Aachener Bachtage: Transparenz und Volumen

Von: Pedro Obiera
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Aachen. „Zwischen Himmel und Erde”: Das Motto der 38. Aachener Bachtage schließt in seiner großzügigen Formulierung alles ein, was den Menschen in seinem Tun und Denken bewegt.

Insofern traf das dreiteilige, klug disponierte Programm des ersten Chorkonzerts in der nahezu vollbesetzten Kirche St. Michael den Kern des bis zum 11. Dezember andauernden Festivals. Eine kleine Trauermotette von Johann Sebastian Bach, Igor Strawinskys Bearbeitung von Bachs Choralvariationen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch hoch, da komm ich her” und die „neutrale” Messe Nr. 2 in e-Moll von Anton Bruckner spannten einen weiten Bogen zwischen Geburt, Tod und Auferstehung.

Ein Programm ohne Vokalsolisten, so dass die Hauptlast der tüchtige Kammerchor des Aachener Bachvereins zu tragen hatte, unterstützt vom Deutschen Radio Kammerorchester, einem Zusammenschluss führender Musiker großer deutscher Rundfunkorchester. Die, und auch nur die Bläser unter ihnen, hatten in der Bruckner-Messe freilich nur stützende Aufgaben zu erfüllen. Gegenüber der bekannteren Messe in f-Moll orientiert sich Bruckner in der selten zu hörenden „Zweiten” an der klassischen Vokalpolyphonie im Umfeld Palestrinas. Im Wesentlichen entpuppt es sich als ein straffes a-cappella-Werk mit instrumentalen Gehhifen, das in seiner schlichten Klangfärbung und straffen formalen Anlage keine Fallstricke für pseudo-romantischen Schwulst birgt und sich gegenüber dem üppig tönenden Schwesterwerk in f-Moll wie ein pointierter Holzschnitt gegenüber einem Ölgemälde ausnimmt.

Eine anspruchsvolle Aufgabe für den Chor und seinen Leiter, Annakantor Georg Hage. Hage gelingt ein glücklicher Brückenschlag zwischen der Transparenz der filigranen Chorsätze und Klängen von voluminöser Dichte. Der vorzüglich geschulte Kammerchor bringt für diese anspruchsvolle Aufgabe die nötige Beweglichkeit und Intonationssicherheit mit, so dass zusammen mit der erfreulich ausgeglichenen Balance zwischen Frauen- und Männerstimmen eine eindrucksvolle Interpretation entstehen konnte.

Zuvor gab das Kammerorchester in Strawinskys Bach-Bearbeitung den Ton an. Bach ohnehin kunstvolle Variationen über das bekannte Weihnachtslied verdichtete Strawinsky zusätzlich, wobei das extrem komplexe polyphone Geflecht sich nicht gerade als idealer Stoff für einen Kirchenraum anbietet, auch wenn sich die Nachhallzeiten in der Michaels-Kirche in Grenzen halten. Am Orchester gab es angesichts der nicht einfachen Aufgabe nichts auszusetzen, ebenso wenig an den wenigen Einwürfen des Chors.

Viel Beifall für eine hintergründige Einstimmung in die Adventszeit. Weihnachtlicher geht es im zweiten Chorkonzert der Aachener Bachtage zu, wenn am 10. und 11. Dezember in St. Michael an der Jesuitenstraße alle sechs Kantaten des Weihnachts-Oratoriums in verschiedenen Kombinationen auf dem Programm stehen.
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