Achterbahn der Emotionen beim Schrittmacher-Tanzfestival

Von: Sabine Rother
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Körper, die im Spiel des Lichts vor Kraft nur so strotzen: Die Compagnie Marie Chouinard fesselt das Publikum beim Aachener Schrittmacher-Festival. Foto: Nicolas Ruel

Aachen. Experimentelles Tanztheater pur, Akteure, die eine harte Schule durchlaufen haben, choreographische Ideen, die bis an die Grenzen des Machbaren und Erträglichen gehen. Die Compagnie Marie Chouinard kennt sich beim Schrittmacher-Tanzfestival in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang bereits aus.

2012 hat sie das Festival mit „Body Remix Goldberg-Variations“, einem Fast-Skandal, eröffnet. Beim damals gefeierten Stück bewegten sich Tänzerinnen und Tänzer bizarr und akrobatisch auf allerlei Gehilfen – Aktionen auf des Messers Schneide.

So liebt es die Kanadierin Marie Chouinard (Jahrgang 1955), die den zeitgenössischen Tanz nicht zuletzt durch ihre Solo-Tanzkarriere nachhaltig prägte. 1990 gründete das „Enfant terrible der Szene“, wie Veranstaltungsleiter Rick Takvorian sie nennt, ihre Compagnie und erarbeitet regelmäßig aufsehenerregende Choreographien.

Mit einem Solo startete der lange Abend in der Fabrik. Carol Prieur, die in Kanada 2010 als „Tänzerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde, geht mit „Étude no 1“ auf die bläuliche Tanzfläche, in und neben der sich raffinierte Technik verbirgt. Mit den Metallbeschlägen ihrer Schuhe erzeugt sie Stepp-, Kratz- und Trittgeräusche, die elektronisch aufgefangen, umgewandelt und zum Schwingen gebracht werden. Carol Prieur bannt 35 Minuten lang ihr Publikum, füllt den Raum.

Ihr Tanz ist eine Achterbahn der Emotionen, ihr sportlicher Körper wird wie von einer unsichtbaren Macht gepackt, geschüttelt, gezogen und auf geometrische Wege gezwungen. Sie tanzt wie besessen, verzweifelt, dann wieder kämpferisch, frech. Sie nimmt die Zuschauer mit auf ihre Entdeckungsreise, ist entsetzt und zugleich fasziniert vom Widerhall der Geräusche, eine Getriebene, Opfer und Täterin zugleich. Körperausdruck und Mimik verschmelzen zu atemberaubendem Tanztheater. Ein spitzer Schrei – die Elektronik schnappt ihn auf und umkreist die Tänzerin wie ein aggressiver Wespenschwarm. Man möchte sich ducken.

Bilder voller Sprengkraft

Kraftvoll und mit der eruptiven Energie eines Frühlings, den man bei Marie Chouinard eher den Urschrei nennen sollte, geht im zweiten Teil des Abends „The Rite of Spring“ nach Igor Strawinskys Komposition „Le Sacre du Printemp“ furios über die Bühne. Das Werk, das 1913 in Paris vom Diaghilew-Ballett uraufgeführt wurde und den Tanz in die bereits von der Malerei eroberte Moderne schleuderte, hat nichts von seiner mystischen Ausstrahlung eingebüßt. Marie Chouinard und ihre zehn Tänzerinnen und Tänzer geben der Musik Bilder mit enormer Sprengkraft. Das Leben kämpft sich ins Licht, von dem es angezogen und zugleich schockiert ist.

Frauen und Männer sind kaum zu unterscheiden, die Nacktheit ist im urzeitlichen Ringen zwingend. Eine geschickte Lichtregie wirft die einzelnen Wesen in Scheinwerferkreise, wo sie wie Einzeller der Teilung, Entwicklung und Vermehrung zustreben. Die Körper sind hart ausgeleuchtet, die Bewegungen vielfach eckig, ruckend – wie Vögel, die sich gerade erst vom Ei befreit haben. Rücken runden sich oder gehen ins Hohlkreuz, Hände werden in extreme Winkel gedreht, Beine zittern und stampfen. Spektakulär: Tänzerinnen, die an Händen und Beinen mit gebogenen gelblichen Stacheln ausgestattet sind und sich zu asiatisch anmutenden Formationen verbinden.

Da geht es um Wandlung, um Anziehung und Abstoßung, das Eindringen, vielleicht sogar um das Opferblut des „Sacre“. Der Drang schüttelt die Gestalten ohne Ende, treibt sie bis zur Selbstaufgabe an. Wer auf der Strecke bleibt, wird überrannt. Das sind tänzerische Höchstleistungen, perfekt umgesetzt, Impressionen, die Strawinsky und Sergei Pawlowitsch Diaghilew, den legendären Gründer des Ensembles Ballets Russe, sicherlich gefallen hätten.

Das Publikum in Aachen ist erschüttert und begeistert, die Compagnie erschöpft. Für Aufführungen heute und morgen gibt es noch Karten.

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