Aachener Sinfonieorchester: Ab Sommer voll unter Strom

Von: Jenny Schmetz
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Unterm denkmalgeschützten Kran: Aachener Politiker besichtigen das alte Umspannwerk aus dem 19.Jahrhundert, das zum Probendomizil des Sinfonieorchesters umgebaut wird. Foto: Harald Krömer

Aachen. Schmuddelig, stickig und eng war die Vergangenheit. Goldig, luftig und großzügig wird die Zukunft. Fast fünf Jahrzehnte musste das Aachener Orchester über dem Jugendstilbad in der Elisabethhalle unter zuletzt eigentlich unzumutbaren Bedingungen üben. Glucksende Heizungsrohre und abblätternde Farbe waren in dem maroden Provisorium wohl noch eher zu ertragen als der fehlende Platz.

Werke in größerer Besetzung konnten gar nicht geprobt werden, weil den Musikern sonst die Ohren weggeflogen wären. Nun dürfen Generalmusikdirektor Marcus Bosch und seine Sinfoniker wohl endlich jubilieren. Ab August sollen sie ihre Instrumente in den neuen Probenräumen im ehemaligen Umspannwerk an der Borngasse auspacken dürfen - nur einen Sprung vom Theater entfernt, zentral zwischen dem Kinokomplex auf dem Alten Posthof und dem neuen AachenMünchener-Gebäude gelegen.

Am Donnerstag wird der Bauzaun errichtet und die ersten Wände im Inneren des historischen Transformatorenhauses werden eingerissen. Am Dienstag warfen die Kulturpolitiker der Stadt schon einen Blick in den Ziegelbau. Staubig, kalt und trist ist da noch die Gegenwart. Löcher öffnen sich im Boden, wo früher die Transformatoren standen und bald Eichenholz-Parkett glänzen wird. Aber es soll ja auch Platz geschaffen werden: Satte 480 Quadratmeter groß wird der neue Hauptprobenraum. Dazu entstehen ein Foyer, sechs kleinere Probenräume, zwei Stimmzimmer, zwei Instrumentenlager, ein Dirigentenbüro und eine Notenbibliothek. In den sieben Meter hohen Raum wird unter dem denkmalgeschützten Stahltragwerk eine Empore mit Galerie eingezogen, erläutert Bernd Horschmann vom Aachener Architektenbüro Höhler und Partner die Planung.

An die Geschichte des Gebäudes, das vermutlich 1870 erbaut wurde, sollen einige Relikte erinnern: etwa eine riesige Schalttafel, die die Hauptstromleitungen Aachens abbildet und eher an einen Legobaukasten erinnert. Oder Keramikisolatoren, die „szenisch beleuchtet” durch begehbares Glas aus dem Keller hervorscheinen.

Wandelbare Akustik

Um vor allem den angrenzenden Supermarkt vor allzu viel Musik zu „schützen”, werde ein „Raum im Raum” errichtet. Der „totale Hit” aber wird nach Einschätzung des Architekten die „wandelbare Akustik”. Die knapp sieben Meter hohen, goldfarbenen „Absorberflügel” an den Wänden können manuell gesteuert werden, so dass Nachhallzeiten von 0,8 bis 1,6 Sekunden einzustellen sind. Auf diese Wohlklang-Möglichkeiten ist Dirigent Bosch besonders gespannt: „Akustisch ist das ein Überraschungsei”, sagt er. Aber bei der Schoko-Version komme ja auch „immer was Tolles raus”.

Ein Misston bei aller Harmonie: Für den Bürger bleibt das neue Probenquartier tabu. „Das ist sehr schade”, sagt Marcus Bosch. „Wir hätten hier gerne Kammerkonzerte angeboten.” Aber eine öffentliche Nutzung hätte vor allem beim Brandschutz weitere Investitionen nötig gemacht. „Das wäre doppelt so teuer geworden”, sagt Eurogress-Geschäftsführerin Kristina Wulf. So geht sie davon aus, dass der „relativ eng gesteckte Kostenrahmen” eingehalten werden kann.

Die Stadt investiert über den Bauherrn Eurogress 2,4 Millionen Euro in den Umbau. Das Eurogress mietet das Gebäude von der Stawag und vermietet es für 200.000 Euro jährlich weiter an das Theater. Um diese Summe wird dann der Theater-Etat aufgestockt.

Den 29. August hat der GMD in seinem Kalender für die erste Probe im neuen Domizil markiert. „Dieses Gebäude kann noch den ein oder anderen Überraschungseffekt bringen”, räumt der Architekt ein. „Aber uns fällt nichts ein, was den Einzug des Orchesters im August verhindern könnte.” Dann wird Bosch mit den Aachener Sinfonikern also noch ein gutes Jahr unter möglichst optimalen Bedingungen proben - vor seinem Weggang nach Nürnberg. Und - so sein Wunsch - vielleicht hat das Probenzentrum dann auch einen klingenden Namen, der an einen seiner berühmten Vorgänger Blech, Busch, Karajan oder Sawallisch erinnert.

Die neuen Konzerttage ab kommender Saison: Sonntag und Montag

Noch blockiert das Orchester mit Proben und Aufführungen bei den jährlich acht Sinfoniekonzerten das Eurogress von Montag bis Donnerstag. Dank des neuen Probendomizils, das auch GMD Marcus Bosch besichtigte, muss das Orchester ab kommender Saison vor jedem Sinfoniekonzert nur noch für jeweils zwei Hauptproben und die Generalprobe ins Eurogress. Damit erhält das Veranstaltungszentrum an der Monheimsallee mehr Bewegungsspielraum bei der Vergabe gewinnträchtiger Kongresse. Eine Studie hatte Aachen als Tagungsort kürzlich ein Wachstumspotenzial vorhergesagt.

Damit das Eurogress mehr Kapazitäten für Kongresse gewinnt, werden sich ab der nächsten Spielzeit zusätzlich die Termine für die Sinfoniekonzerte ändern: Nicht mehr mittwochs und donnerstags, sondern sonntags und montags legen die Musiker dann los. Der Montags-Beginn um 20 Uhr steht schon fest, über die Anfangszeit am Sonntag konnten die Abonnenten abstimmen. Die Auswertung läuft. Ob die Konzerte dann um 11, 15 oder 18 Uhr starten, soll in den nächsten Wochen feststehen. Durch die neuen Termine verschieben sich die Eurogress-Proben auf das eher kongressfreie Wochenende.

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