Abgründiger Alptraum mit Untoten: „The Turn of the Screw“

Von: Armin Kaumanns
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Gouvernante (Maria-Eunju Park) im geheimnisvollen Wald: Mit Projektionen zaubert Detlev Beaujean Gruselatmosphäre. Foto: Carl Brunn

Aachen. Musikalische Horrortrips haben offenbar Konjunktur. Während an der Rheinoper Prokofjews „Feuriger Engel“ herumspukt, treiben im Theater Aachen zwei Untote ihr Unwesen mit zwei armen Waisenkindern und ihrer (vielleicht) wahnsinnigen Gouvernante.

Diese Oper heißt „The Turn of the Screw“, stammt von Benjamin Britten und dreht sich wie eine Schraube (daher der Titel) ins Hirn der Akteure und der Zuschauer. Letztere sind nach der Premiere schier aus dem Häuschen vor Begeisterung. Und das hat seinen Grund.

Suggestive Bilder

Seit mehr als 20 Jahren gehört die letzte Premiere der Spielzeit am Theater Aachen der Musikhochschule. Auf der großen Bühne, mit professionellem Equipment unterstützt, präsentieren junge Studierende den Stand ihrer gesanglichen Ausbildung und erproben oft zum ersten Mal ihr Bühnentalent. Der Blick in die Vergangenheit fördert etliche außergewöhnlich interessante Opernabende zutage, und auch dieser wird sich in der Erinnerung festsetzen. Ja, der jungen koreanischen Regisseurin Lilly Lee ist da eine packende Arbeit gelungen, die der diffizilen, weil seltsam mystischen Geschichte eine klare, ästhetisch überzeugende Form gibt, ohne ihr Geheimnis zu enträtseln.

Denn ob hier „nur“ eine junge Frau, die sich als Gouvernante irgendwo in einem britischen Landhaus zur Erziehung von zwei Waisenkindern anstellen lässt, verrückt wird; oder ob die Geister der beiden verstorbenen Hausangestellten wirklich in diesem abgelegenen Teil der Welt herumspuken und den beiden Kindern die Lebensfreude rauben und die Angestellte in den Wahnsinn treiben – diese Frage lässt Britten offen. Aus dieser Ambivalenz entwickelt Lee die ungemein suggestiven Bilder, für die Detlev Beaujean den reduzierten Bühnenraum erdacht hat.

Das düstere Schauerstück entwickelt sich in einem Labyrinth der Orte und Stimmungen, die Beaujean mit Vorhängen aus halb-transparenten Kunststoffbändern erzeugt. Mit Hilfe von Projektionen entsteht aus einer sanft bewegten Unschärfe ein geheimnisvoller Wald. Die nächste Szene taucht ein Arbeitszimmer in depressives Türkis; mit schlichten Beleuchtungstricks treten die bösen Geister aus dem Dunkel hervor, greifen mit Stimmen und Händen nach den Kinderseelen und verschwinden wieder. Das ist schon wirklich gut gemacht.

Staunenswert gute Sänger

Und wieder darf man staunen, wie gut junge Sänger und Sängerinnen heutzutage ausgebildet sind. Die anspruchsvolle Sopran-Partie der Governess verkörpert Maria-Eunju Park mit großem Ernst und klarem, vollem Timbre, das sich in den monologischen Gefühlsausbrüchen hin zu Puccini’schem Drama öffnet. Ihr zur Seite steht Ramona Ermert als Haushälterin Mrs. Grose, deren Mezzo sehr hell, aber schön geführt und ausdrucksstark ist.

Britten bietet in seiner Kammeroper insgesamt fünf Frauenrollen auf, die Kinder Flora und Miles sind hier mit den jungen Sopranistinnen Suzanne Jerosme und Eva Marie Gemeinhardt zuverlässig besetzt. In ihren wasserblauen Kleidchen und kurzen Hosen sind sie der Ausbund an Unschuld – dabei nagt das Böse an ihren Herzen. Der Geist von Miss Jessel, gesungen und düster dargestellt von Coline Dutilleul, ist der fünfte Sopran im Bunde.

Brittens Vorliebe für die hohen Stimmlagen belegen auch die beiden männlichen Rollen: Der Erzähler des Prologs ist ebenso ein Tenor (hier der ausgezeichnete Vertreter des lyrischen Fachs Tobias Glagau) wie der Geist des Dieners Quint, dem Andreas Joost große Bühnenpräsenz und ein kräftiges, baritonal eingefärbtes Timbre mitgibt. Die Sänger werden getragen von einem 13-köpfigen Solistenensemble im Graben, das ungemein farbenreich mit Klängen von Pauken, Harfe und Celesta aufwartet und sich im Britten’schen Stil- und Formen-Mix tapfer schlägt. Am Pult der Studenten steht mit wachem Ohr für die Sänger Raimund Laufen.

Ja, man darf begeistert sein von dieser Produktion. Nicht zuletzt auch wegen des Schlussbildes, das den Prolog zitiert. Dass der finale Clou der Regie auf leisen Sohlen daherkommt, zeugt ebenfalls von feinem Gespür für die Abgründe des Horrors.

Weitere Termine im Theater Aachen: 18., 21. und 24. Juni. Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Zeitungsverlag Aachen.

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