Salzburg - Aachener Regisseur lässt Worte sezieren

Aachener Regisseur lässt Worte sezieren

Von: Georg Etscheit
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Glänzende Darsteller tragen in Gerd Heinz‘ Inszenierung von Thomas Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ das Ihre zum überwältigenden Erfolg bei den Salzburger Festspielen bei: (von links) Barbara de Koy, Annett Renneberg, Christian Grashof und Sven-Eric Bechtolf. Regisseur Heinz fasst das Werk als eine musikalische Partitur auf, als eine gesprochene Oper. Foto: Kerstin Joensson/dpa
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Aachener Urgestein des Theaters gibt mit 75 sein Salzburg-Debüt als Regisseur: Gerd Heinz. Foto: Michael Wissing

Salzburg. Skandal! Der künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele, Sven-Eric Bechtolf, hat die Presse als „Organe der Unzuständigkeit“ verhöhnt. Schlimmer noch: Das Theater, „insbesondere die Oper“, nannte er „die Hölle“.

Ein Shitstorm wäre Bechtolf wohl gewiss, hätte er diese unerhörten Sätze in einem Interview geäußert und nicht auf offener Bühne in Thomas Bernhards einstigem Skandalstück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Die letzte Neuinszenierung der diesjährigen Festspiele wurde am Sonntagabend im Salzburger Landestheater lautstark gefeiert – mit Bechtolf in der Hauptrolle. Die Inszenierung stammt von dem in Aachen geborenen Theater-Urgestein Gerd Heinz (75).

Brillant: Sven-Eric Bechtolf

Die Rolle des Doktors, der zwei Stunden lang eine Vorlesung über das fachgerechte Sezieren einer Leiche hält und zwischen Pectoralis und Oesophagus Exkurse über die Ignoranten-Presse sowie die Kunst und seine Liebe zu einer Koloratursopranistin einflicht, ist Bechtolf wie auf den Leib geschrieben. Wie der großartige Mime, der er ja neben seinen Jobs als Interimsintendant der Festspiele und Regisseur dreier Mozart-Opern vor allem ist, die Bernharde_SSRqschen Satzungetüme und Schimpfkanonaden seziert, wie er Worte der Alltagssprache zu wahren Kunstwerken macht (Beef-steak-ta-tar/Zwie-bel-rost-bra-ten), ist eine schauspielerische Meisterleistung.

In Thomas Bernhards Theaterschöpfungen geht es weniger darum, was gesagt wird, als wie es gesagt wird. Seine vor Superlativen und virtuos gedrechselten Schmähungen gegen Gott und die Welt, den Kulturbetrieb, den österreichischen Staat und seine Institutionen berstenden Monologe sind Legende. Dazu braucht es exzellente Schauspieler, Connaisseure der Sprache, wie Bechtolf eben oder wie Christian Grashof, den großen Mimen vom Deutschen Theater Berlin. Der zwar als Vater nicht sehr viel mehr zu tun hat als die Halbsätze des Doktors zu wiederholen, aber dabei so selbstquälerisch mit den Worten ringt, dass einem ganz bange wird.

Als Königin der Nacht, die sich über ihren trunksüchtigen Vater echauffiert und über ihr grausames Schicksal, lebenslang Koloraturen singen zu müssen, reichte Annett Renneberg, eingesprungen für Johanna Wokalek, in Sachen Sprachmächtigkeit und Ausstrahlung nicht ganz an Bechtolf und Grashof heran. Barbara de Koy gab eine betörend täppische Garderobiere, der es nur unter Aufbietung aller Kräfte gelingt, einen peinlichen Riss im prächtigen Kleid der Königin unter Kontrolle zu bringen.

Der Aachener Regisseur Gerd Heinz, auch er ein Großer seines Fachs, inszenierte zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen. Ihm gelang mit 75 Jahren ein spätes überzeugendes Debüt. Bernhards Text nahm er als das, was dieser ja eigentlich darstellt: eine musikalische Partitur, eine gesprochene Oper. Wie Heinz beispielsweise das Hüsteln der Königin taktgenau, beinahe kontrapunktisch, gegen die Invektiven des Doktors setzte, war feinste Theaterarbeit.

Am Schluss gab es eine kleine Reminiszenz an den Theaterskandal, der sich im Jahre 1972 um die Uraufführung des „Ignoranten“ bei den Salzburger Festspielen rankte. Bernhard (1931-1989) hatte am Ende absolute Dunkelheit im Theater angeordnet, was allerdings aufgrund der damaligen Gesetzeslage nicht möglich war. Daraufhin wurde das Stück nach nur einer einzigen Aufführung vom Spielplan genommen. Der Casus ging als „Notlichtskandal“ in die Theatergeschichte ein.

Ein Gag zum Schluss

Heinz und sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber tauchten die Bühne und den Zuschauerraum nicht in undurchdringliche Finsternis, sondern in grellstes Leuchtdiodenlicht. Diesem Gag hätte wohl auch der große Thomas Bernhard seinen Segen gegeben.

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