Abschied vom Aachener Generalmusikdirektor Kazem Abdullah

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:
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Szenen des Abschieds: Aachens scheidender Generalmusikdirektor Kazem Abdullah im Eurogress – in voller Aktion, mit dem Orchester und während der Standing Ovations. Foto: Andreas Herrmann (3), Sandra Borchers
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Bei seiner letzten Opernaufführung im Theater Aachen hatte ihm zuvor bereits Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck Blumen und einen Fotoband überreicht. Foto: Andreas Herrmann (3), Sandra Borchers
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Szenen des Abschieds: Aachens scheidender Generalmusikdirektor Kazem Abdullah im Eurogress – in voller Aktion, mit dem Orchester und während der Standing Ovations. Foto: Andreas Herrmann (3), Sandra Borchers
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Szenen des Abschieds: Aachens scheidender Generalmusikdirektor Kazem Abdullah im Eurogress – in voller Aktion, mit dem Orchester und während der Standing Ovations. Foto: Andreas Herrmann (3), Sandra Borchers

Aachen. Die endlosen Schlusstakte des ergreifenden Adagios, mit dem Gustav Mahler seine „Neunte“ und letzte vollendete Sinfonie wie einen trauerumflorten Abschiedsgesang ausklingen lässt, trafen die Stimmung, die offenbar viele treue Besucher der städtischen Sinfoniekonzerte erfüllten.

Es galt, mit dem achten und letzten Konzert der Saison Abschied zu nehmen von Kazem Abdullah und damit von einem Generalmusikdirektor, der sich in den fünf Jahren seines Wirkens einen ebenso festen Platz im Herzen des Publikums erobern konnte wie sein Vorgänger Marcus Bosch. Auch wenn sich Abdullah in der Öffentlichkeit wesentlich scheuer und zurückhaltender verhielt.

Dass sich dahinter eine Persönlichkeit von einer herausragenden Musikalität verbirgt, das hat das Aachener Publikum schnell begriffen. Den Riesenbeifall mit Standing Ovations nach der beeindruckenden Mahler-Interpretation konnte Abdullah am Sonntag im Eurogress nur beenden, indem er auf den anschließenden Sektempfang in lockerer Runde hinwies.

Blumen gab es vom Orchester, das bei den Umständen der verweigerten Vertragsverlängerung eine undurchsichtige Rolle spielt. Und niemand, weder aus dem Orchester noch aus der Intendanz oder der Stadt, scheint es für nötig zu halten, die Musikfreunde, die man zwei Jahre lang mit falschen Tatsachen abgespeist hat, wenigstens ein wenig über die Hintergründe aufzuklären.

Wie schon im vergangenen Konzert blieb Abdullah auch diesmal seiner noblen Contenance treu. Er bedankte sich ausdrücklich beim Orchester, das ihm, ebenso wie das begeisterungsfähige Publikum, „fünf unvergessliche Jahre“ beschert habe, für die er große Dankbarkeit empfinde. „Musik zu spielen und Musik zuzuhören, das ist wie ein Gespräch zwischen Orchester und Publikum“, sagte Abdullah sichtlich bewegt in einer kurzen Ansprache. „Wir hatten in den vergangenen Jahren viele gute Gespräche.“

Für die Herkules-Aufgabe der „Neunten“ von Mahler legten sich die Musiker mächtig ins Zeug. Sowohl in Hinsicht auf das Zusammenspiel mit den vielen klanglichen und spieltechnischen Tücken als auch in den heiklen Solo-Stellen. Formal hatte Abdullah die gewaltigen Dimensionen des Kopfsatzes fest im Griff, modellierte das thematische Material ebenso fein aus wie er die Steigerungen und Höhepunkte stringent entwickelte. Die Mittelsätze wurden sauber ausgeführt, auch wenn der Ländler-Charakter des zweiten Satzes nicht so recht getroffen wurde und die burlesken Grimassen des Rondos rhythmisch straff, aber ohne schneidende Schärfe gezogen wurden.

Eine Ohrenweide boten Abdullah und sein Orchester dann mit dem Abschieds-Hymnus des Final-Adagios. Den langsamen Pulsschlag hielt Abdullah konsequent durch und ließ sich in keinem Takt dazu verleiten, das Tempo unmotiviert zu beschleunigen, so dass sich das herb-melancholisch angehauchte melodische Kolorit ungestört entfalten konnte. In sattem, voluminösem und matt schimmerndem Wohlklang wurde eine Menge Wehmut hörbar, aber auch eine Portion Hoffnung.

Gegenüber der gewaltigen Sinfonie nahm sich zum Auftakt des Abends Arnold Schönbergs Chorlied „Friede auf Erden“ aus dem Jahre 1928 in seiner prägnanten Kürze und seiner nüchternen Tonsprache bescheiden aus. Immerhin kam auch der Sinfonische Chor Aachen zum Abschluss der Saison noch einmal zu Ehren. Die nicht unberechtigte Kritik des Chors, in den städtischen Konzerten vernachlässigt worden zu sein, dürfte mit diesem kleinen Auftritt sicher nur schwach gemildert werden. Große Gelegenheit zu zeigen, was in ihm steckt, hatte der Chor mit Schönbergs Friedens-Appell nicht.

Allerdings steht bereits im 1. Konzert der nächsten Saison der nächste Auftritt bevor: In Gustav Mahlers „Auferstehungs-Sinfonie“ am 10. und 11. September unter der musikalischen Leitung von Justus Thorau.

Was bleibt nach seinem Abgang? Fünf nachhaltige Punkte

Dass Kazem Abdullah in den fünf Jahren seines Wirkens das von seinem Vorgänger Marcus Bosch erreichte Spielniveau des Orchesters halten konnte, verdient hohen Respekt. Allerdings setzte er darüber hinaus auch ganz persönliche Akzente.

Mit der frisch eingeführten Konzertreihe „MusicLab“, in der das Orchester vier Mal pro Saison in Forschungseinrichtungen der RWTH geht, schuf er auf hohem Niveau eine enge Verknüpfung zwischen dem Orchester als einem Flaggschiff der Aachener Kulturszene und der Wissenschaftsmetropole Aachen. Amüsant, seriös und voller Überraschungen für beide Seiten.

Abdullahs Interesse am musikalischen Leben außerhalb der städtischen Veranstaltungen zeigte er unter anderem durch sein Mitwirken bei der Kammermusikreihe „Accordate“, in der er zwei Mal seine Qualitäten als exzellenter Klarinettist beweisen konnte. Und zwar gleich mit den anspruchsvollsten Stücken des Repertoires: Messiaens „Quartett vom Ende der Zeiten“ sowie den Klarinettenquintetten von Mozart und Brahms.

Marcus Boschs forschen Umgang mit geistlicher Musik versetzte Abdullah mit einer erfreulichen Prise an spiritueller Intensität. Davon konnte man sich bereits in seinem ersten Domkonzert 2013 mit Trauermusiken Mozarts überzeugen.

Auch auf der Opernbühne hinterlässt Abdullah nachhaltige Eindrücke. Sowohl in Sachen vorzüglicher Ensemblepflege als auch mit herausragenden Produktionen wie Janáeks „Jenufa“ oder Puccinis „Il Trittico“.

Als Amerikaner verhehlte Kazem Abdullah nie seine Liebe zur Musik seiner Heimat. Damit bekamen
nicht nur traditionelle Events wie die Weihnachts- und Neujahrkonzerte einen ungewohnten Zungenschlag, sondern auch das Konzertrepertoire mit Klängen von Gershwin, Barber & Co.

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