Aachener Architektenpaar hat Doku-Zentrum in Berlin entworfen

Von: Eckhard Hoog
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Blick auf die Baustelle: das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors”. Hier, im Herzen Berlins, befanden sich zwischen 1933 und 1945 mit SS und Gestapo die Schaltzentralen des NS-Vernichtungsapparats. Am 8. Mai 2010 sollen Gebäude und Gelände offiziell eingeweiht werden. Jetzt war Richtfest. Foto: Bildwerk, Berlin/BBR/Stiftung Topographie des Terrors

Aachen/Berlin. „Damit hatten wir nicht gerechnet.” Völlig überrascht vom Erfolg war 2006 das Aachener Ehepaar Ursula Wilms und Heinz W. Hallmann. Sie hatten 309 Konkurrenten, internationale Architekten, überflügelt mit ihrem Entwurf für eines der prominentesten und historisch bedeutendsten Bauprojekte im Herzen von Berlin: das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors”.

Soeben, anderthalb Jahre nach Baubeginn, wurde Richtfest gefeiert.

Professor an der TU Berlin

Ursula Wilms, Architektin des Berliner Büros Heinle, Wischer und Partner, pendelt ständig zwischen Aachen und Berlin. Ihr Mann war bis zu seiner Pensionierung 2005 Professor für Landschaftsarchitektur und Landschaftsbau an der TU Berlin.

Den Wohnsitz Aachen haben beide immer beibehalten. Wir trafen das Paar zu einem Gespräch über das Projekt und das dahinterstehende Konzept in unserer Redaktion.

Der Ort im Zentrum Berlins: das Gelände zwischen der ehemaligen Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße), Wilhelmstraße und Anhalter Straße. Hier befanden sich von 1933 bis 1945 das Geheime Staatspolizeiamt mit „Hausgefängnis”, die SS-Führung und das Reichssicherheitshauptamt.

Hier standen die Schreibtische von Himmler, Heydrich und ihren Schergen. Hier wurde der Völkermord an Millionen von Juden geplant und organisiert. Kurz: ein „Ort der Täter”. 2005 lobte die Bundesregierung nach einer längeren Vorgeschichte einen offenen, internationalen Architektenwettbewerb aus, um am authentischen Ort eine Dokumentationszentrum entstehen zu lassen, das aufklären und informieren soll über die Frage „Wer waren die Täter?”

20 der 309 eingereichten Entwürfe kamen in einer zweiten Phase des Wettbewerbs in die engere Wahl, Wilms/Hallmann gewannen - mit einer „einfachen Lösung”.

„Eine selbstinszenierte Architektur, ein spektakulärer, eindrucksvoller Bau sollte es auf keinen Fall sein”, erklärt Heinz Hallmann die Vorstellungen des Auftraggebers, der Bundesregierung und der „Stiftung Topographie des Terrors”, die aus einer Bürgerinitiative hervorgegangen ist, die sich die Aufklärung über den Nationalsozialismus und die Folgen auf die Fahne geschrieben hat. „Die Funktion und die Geschichte sollten im Vordergrund stehen.” Das Konzept fand einhellige Anerkennung.

So ist ein einfacher, quadratischer, pavillonartiger Baukörper entstanden, der rundum verglast ist und auf diese Weise im Inneren Helligkeit und Sichtbezüge zum Gelände garantiert. Ursula Wilms: „Entsprechend dem Gedanken: Die Geschichte, die mit diesem Ort zusammenhängt, muss ans Licht gebracht werden.”

Im Zentrum steht ein stützenfreier, 2500 Quadratmeter großer Raum, der die Dauerausstellung über Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt aufnehmen soll. Sie war bislang eher provisorisch entlang einer überdachten Kellerwandausgrabung untergebracht und wurde dennoch von bis zu 500.000 Menschen pro Jahr besucht. Hinzu kommen in den Neubau Bibliothek, Seminar- und Konferenzräume. Wilms: „Es kam darauf an, Kommunikationsräume zu schaffen.”

Gebürtige Erkelenzerin

Die gebürtige Erkelenzerin, die unter anderem an der RWTH Aachen studiert hat und seit 1999 mit sieben Partnern Miteigentümerin des Berliner Architekturbüros ist, konnte bei dem Entwurf auf reiche Erfahrungen in ihrem „ureigenen” Bereich zurückgreifen: dem Krankenhaus- und Hochschulbau.

Das Kostenvolumen von 19 Millionen Euro für die „Topographie des Terrors” gehört bei Ursula Wilms dabei eher zu den kleineren Projekten.

Der Landschaftsarchitekt Hallmann kam bei der Gestaltung des Geländes, des Umfelds ins Spiel. Auch hier galt die Devise: möglichst einfach - die Geschichte selbst in ihren Dokumenten, Fotografien und Relikten soll ihre Wirkung entfalten, nicht die sie beherbergende Architektur.

Kargheit und Nüchternheit waren gefragt - realisiert in gebrochenem Natursteinmaterial rings um das Gebäude. Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee haben das Ergebnis einen Tag vor dem Richtfest bereits als überaus gelungen gewürdigt.

Ein Rundweg auf dem Gelände führt an den historischen Spuren, die nach Bombardierung und Abriss der Trümmer geblieben sind, vorbei. Erst Ende der 70er Jahre hatte man sich wieder der Vergangenheit dieses Geländes erinnert und begann mit Ausgrabungen von Kellern, Gebäuderesten, Teilen eines Luftschutzgrabens sowie der Freilegung der Zellenböden des einstigen Gestapo-„Hausgefängnisses”.

Ein Stück der Berliner Mauer nördlich des Geländes bleibt als Denkmal erhalten, ebenso ein Robinienwäldchen zwischen Wilhelmstraße und Anhalter Straße. Hier wurde das Gebiet nach dem Krieg als „Autodrom - Fahren ohne Führerschein” genutzt - die Fahrpisten erinnern noch heute daran.

Heinz Hallmann wurde im übrigen in Kohlscheid geboren und ging am Couven-Gymnasium in Aachen zur Schule. Heute ist er berufenes Mitglied des Architekturbeirats der Stadt Aachen.

„Selten”, so freut sich nun seine Frau, „hat es eine solch große Übereinstimmung gegeben zwischen den Vorstellungen der Auftraggeber und der Grundidee des Entwurfs.” Und auch ihr Mann findet es „sehr angenehm” - für einen Architekten eigentlich untypisch, sollte man meinen -, „im Hintergrund zu stehen”. Die „Topographie des Terrors” soll für sich selbst sprechen...

Die lange Vorgeschichte des Projekts begann bereits im Jahr 1983

Die „Topographie des Terrors” in Berlin ist seit 1987 ein Dokumentationszentrum über die Täter des NS-Terrors. Sie befindet sich neben dem Martin-Gropius-Bau auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo- und SS-Zentralen im Zentrum Berlins.

Nach dem Krieg wurde das Gelände gewerblich genutzt. Seit 1983 setzte sich eine Bürgerinitiative für einen angemessenen Umgang mit dem Gelände ein.

1993 entschied sich eine Jury für einen Neubau nach dem Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor. Am 8. Mai 1995 wurde der Grundstein gelegt.

Das von Bund und Berlin je zur Hälfte finanzierte Zentrum sollte ursprünglich 18 Millionen Euro kosten, die Summe verdoppelte sich im Laufe der Jahre. Wegen des unkalkulierbaren finanziellen Risikos wurde 2000 das endgültige Aus für den Zumthor-Entwurf beschlossen, der Rohbau wurde abgerissen.

Der Bund wurde Bauherr und schrieb einen neuen Wettbewerb aus. Das Preisgericht entschied sich 2006 für die Aachener, in Berlin arbeitende Architektin Ursula Wilms und den Aachener Landschaftsarchitekten Heinz Hallmann.

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