„Alcina“ am Theater Aachen: Ein amüsanter Opernabend

Von: Armin Kaumanns
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Die Zauberin als Foto-Künstlerin: Katharina Hagopian (Alcina) glänzt im Zentrum eines famosen Ensembles, rechts Jelena Rakic. Foto: Wil van Iersel
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Riesentalent: Countertenor Jakub Józef Orlinski (25) als Ruggiero.

Aachen. Im Karlsjahr tritt der nächste Lieblings-Ritter Karls des Großen auf die Opernbühne der Kaiserstadt: Ruggiero. Der ist eine Art Odysseus des Rolandsliedes und lässt sich ebenfalls auf einer einsamen Insel von einer sehr weiblichen Zauberin bezirzen.

Diese Dame heißt beim Dichter Ariost Alcina und gibt dem barocken Komponisten-Star Georg Friedrich Händel die Vorlage für eine weitere Oper über die Paladine Kaiser Karls. Regisseur Jarg Pataki versetzt Teil zwei der dreiteiligen Aachener Reihe in ein Liebesnest besonderer Art.

Gesangskunst und Gestöhn

Zunächst aber sehen wir nichts. Nur eine schwarze Wand und das Sinfonieorchester Aachen, das auf Minibesetzung geschrumpft, aber im Graben hochgefahren ziemlich sichtbar auf die Winke seines ehemaligen Ersten Kapellmeisters Péter Halász hört. Wow, das federt und tiriliert ganz entzückend durch die kurze Ouvertüre. Cembalo und Laute zirpen zu lichten Streicherklängen, süß schnarrt die Barock-Oboe, ja sogar ein Spezialist für das barocke, handgestopfte Horn befindet sich im Ensemble der Soundspezialisten fernab von üppiger Verdi-Ästhetik. Die Wand bleibt auch, als sich zwei Herren durchs Parkett drängen und Einlass verlangen. Immerhin öffnet sich eine Tür und eine Dame in heißen Höschen schaut heraus. Morgana ist so etwas wie der Pförtner zu einer Lasterhöhle, die sich sehr pittoresk hinter der schwarzen Wand unseren Blicken öffnet.

Da fläzen sich allerlei mehr oder minder bekleidete Männlein und Weiblein auf Couches oder im Lotterbett, von der Decke baumeln Lüster in Menschengestalt. Überall im heruntergekommenen klassizistischen Ambiente sind Fotos, Leinwände, Leitern, Leinen. Und Alcina, die Rothaarige, wirkt als Zentrum dieser bei Andy Warhol entlehnten „Factory“ inmitten eines Foto-Sets als laszive Body-Painterin im engen Hautkontakt mit dem halbnackten Ruggiero, der offenbar in Trance der Zauberin zu Willen ist. Ja, es gibt Alkohol, ja, auch Drogen sind im Spiel. Ja, es geht bisweilen auch sexuell ziemlich freizügig zur Sache in Alcinas Reich – da wird auch schon mal eine Arie von rhythmischem Gestöhn und Gejuchze untermalt. Aber nein: Besorgte Eltern brauchen ihre heranwachsenden Kinder von diesem Opernabend nicht fernzuhalten.

Denn im Grunde ist ja Patakis Idee, die er mit seiner Bühnenbildnerin Anna Börnsen und Sandra Münchow (Kostüme) entwickelt hat, dass der Blick der, naja, sagen wir mal: Spießer auf diese Insel der freien Kunst und Liebe zu dem unseren wird. Dafür stehen die Herren Melisso und Bradamante, die zu Beginn ans Tor klopften. Sie wollen nämlich Ruggiero, den Ritter, wieder zur (bürgerlichen) Vernunft bringen und nach Hause holen. Wie sich bald herausstellt, ist Bradamante nämlich gar kein Mann, sondern die verkleidete Ehefrau des Ritters, der sich daran aber kaum noch erinnert, so gründlich verdreht ihm Alcina den Kopf (und diverse andere Körperteile). Hübsch zu beobachten, dass Bradamante sich diese Liebesspielchen nicht nur angewidert, sondern auch mit einem gewissen Interesse anschaut. Vielleicht lebt die Ehe der beiden nach Ende der Oper wieder auf – denn darauf läuft natürlich alles heraus: Alcinas Zauber wird gebrochen, Ruggiero entscheidet sich gegen die Freiheit der Liebe, für die Verantwortung des Feldherrn.

Das Ensemble ist eine Wucht

Händels Musik verwickelt die beiden Hauptpersonen in einen emotional hochspannenden Psychokrimi. Je später der Abend, desto vielschichtiger, berührender die Arien. Dabei fällt Katharina Hagopian in der Titelpartie die bedeutendste Aufgabe zu. Und ihr gelingt der Spagat zwischen zu Herzen gehender Gesangskunst und Bühnenpräsenz am besten im famosen Team. Ihr Auftritt im glitzernden Paillettenkleid zum Schlussakt, als sie schon ahnt, dass ihr Geliebter sie verlassen wird, ist phänomenal. Die Arie „Ombre pallide“ eine Sensation.

Ruggiero Jakub Józef Orlinski hat einen Body wie aus dem Bilderbuch, Locken, Sixpack, alles dran. Und die Stimme: ein Phänomen. Sein Countertenor kann wunderbar leuchten, und wenn er am Schluss die grünen Wälder der Heimat besingt, dann berührt er zart und verletzlich jede aufgeschlossene Seele. Selten nur entgleitet dem Riesentalent die Höhe, die Register wünschte man sich bisweilen geschmeidiger verbunden. Ein großartiger Coup gleichwohl, diesen 25-Jährigen aus Warschau für seine erste Bühnenrolle nach Aachen zu holen.

Der koreanischen Mezzosopranistin Eun-Kyong Lim gelingen in der Partie der Bradamante wunderbar fließende Passagen, gegründet auf ein kostbares, bestens geschultes Instrument. Dem Premierenpublikum gefielen besonders die beiden leichtlebigen Figuren in Händels Oper: Morgana, Alcinas Schwester, hier sehr leicht bekleidet und mit der hohen Koloraturpartie bedacht verkörpert von Jelena Rakic, die ihre Sache sehr ordentlich bewältigte; und Oronte, ihr Lover, dem Patricio Arroyo seinen geschmeidigen, verführerischen Tenor verleiht. Pawel Lawreszuk als Melisso hat relativ wenig zu singen.

Gleichwohl ist gerade das Ensemble eine Wucht. Immer auf der Bühne präsent – nur Alcina muss mal zum Filmentwickeln oder Frisieren raus – gelingt den Akteuren die schwierige Aufgabe, die manchmal lückenhafte Handlung auch währende der teils langen Da-capo-Arien voranzutreiben. In dieser Produktion steckt eine Menge Arbeit, viel Herzblut und Können. Der Opernabend ist amüsant und anspruchsvoll, die Musik speziell. Und der Einfall der Regie zum Finale ziemlich witzig. Kann man empfehlen.

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