3. Sinfoniekonzert: Heimspiel in der guten Stube

Von: Armin Kaumanns
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Er spielte Klavier und dirigierte zugleich das Sinfonieorchester Aachen: der Dürener Pianist Lars Vogt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Wer, wenn nicht ein Pianist, weiß ganz genau, dass Kunst nicht nur von Können kommt, sondern ein Gutteil gediegenes Handwerk voraussetzt. Wenn nun also so ein berühmter Mann wie Lars Vogt schon zum wiederholten Mal zum Taktstock greift, um sich als Dirigent eines ausgewachsenen Sinfonieorchesters wie das Aachener zu betätigen, dann verlässt er bewährte Pfade – und ist damit im Übrigen nicht allein auf der Welt.

Es scheint, als reize das gemeinsame Musizieren mit dem großen Klangkörper vom Standpunkt eines das große Ganze gestaltenden Dirigenten mehr als die allenfalls individuelle Akzente gebende Rolle auf dem Klavierhocker.

Beim 3. Sinfoniekonzert im Eurogress durfte Vogt jedenfalls auf die Sympathie der Zuhörer rechnen, schließlich hat der geborene Dürener, der inzwischen viel in Berlin lebt, quasi ein Heimspiel in Aachens „guter Stube“. Und als Leiter seines Festivals „Spannungen“ in Heimbach hat er nicht nur kammermusikalische Meriten erworben, sondern auch das Chef-Sein-Können unter Beweis gestellt. Der Kontakt zu den diensthabenden Streichern und Bläsern jedenfalls war gut. Man mag sich ohrenscheinlich.

Rhythmisches Zwischenspiel

Vor Mozarts wunderbares D-Moll-Klavierkonzert hat die Dramaturgie ein Stück neue Musik gesetzt. Das rund 25 Jahre junge Klanggemälde „Insula deserta“ für Streicher des Esten Erkki-Sven Tüür entsteht zunächst aus ausgedehnten Klangflächen, die sich zunehmend clusterhaft verfärben, anschwellen, abreißen und neu beginnen.

Viel Flageolett ist zu hören, öfter mal müssen die Celli jenseits des Steges krächzende Obertöne erzeugen. Bevor sich der erste Teil wiederholt, gibt es ein eher rhythmisches Zwischenspiel, das sich auf wenigen Tönen im Kreis dreht. Minimalistisch ist das und verhaucht ins Nichts. Tüür war Rockmusiker, bevor er Komposition studierte und leidlich berühmt wurde. Vogt gestaltet großzügig, Präzision ist hier nicht zentral.

Mozarts D-Moll-Konzert funktioniert vom Klavier aus ganz gut. Ab und an kann Vogt aufstehen und Einsätze verteilen, meist aber genügen die ausgesucht klaren, unverzärtelten Töne, die er dem Bauch des Flügels entlockt, um zu bedeuten, wo die Musik langgeht. Überhaupt ist das für Orchestermusiker eine gute Schule des Zusammenspiels, wenn man sich ganz auf die eigenen Ohren und den Kontakt zu den Stimmführern verlassen muss.

So entspinnt sich ein wohliges, wohlklingendes, geradezu vertrautes Zusammenspiel, das Mozarts schon fast symphonischem Werk gerecht wird. Berührend jedoch wird der Konzertabend an der Stelle, an der für gewöhnlich die Zugabe steht. Hier wendet sich Vogt auch im Namen der Musiker und ihres Chefs Kazem Abdullah ans Publikum und bittet um eine Schweigeminute für die Opfer in Paris. Anschließend setzt er sich ans Klavier und spielt die Marseillaise – und der ganze Saal erhebt sich in Solidarität.

In solchem Zusammenhang wirkt Beethovens Siebte, die A-Dur-Sinfonie, wie ein weiteres Ausrufezeichen für die Inhalte der Französischen Revolution. Vogt wählt klassische Tempi, nimmt das Allegretto etwas sportlich. Er hat besondere Ohren für die Bratschen, mit den Bläsern versteht er sich nicht immer perfekt. Das Auditorium zeigt sich begeistert.

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