Alte Reichsabtei wird „Kunsthaus NRW“

Von: Eckhard Hoog
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Aktuelle Kunst in alten Räumen: Das Kunsthaus NRW Kornelimünster startet unter der neuen Leitung von Marcel Schumacher (rechts). Die Pressearbeit besorgt Elke Kania, der Belgier Ante Timmermanns (Mitte) zeigt in diesem Raum seine Werke. Foto: Andreas Herrmann

Kornelimünster. Jetzt zeigt sich auf frappierende Weise, wie wichtig es tatsächlich war, dass sich die Stadt Aachen vor Jahren – namentlich der damalige Oberbürgermeister Jürgen Linden (SPD) und Kulturdezernent Wolfgang Rombey – für den weiteren Verbleib der landeseigenen Sammlung Kunst aus NRW am Standort Alte Reichsabtei Kornelimünster eingesetzt hat.

Unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) drohte 2008 noch der Abzug in die Abtei Brauweiler. An diesem Samstag wird hier nun die erste Doppelausstellung unter der neuen Leitung von Marcel Schumacher (38) eröffnet – und die ist ein echter Paukenschlag: Die ganzen Möglichkeiten des Hauses als Kunststandort im Herzen der Euregio werden ebenso deutlich wie das enorme Potenzial der landeseigenen Kunstsammlung mit ihren sage und schreibe 4000 Stücken und die weiteren verheißungsvollen Entwicklungsperspektiven der Alten Reichsabtei.

Neuer Name, neue Ausrichtung

Neuer Name, neuer Ausrichtung: Aus „Kunst aus NRW“ wird „Kunsthaus NRW Kornelimünster“ und damit verbunden der Anspruch des dynamischen jungen Direktors, nicht nur die Vergangenheit der NRW-Kunst abzubilden, sondern auch die junge, ganz frische Szene zu präsentieren. Und die in Dialog zu setzen mit den aktuellen Pendants in Belgien und den Niederlanden.

Wie groß die Unterstützung des Konzepts in Düsseldorf und überhaupt die Wertschätzung der landeseigenen Einrichtung ist, mag man schließen aus der Tatsache, dass die frischgebackene Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, Christina Kampmann (SPD), als Nachfolgerin von Ute Schäfer (SPD) bei der Eröffnung selbst ein Grußwort sprechen wird.

Wo soll man nur anfangen, die beiden wunderbaren Ausstellungen zu beschreiben, die auf Grenzen sprengende Weise einen Einblick geben in die Geschichte und Gegenwart der Kunstszene NRW mit ihren nachbarlichen Spielarten? Vielleicht mit dem überwältigenden Raum, den Hannelore van Dijck komplett gestaltet hat – mit Kohle an den nackten Wänden. Was mögen sie in dem barocken Bau nicht alles schon erlebt haben – und was mag sich erst noch früher abgespielt haben, als die Benediktiner hier hausten, unter den Ottonen die Äbte als Reichsfürsten residierten oder nach 1992 Künstler ihre Bilder aufhängten?

Die Belgierin Hannelore van Dijck hat sich von der Geschichte des Ortes inspirieren lassen und in fantasievoller Weise all die möglichen Spuren zeichnerisch rekonstruiert, mit Kohle auf den Wänden – zum Beispiel die Löcher der früheren Bilderhängungen und die Narben, die diese lebendigen, geradezu sprechenden Wände mitunter zu erleiden hatten.

Und während die Deckenmalereien der Alten Reichsabtei eine himmlische, andere, bessere Wirklichkeit mit Engeln und Heiligen beschwören, führt die Künstlerin mit ihrem Rundum-Bild den Besucher auf die tatsächliche Realität zurück. All das mit Licht und Schatten täuschend echt und plastisch auf den Putz geworfen, ein echtes Erlebnis – nachhaltig beeindruckend!

„Aussichten“ auf die junge Szene in NRW und Belgien – so heißt dieser Teil der doppelten Premierenausstellung mit weiteren zeitgenössischen Werken von Marcel Hiller, Jürgen Staack, Ante Timmermanns und Marianna Chris-tofides.

Wie sich die Zeiten in knapp 70 Jahren Förderankäufen, mit denen das Land jungen Künstlern hilfreich unter die Arme greift, geändert hat, das demonstriert Marianna Christofides allein mit ihrer Biografie: Sie stammt aus Nikosia, Zypern, und studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Während NRW-geförderte Künstler noch in den 50er Jahren mindestens in Nordrhein-Westfalen geboren sein mussten, reicht es heute gerade mal, hier zu leben, um derart gerne „eingemeindet“ und unterstützt zu werden.

Wahrheit oder Trugbild?

Marianna Christofides zeigt eine Videoarbeit mit Fischern vor Montenegro, die noch auf archaische Weise mit vom Ufer aus ins Meer abgelassenen Netzen auf Fang gehen – und sich so gegen alle neumodischen Methoden der Kollegenschaft stemmen. Die Widersprüche und Gegensätze der eigenen Biografie klingen damit ebenso an wie in einem anderen Werk.

Mit Fotos, Briefen und verschiedenen Dokumenten erzählt die Künstlerin in einer Installation die fiktive Lebensgeschichte einer Mrs. Appleton, die in Gibraltar geboren wurde und später als Patientin auf der Couch von Sigmund Freud gelegen haben soll. Eine Geschichte, die eigentlich nirgendwo hinführt, aber das Problem der Identität thematisiert. Was ist wahr, was nur ein Trugbild oder gar Fake? Inspirierende und zeitnahe Fragen.

Scheinbare Ordnungen können trügerisch sein – die Frage der Wahrheit erscheint bei Jürgen Staack in Form einer großformatigen, abstrakt wirkenden Malerei: Indessen: Es handelt sich um nichts anderes als Fotos – von Hauswänden in Peking, auf denen Menschen verbotenerweise ihre Telefonnummern hinterlassen haben und auf diese Weise Dienstleistungen jeder Art anbieten. Wiederum unkenntlich gemacht durch die Behörden. Da stürzt buchstäblich auf völlig überraschende Weise die ganz menschliche, zeitgenössische Realität dieser Welt über nichts als ein abstraktes Bild in ein erfrischend zu erlebendes Kunsthaus in Kornelimünster herein.

Dann erst die Sammlung – Marcel Schumacher hat sie gesichtet und beschreibt ihr Potenzial als gewaltig: Obgleich nur Werke von blutjungen NRW-Künstlern angekauft wurden, erkennt er die Möglichkeiten von Themenausstellungen, historischen, Stil- und Epochenübersichten. Einen Eindruck davon liefert bereits jetzt der zweite Teil der Doppelschau: „Einsichten – Sammlung mit losen Enden“. Allein die Namen haben es in sich: Gerhard Richter ist dabei, mit Frühwerken, heute absolut unbezahlbar, und wie sie alle heißen: Sigmar Polke, Gregor Schneider, Günther Uecker...

Schumacher hat Räume gestaltet und Beziehungen geknüpft – Porträtbilder von Gerhard Richter und Thomas Ruff, Rasterbilder von Sigmar Polke und eine Installation von Günter Weseler. 50er, 60er, 70er, 80er Jahre – sie sind hier in repräsentativen Frühwerken raumweise zu besichtigen. Wer kann das sonst schon so locker leisten?

Die große Lücke: Beuys

Der neue Direktor verschweigt indessen nicht, dass die Sammlung auf der anderen Seite ganz erhebliche Lücken aufweist: Joseph Beuys zum Beispiel, der kommt nicht mit einem einzigen Werk vor. Das Enfant terrible der Professorenschaft an der Düsseldorfer Kunstakademie muss wohl auch in frühen Jahren ziemlich abschreckend gewirkt haben. Allein: für Marcel Schumacher kein Hindernis, künftig einmal um diese mangelnde Figur herum eine Ausstellung der Schüler zu gestalten. Und irgendeine Fettecke lässt sich irgendwo schon ausleihen.

Schade, dass Maria Engels, die ähnliche Ideen zum Ende ihres Wirkens als Leiterin der Kunst aus NRW für die Zukunft formuliert hatte, die verheißungsvolle Fortführung ihres Hauses unter der neuen Generation nicht mehr erleben kann . . .

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