40 Skulpturen vom Ende eines Traums

Von: Christian Rein
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Skulpturen als kritischer Kommentar zur Kernenergie: Albert Sous in seinem Würselener Atelier. Die Kugel-Pyramiden sind für ihn ein „Zeit-Rechner“, um den Irrsinn von Kernenergie zu verdeutlichen: Die Menschen nutzen Kernenergie gerade mal seit 50 Jahren. Bis die Radioaktivität von Stoffen um die Hälfte abgebaut ist, vergehen aber mehrere hunderttausend Jahre. Foto: Andreas Herrmann

Würselen. Am Anfang ist alles ein Spiel, ein Experiment mit dem Experiment: Das Spielzeug, die Kugel, wird zu Pyramiden geschichtet. Sie findet sich im Eierbecher oder als Schachfigur auf dem Brett. Sie geht groß in das römische Füllhorn hinein und kommt klein wieder heraus, ersetzt die Madonna unter der Glashaube, brodelt im bauchigen Rundkolben und wird am Ende Kreatur, tausendköpfiger Drache, Hydra.

Spätestens jetzt merkt der Betrachter, dass mit dem Spiel etwas nicht stimmt. Hier geht es nicht um Unterhaltung oder Zerstreuung, hier geht es um das Leben selbst, um Mensch, Natur und Kultur. Und es geht um die große Gefahr, dass all das zerstört wird, verstrahlt. Denn letztlich stehen die Kugeln genau dafür: Radioaktivität und die menschliche Hybris, sie beherrschen zu können, nutzbar zu machen.

Albert Sous, Jahrgang 1935, renommierter Künstler, mehrfach ausgezeichneter „Metallbildhauer und Goldschmied“, wie er sich selbst vielleicht etwas zu sachlich nennt, hat in seinen Kunstwerken noch nie so offensiv Stellung in einer gesellschaftlichen Frage bezogen: Mit rund 40 kleinen Skulpturen, die ab diesem Wochenende in seinem Würselener Atelier zu sehen sind, setzt er sich kritisch mit der Kernenergie und besonders mit der Kernforschung in Jülich auseinander.

Die Graphit- und Keramikkugeln, mit denen Sous arbeitet, stammen tatsächlich aus Jülich. 1971 hat er Hunderttausende von ihnen in unmittelbarer Nähe der damaligen Kernforschungsanlage (KFA), dem heutigen Forschungszentrum, aus einer Erddeponie ausgebuddelt. Natürlich, das muss man betonen, sind sie nicht radioaktiv. Gleichwohl wurden sie im AVR-Versuchsreaktor zu Testzwecken eingesetzt. Sous hatte gute Kontakte in die KFA und einen Tipp bekommen, wo die Kugeln entsorgt worden waren. Später erhielt er sogar einen ganzen Container mit kleineren Keramik- und Ton-Kugeln direkt vom Gelände der KFA.

In der Folge hat er die Kugeln flächendeckend in seinen Arbeiten eingesetzt, rund 8000 von ihnen etwa im berühmten Kugelbrunnen, den er 1977 in der Aachener Adalbertstraße erbaute. Nun entdeckt er die Kugeln, von denen er noch Tausende besitzt, wieder. Aber auf eine andere Art: Waren sie für ihn zunächst nur – wie vieles andere Gefundene – Material für seine Kunstwerke, sind sie wie die Kernenergie insgesamt in der Zwischenzeit längst zum Politikum geworden.

Dazu muss man wissen, dass der AVR-Versuchsreaktor mit seiner Kugelhaufen-Technik jahrzehntelang als großer Hoffnungsträger der Forschung für die Energieversorgung der Zukunft galt. Sein Erfinder, der Aachener Kernenergie-Visionär Rudolf Schulten, versprach immense Leistung bei „absoluter“ Sicherheit. Doch zu einem Durchbruch kam es bis heute nicht. In Jülich wurde mit den Kugeln experimentiert, bis der Reaktor 1988, kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl, stillgelegt wurde.

Für den Künstler Sous hat die Menschheit mit der Kernenergie „historische Schuld“ auf sich geladen. Noch viele Generationen werden sich mit den Altlasten auseinandersetzen müssen. Und Sous erschüttern jüngere Berichte über den Versuchsreaktor. Berichte über den schweren Störfall im Jahr 1978, der erst Jahrzehnte später einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Berichte über die Probleme mit dem Rückbau des Reaktors, der sich äußerst schwierig gestaltet. Berichte über den Streit, was mit den rund 300.000 hochradioaktiven Brennelement-Kugeln geschehen soll, die immer noch auf dem Gelände des Forschungszentrums lagern. Berichte darüber, dass immer noch an der Technik geforscht wird – auch in Aachen. „Wo bleibt das Echo der Leser?“, fragt Sous. „Mir scheint, die Menschen haben sich damit abgefunden.“

Gleichzeitig hinterfragt der Künstler auch sich selbst: „Muss ich nicht auch dagegen protestieren, obwohl ich mit meinen Protesten in Richtung Kommunalpolitik nicht zum Ziel gekommen bin?“ Die Form, die Sous für seinen Protest gefunden hat, ist das Spiel mit den Kugeln. So wie die Kernforschung mit den Kugeln experimentiert hat, experimentiert auch er. So erhält die fast schelmische Leichtigkeit seiner neuen Arbeiten ihre eigene Schwerkraft.

In diesem Sinne sind die 40 Skulpturen auch die erste „politische“ Kunst des „Freigeistes vom Ravelsberg“, wie Sous seit einer denkwürdigen Auseinandersetzung um die von ihm auf seinem Würselener Grundstück errichtete Flaschenkuppel durchaus mit Respekt genannt wird. Freilich war Sous stets ein Bürger im besten Sinne, also einer, der sich nicht nur für die Vorgänge etwa in und um Aachen interessiert hat, sondern der sich auch eingemischt hat, der Entscheidungsträgern keine Ruhe gelassen hat mit seiner Haltung zu den Dingen.

Aber in den Kunstwerken, die Sous bislang erschaffen hat, ging es nicht um seine Haltung. Sie waren vielmehr der Versuch, seinen Träumen Gestalt zu verleihen. Dort, in den Träumen, sah er die Dinge, wie sie sein sollten. So sagt er es etwa vom Kugelbrunnen. Das aktuelle Spiel mit den Kugeln speist sich nicht mehr aus den Träumen. Denn der Traum, der die Kernenergie einmal gewesen sein mag, ist verstrahlt. Und so hat auch Sous, der Künstler, aufgehört zu träumen.

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