Akustische Urgewalt kriecht in Gehörgänge

Von: Jan Mönch
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Da geht ganz schön was ab: Rammsteins Auftritt wurde auch zur großen Feuerwerksshow. Foto: Harry Heuts

Landgraaf. Während die Hauptbühne in Landgraaf für das große Rammstein-Spektakel hergerichtet wird, ist sie von einem überdimensionalen Vorhang verhüllt. Weil der ungefähr so schwarz ist wie die allmählich über das niederländische Nest hereinbrechende Nacht, bleibt das Schaffen der Bühnentechniker Betriebsgeheimnis.

Gespanntes Warten. Schließlich sind Rammstein bekannt für spektakuläre Bühnenshows.

Zum 41. Mal hat das Veranstaltungsteam um Jan Smeets am Wochenende zum Pinkpop-Festival eingeladen, das kaum eine halbe Autostunde von Aachen entfernt stattfindet. 72.000 Besucher werden der Einladung bis zum Sonntag gefolgt sein - letztes Jahr waren es offiziell „nur” 62.500.

Schon bevor mit Smeets´ Landsleuten Epica die erste Combo zu ihren Instrumenten greift, steht die Kleinstadt Kopf. Aus den Supermärkten des 40.000-Seelen-Orts wird alles irgendwie Campingtaugliche zusammengeklaubt und in dem 41.000-Seelen-Zeltdorf Pinkpop wieder ausgebreitet.

Die über das Gelände ziehenden Gerüche lassen auf eine Vorliebe für Ravioli aus der Dose schließen, außerdem auf verbreitete Kenntnisse des niederländischen Betäubungsmittelgesetzes.

Tausendfach ragen bald auch die pinkfarbenen Pinkpop-Mützen (wie immer geht der Erlös aus dem Verkauf an Amnesty International) wie übergroße Pilze aus dem Menschenwald. Die Stimmung ist gelöst.

„Nun das Warten hat ein Ende/leiht euer Ohr einer Legende”: Dieser Vers stammt zwar von Rammstein, passt aber besser zu Motörhead. Die stehen in dem Ruf, die lauteste Band der Welt zu sein - einige haben sich vorsichtshalber die Ohren zugestöpselt.

Doch was ist das? Gemessen an den Erwartungen ist die „Iron Fist” (deutsch: „Eiserne Faust”), die das Trio zum Einstieg auf die Zuhörer herniedersausen lässt, eher ein lauwarmes Patschhändchen. Bandboss Lemmy stinkt das gewaltig: „Sind wir laut genug?” Dass die Meute dies verneint, ist dem Tontechniker egal.

Gut, Lemmys Bass poltert dennoch behände wie ein ungebremster Güterzug durch die Gehörgänge. Und mit einem Set, das mit „Killed by Death”, „Ace of Spades” und „Overkill” endet, kann man eh bei keinem Dezibelwert etwas falsch machen. Die lauteste Band der Welt steht aber nicht im Line-Up.

Dafür weitere prominente Vertreter des Krawallsektors, etwa die Sonntags-Headliner The Prodigy. „Bäng, bäng, Feuer frei” - um ein weiteres Zitat aus dem Rammstein-Repertoire zu bemühen - lautet über weite Strecken auch das Motto bei Danko Jones.

Freunde gediegenerer Klänge werden deshalb nicht vergrätzt. Dank der wunderschönen Stimme, mit der Beth Ditto Hits der Marke „Heavy Cross” veredelt, machen Gossip von der Zeltbühne aus dem zeitgleich auf der größeren 3FM-Stage aufspielenden Paolo Nutini Konkurrenz.

Und nachdem Destine dort am Samstag eher austauschbaren Poprock geboten haben, werden Mando Diao auf der Main Stage nach ihrem starken Auftritt im vergangenen Jahr um so freudiger begrüßt.

Das gilt auch für Green Day, die für den Samstag als Hauptact engagiert wurden. Kaum dass die Amis mit „21st Century Breakdown” und „Know your Enemy” vom aktuellen Album eingestiegen sind, wird erstmal mit ein paar Fans, die es irgendwie an den Sicherheitsleuten vorbei auf die Bühne geschafft haben, fürs Familienalbum posiert.

Dass sich mittlerweile auch der Regen ins Line-Up gedrängt hat, macht Frontmann Billie Joe Armstrong als exzellenter Entertainer, seine Band weiterhin mit radiotauglichem Pop-Punk wett. Das Pinkpop wird zum Greenpop.

Am Sonntag hat sich der „Menschenwald” etwas gelichtet - Tribut natürlich an den Regen, der gelegentlich so richtig schüttet oder zumindest vor sich hin nieselt. Vor den Bühnen bleibt indes der Trubel trotzdem gigantisch.

Und auch die Stimmung ist bestens. Dafür sorgen schließlich angesagte Spitzenkräfte der Musikzunft, die das Interesse wachhalten. Dazu zählen in erster Linie Skunk Anansie und eben The Prodigy, dazu Pixies und Slash, Ex-Gitarrist von Guns N´ Roses, und Pink, die ihre magische Anziehungskraft auf ihre große Fangemeinde bewiesen.

Was aber hatten Rammstein nun hinter dem riesenhaften Vorhang versteckt? Nun, zunächst mal eine ebenso riesenhafte Deutschlandfahne. So groß wie ein vierstöckiges Gebäude, soll diese möglicherweise die niederländischen Gemüter provozieren - ein paar Betrunkene zumindest recken johlend den rechten Arm.

Dann zeigen Rammstein, wie sie es zum erfolgreichsten deutschsprachigen Musikexport gebracht haben: mit einem Mix aus akustischer Urgewalt und furioser Pyroshow, aus Eigensatire und Mummenschanz.

Überwältigend

Das ist so bizarr, wie es klingt. Trotzdem ist der Auftritt des Sextetts um den muskelbepackten Till Lindemann vor allem eines: überwältigend. Mit Flammenwerfern, Feuerwerk und brennenden Stuntleuten wird die perfekte Entsprechung zu dem tanzbaren Gestampfe geliefert, das aus den Boxen walzt.

Ältere Nummern („Du riechst so gut”, „Du hast”) werden ebenso wie Neuere („Ich tu dir weh”, „Haifisch”) noch Hunderte Meter von der Bühne entfernt abgefeiert. Sichtlich Spaß hat das mehrheitlich niederländische Publikum daran, das deutschsprachige Gegrolle von Till Lindemann nachzuahmen.

„Ich habe keine Ahnung, wovon der redet”, stellt eine ausgelassene Festivalbesucherin fest - was angesichts von Textzeilen wie „Schnaps im Kopf, du holde Braut/Steck Bratwurst in das Sauerkraut” vielleicht gar nicht so schlimm ist.

Hirnrissige Texte hin oder her: Als der Vorhang fällt, hat das Pinkpop seinen frühzeitigen Höhepunkt erlebt. Nach dem Finale am späten Sonntagabend nach drei Tagen herrscht wieder gespanntes Warten. Und zwar darauf, was Jan Smeets sich wohl für das kommende Jahr einfallen lässt. Betriebsgeheimnis.
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