzen von heutigen Künstlern basieren weitgehend auf Kunstrichtungen und künstlerischen Entwicklungen, die in den 60ern geschaffen wurden – Minimal Art, Konzeptkunst, Arte Povera, Pop-Art natürlich nicht zu vergessen. Das Jahrzehnt war für die Aachener Kunstszene ja auch enorm wichtig. Und 1968 ist auch für die Sammlung Ludwig ein bedeutendes Jahr, weil sie damals zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert worden ist und dementsprechend 2018 ihr 50-jähriges Jubiläum feiern kann.

Im Sommer 1968 hat Peter Ludwig seine Pop-Art-Sammlung im Aachener Suermondt-Museum unter dem Titel „Zeitbild – Provokation – Kunst“ vorgestellt. Wird Ihre Ausstellung darauf Bezug nehmen?

Beitin: Mit Sicherheit ja. Mir ist es wichtig, bei der Ausstellung zum einen die „Kronjuwelen“ der Sammlung Ludwig zu zeigen aber auch zu untersuchen, was sich ansonsten in Aachen und der Gesellschaft politisch, aber auch allgemein getan hat, was die Menschen umgetrieben hat, wodurch sie manipuliert worden sind, was ihre Utopien waren und was daraus geworden ist.

Vielleicht kann man die Aachener Schau rekonstruieren?

Beitin: Zumindest zu einem Teil wäre das sicher denkbar, ja. Auch möchte ich auf die Ergebnisse der im Ludwig Forum tätigen Forschungsgruppe Plattform Aachen zurückgreifen, die die 60er Jahre in Aachen erforscht. Auf deren Erkenntnisse möchte ich aufbauen und zeigen, welche wichtigen Impulse aus Aachen für die damalige zeitgenössische Kunst ausgegangen sind und was wir heute dafür tun können. Das heißt, der Bogen der Ausstellung wird von 1968 bis 2018 geschlagen werden.

Wie wollen Sie den Forums-Charakter des Hauses fortentwickeln? Kann man sich Rockkonzerte in der Mulde vorstellen?

Beitin: Also Rockkonzerte in der Mulde wird es eher nicht geben. Ich möchte auf jeden Fall verantwortungsvoll mit dem Haus und der Sammlung Ludwig umgehen und natürlich nur solche Veranstaltungen in der Mulde durchführen, die zur Identität des Hauses passen und die Werke nicht gefährden. Aber ich möchte definitiv die Mulde reaktivieren. Sie ist ja so ein wunderbar minimalistisches, reduziertes Amphitheater. Ich möchte sie als ein Ort der Auseinandersetzung und der Diskussion nutzen für ein regelmäßiges Vortrags- und Rahmenprogramm.

Für den Herbst ist beispielsweise eine Diskussionsrunde zur Zukunft Europas geplant. Jahrhunderte-lang wurde Europa durch den christlichen Glauben zusammengehalten, im 20. Jahrhundert durch die Wirtschaft, also durch das Geld – ein Konzept, das aktuell in der Krise ist. Als letzte Möglichkeit scheint die Kultur als Bindeglied funktionieren zu können. Ob das ein gangbarer Weg ist, werden wir mit namhaften Wissenschaftlern diskutieren. Auch soll natürlich das Kino im LuFo genutzt werden, um dort künstlerische Filme zu zeigen.

Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die haben mit zeitgenössischer Kunst wenig am Hut. Was sagen Sie denen?

Beitin: Ich denke, das ist zunächst etwas, was man auch der Politik verdeutlichen muss: dass Kunst wesentlicher Teil des Bildungskanons, der Erziehungsarbeit und nicht zuletzt auch des Integrationsprozesses ist, sei es für Behinderte oder Flüchtlinge. Das heißt, sie ist Teil der Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart, aber auch mit der eigenen Geschichte.

Sich mit der Kunst der Gegenwart zu beschäftigen, heißt ja nichts anderes, als sich auch mit dem heutigen Leben und seinen ganzen Komplikationen und Herausforderungen auseinanderzusetzen und sich dem inhaltlich zu stellen. Klar gibt es Menschen, die damit nichts am Hut haben, aber auch die muss man versuchen, durch unterschiedliche Angebote von high bis low hierher zu locken.

Die Sammlung Ludwig bietet ja genug Werke auch für Menschen, die für junge Kunst erst mal nicht so viel übrig haben. Sie alle möchte ich einladen, das Ludwig Forum zu besuchen, um es zu einem lebendigen und damit auch zu einem attraktiven Ort zu machen.

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