Köln - Ambitioniert, aber langatmig: Die Lit.Cologne-Gala

Ambitioniert, aber langatmig: Die Lit.Cologne-Gala

Von: Susanne Schramm
Letzte Aktualisierung:
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Dietmar Wischmeyer bei der Lit.Cologne-Gala. Foto: Thomas Brill

Köln. Man hat sich bemüht. Der Moderator Roger Willemsen ist ebenso eloquent wie bewährt. Die Vorleser Maria Schrader und Matthias Brandt sind fachlich und sprachlich über jeden Zweifel erhaben. Und die Liste der Gäste ist prominent genug, um Montagabend einmal mehr für ein ausverkauftes Haus zu sorgen.

Trotzdem: Aufregend geht anders. Die Lit.Cologne-Gala 2010 plätschert dahin. Ambitioniert, aber langatmig. Was nicht am Zeitfenster liegt.

Längst hat sich die Veranstaltung des Kölner Festivals, die traditionell als erste ausverkauft ist, auf gut drei Stunden (mit Pause) eingependelt. Abende, die vier Stunden und mehr dauerten, gehören der Vergangenheit an. Und auch nicht am Thema. Was kann spannender sein, und verlockender, und inspirierender als Reisen?

Alle Autoren sind Reisende. Im Kopf, auf dem Papier oder manchmal sogar ganz real, in einem Topolino, wie der Schweizer Nicolas Bouvier, der 1953 von Genf via Jugoslawien, die Türkei und Pakistan nach Kabul reiste.

Reisen kann man in Städte, Länder und fremde Welten. Durch Kriegs- und Krisengebiete wie die deutsche Publizistin und Reporterin Carolin Ehmcke. Unterwegs mit Blicken durch ein Zimmer, durch einen Kosmos der Erinnerung oder zu abgelegenen Inseln wie die gelernte Kunstgeschichtlerin und Kommunikationsdesignerin Judith Schalansky.

Reisen können zu den Sternen führen, zu neuen, besseren Erkenntnissen oder geradewegs in die Hölle. Es hat sie zu allen Zeiten gegeben, unter allen möglichen, oft auch schwierigen, Umständen und wechselnden Vorzeichen. Zwar bieten Schalanskys souverän vorgetragene „Erd-Erotika” Anlass zum Amüsement und Dietmar Wischmeyer („Der kleine Tierfreund”) darf zum Schluss über Sylt als „Wanderdüne mit Cabrio-Besatz” ablästern.

Ansonsten aber regiert an dem Abend der Ernst. Wenn die Lit.Cologne mobil macht, dann werden dafür zu früh und tragisch Verstorbene wie die Erika Mann-Freundin Annemarie Schwarzenbach zitiert, Star-Geiger und Autor des Klassik-Ratgebers „Wann darf ich klatschen?” Daniel Hope darf mit Ravels „Kaddish” seines toten Mentors Yehudi Menuhin gedenken und ein, formvollendet von Schrader vorgetragener, Auszug aus Patrick Leigh Fermors Roman „Die Violinen von Saint Jacques” begräbt den karibischen Karneval mit einem Vulkanausbruch.

Wärme ist das Leitmotiv

Wärme ist, seltsamerweise, Leitmotiv dieses Abends. Wir reisen nach Afrika. Nach Afghanistan. Oder in den Pazifik. Mit wenigen Ausnahmen (Sylt, Zürich) bleibt der nördliche Teil der Erdkugel ausgespart. Keine Spur von Kälte, von Frost oder gar ewigem Eis.

Wäre da nicht Moderator Willemsen mit seinen bissig-scharfsinnigen Bemerkungen, die mitunter an eine Beschimpfung des Publikums („ökonomisch gut ausgestattet und Dekadenz im Gesicht”) grenzen, man würde inmitten der wohlig temperierten Betroffenheitsbadewanne glatt vergessen, das gleich nebenan Köln-Nippes liegt. Was Willemsen mehrfach, und mit diebischem Vergnügen, in die kollektive Erinnerung ruft.

Auch musikalisch bleibt das Tempo weitgehend getragenen. Erst zum Schluss darf Klaus Osterloh in die Fußstapfen von Louis Armstrong treten und mit „Do You Know What It Means To Miss New Orleans?” ein bisschen Dixieland-Frohsinn verbreiten. Um 23.10 Uhr kommt diese vergnügliche Reise in die Südstaaten reichlich spät.

Veranstaltungen im Rahmen der Lit.Cologne läuft noch bis Samstag, 20. März.
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