„Alle meine Söhne“: Bittere Wahrheiten unter schmelzendem Streicherklang

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Karsten Meyer als Joe Keller, Marie Hacke als Ann in Arthur Millers „Alle meine Söhne“. Foto: L. Koerfer

Aachen. Weißer Boden, schwarze Wände, ein Vorhang aus bunten Plastikfransen. Zehn weiße Plastikstühle bilden eine Reihe, die Akteure nehmen Platz, wirken entspannt. Ein einziger Stuhl bleibt frei, die erste Lücke in der Heile-Welt-Fassade der Familie Keller.

Über alle legt sich wie flüssiger Honig schmelzender Streicherklang – das Orchester Percy Faith spielt „A Summer Place“, ein Nr.1-Hit der 50er Jahre – süßlich, betäubend, der verlorene „American Dream“ in musikalischer Form.

Um Lebenslügen und das verzweifelte Festhalten an zerbrochenen Hoffnungen geht es in Arthur Millers Frühwerk „Alle meine Söhne“ (1947). Michael Helle hat das Stück für die Kammerspiele des Aachener Theaters inszeniert und beweist, wie gegenwärtig Miller geblieben ist. Kriegsnah ist die Grundgeschichte: Joe Kellers Maschinenfabrik hat fehlerhafte Bauteile an die Luftstreitkräfte der US-Army geliefert. Es kam zum Absturz von 21 Flugzeugen, die Piloten starben. Unter ihnen vermutet man auch Larry, Kellers ältesten Sohn. George Deever, einst Kellers Mitarbeiter, wurde zum Sündenbock. Zum Zeitpunkt der Handlung sitzt er seine Strafe noch ab. Tochter Ann war einst mit Larry verlobt. Mutter Kate leugnet Larrys Tod noch immer.

Beim Zusammentreffen aller Beteiligten brechen Wahrheiten auf. Karsten Meyer durchläuft als Joe Keller eine eindrucksvolle Entwicklung. Mit amüsierter Arroganz bestimmt dieser Joe die Geschicke von Firma und Familie. Kritik erstickt er gern mit einem gedehnten Schweigen an der richtigen Stelle. Meyer zeigt höchste Präsenz, wenn sich die Gelassenheit in nervösen Aktionismus verwandelt, der Zusammenbruch naht.

Katja Zinsmeister ist als Kate eine Frau, die sich nur über die glückliche Familie definiert. Sohn Larry darf nicht tot sein, Ehemann Joe darf nicht schuldig sein. Das ist berührend, obwohl Helle auch bei ihr Schwächen und Versäumnisse aufzeigt. Plötzlich wird es dunkel wie vor einem Unwetter, Schatten umkreisen die zusammengesunkene Frau, düstere Musik erklingt – Blick ins Seelenchaos. Achim Römers Ausstattung ist minimalistisch und lässt Raum für psychische Vorgänge.

Und die junge Generation? Simon Rußig ist ein sensibler, etwas verträumter Chris, den die Tatsachen völlig überfordern. Marie Hacke spielt Ann Deever mit einer faszinierenden Mischung aus früher Reife und frecher Jugendlichkeit. Wie das Lügenkonstrukt Menschen zerstört, zeigt Hannes Schumacher als ihr Bruder George Deever. Nachbarn und Bekannte umkreisen die gar nicht heile Familie: Torsten Borm, Elke Borkenstein, Thomas Hamm und Luana Bellinghausen zeigen perfekt alle Spielarten kleinbürgerlicher Bespitzelung.

Die Inszenierung bleibt in 105 Minuten spannend. Sie ist geprägt von sorgfältiger Ausarbeitung der Charaktere und geschickter Personenführung. Ein starkes Ensemble überzeugt in einer souveränen Regieleistung. Begeisterter Applaus.

Aufführungen: 3., 7., 11., 18. Februar, 11., 15., 25. März, 9., 16., 21. April, 5., 9., 27. Mai.

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