Aachener Bachverein: Passion der besonderen Art

Von: Pedro Obiera
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Aachen. Auf die Passionen Bachs mag in der vorösterlichen Zeit niemand verzichten. Umso verdienstvoller, dass Georg Hage und der Kammerchor des Aachener Bachvereins in der voll besetzten Annakirche an Passionsmusiken katholischer Zeitgenossen Bachs erinnerten.

Auch wenn Domenico Scarlatti im gleichen Jahr wie Bach geboren ist und Scarlattis Vater Alessandro nur 25 Jahre früher, darf man angesichts ihrer Auseinandersetzungen mit dem Heilsgeschehen nicht an Bach denken. Weniger aus qualitativen Gründen, sondern wegen fundamental unterschiedlicher ästhetischer und wohl auch religiöser Vorstellungen.

Alle Techniken der Zeit

Alessandro Scarlattis um 1680 in Rom entstandene Johannes-Passion bleibt in ihrer Machart den frühesten Anfängen des Oratoriums und der Oper treu. Scarlatti beschränkt sich auf den reinen lateinischen Bibeltext, verzichtet auf Arien, Choräle und sonstige Ergänzungen. Der Chor muss sich mit einigen knappen Einwürfen begnügen, den Rest besorgen zwei Solisten, die die Worte des Christus (schlicht und sauber von Cornelius Leenen gesungen) und vor allem als „Testo“ (Zeuge) die des Evangelisten übernehmen.

Der Evangelist hat den Löwenanteil zu tragen, indem er die gewaltige Textmenge in monodischer Tradition, also lediglich rezitativisch mit sparsamer Instrumentalbegleitung, gestalten muss. Da ist es natürlich doppelt schmerzlich, wenn ausgerechnet der Solist dieser Schlüsselrolle krankheitsbedingt ausfallen muss. Statt Kaspar Kröner übernahm Andreas Pehl die anspruchsvolle Altus-Partie – und gestaltete sie ohne Fehl und Tadel.

Allerdings verlangen der Text und der monodische Stil eine erheblich differenziertere Auslegung, was stimmliche Flexibilität, Dynamik und Intensität angehen. Anforderungen, die unter den gegebenen Umständen nicht vollauf befriedigend eingelöst werden konnten.

Deutlich farbiger geht es in der eindrucksvollen Stabat-Mater-Vertonung von Scarlattis Sohn Domenico für zehnstimmigen Chor zu, auch wenn die Instrumental-Begleitung auf eine reine Continuo-Gruppe beschränkt bleibt. Scarlatti vereinigt in dem etwa um 1718 wahrscheinlich ebenfalls in Rom entstandenen Werk nahezu alle Techniken der Zeit – von der venezianischen Mehrchörigkeit über die klassische Vokalpolyphonie bis hin zu diffiziler Kontrapunktik und gefühlsbetonter Expressivität – in geradezu virtuoser Meisterschaft und versteht es, die stilistische Vielfalt zu einem geschlossenen Werk von beeindruckender Tiefe zu formen.

Hier ist der Chor in mannigfacher Weise gefordert. Nicht nur die stilistischen Anforderungen wechseln von Teil zu Teil, auch zwölf kleine Solo-Partien müssen aus den eigenen Reihen bedient werden. Das erfordert Kräfte, über die der Kammerchor des Bachvereins in reichem Maß verfügt, so dass Hages wie gewohnt souveräne und lebendige Gestaltung dem Ausnahmerang des viel zu wenig beachteten Werks vollauf gerecht wurde.

Begeisterter Beifall

Ergänzt wurden die beiden Hauptwerke durch ein Kyrie des venezianischen Barockmeisters Antonio Caldara und, zur Erholung zwischen den beiden Scarlatti-Blöcken, eine Sonata für Streichsextett von Georg Philipp Telemann, bei dem sich das Ensemble für Alte Musik „arcipelago“ trotz offensichtlich unausbleiblicher Intonationsprobleme bei der Verwendung historischer Instrumente von seiner besten Seite zeigte.

Begeisterter Beifall für ein Passionskonzert der außergewöhnlichen Art.

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