Aachen - 100 Jahre Dada: „Brulba dori daula dalla sula lori“

100 Jahre Dada: „Brulba dori daula dalla sula lori“

Von: Eckhard Hoog
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Das experimentelle Aktionskunstensemble Adam Noidlt Missiles aus Köln wird ein Konzert im Aachener Ludwig Forum geben: beim dreitägigen Festival zum 100-jährigen Dada-Geburtstag. Foto: Viola Kramer

Aachen. 1920, 21. Oktober, Donnerstag, Hotel Großer Monarch in Aachen, Büchel – da, wo heute das Parkhaus steht: Ein wilder Trupp seltsamer Gesellen ist eingefallen, rezitiert Reime wie „Du liebes grünes Tier, ich liebe dir!“ Vollends entgeistert reagieren die Gäste in der feineren Herberge, als eine leicht bekleidete Dame dazu tanzt und vermutlich auch noch dies oder zumindest Ähnliches großartig proklamiert wird: „Brulba dori daula dalla sula lori wauga malla lori damma fusmalu“.

Das Chaos bricht aus – die Dadaisten haben Aachen heimgesucht, in Gestalt einer rheinischen Gruppe um Max Ernst.

Eine ganze Reihe zeitgenössischer Dada-Fans sind jetzt jenem legendären Dada-Abend in Aachen bei ihren Recherchen auf die Spur gekommen: die Gesellschaft für zeitgenössische Musik Aachen (GZM). Sie konnten sogar das Originalplakat von 1920 im Stadtarchiv aufstöbern.

Die freie Rekon-struktion des Abends wird einer der Höhepunkte sein bei einem dreitägigen Festival „100 Jahre Dada“, mit dem die große Mies-van-der-Rohe-Ausstellung im Ludwig Forum an ihrem ersten Wochenende (28., 29. und 30. Oktober) kurz nach der Eröffnung (27. Oktober) eingeläutet wird.

„Mies van der Rohe kannte sie alle, die Dadaisten in Berlin, und war mit ihnen befreundet“, erläutert Forums-Direktor Andreas Beitin die naheliegende Idee, die Ausstellung von Collagen des Aachener Baumeisters aus dem MoMa um eine Veranstaltungsreihe zum Thema Dada zu bereichern. Zumal alle Welt gerade den 100. Geburtstag der revolutionären Bewegung feiert – aus der Wiege gehoben am 5. Februar 1916 im Cabaret Voltaire in der Zürcher Spiegelgasse 1.

„Wir schlagen einen Bogen vom Dada-Ursprung über Aachen 1920 bis heute“, erklärt die GZM-Vorsitzende Gwendolen Webster. Den Auftakt am Freitagabend bestreitet das Neue Musik Ensemble Aachen mit einem Konzert ganz im Geiste Dadas: „An Anna Blume“ – eine Hommage nicht nur an Kurt Schwitters, den Autor des gleichnamigen Gedichts („Du liebes grünes Tier . . .“), sondern auch an all jene Komponisten, die ganz im Sinne Dadas radikal brachen mit der überkommenen Tradition: Erwin Schulhoff, Robert Erickson, Andrzej Kwiecinski, und wie sie alle heißen.

Dabei gibt die Komposition „SCHNPP“ von Ludger Singer dem ganzen Festival seinen dadaistischen Namen.

Highlight des Abends wird die Uraufführung einer Gemeinschaftskomposition von sieben Aachener Komponisten: Jeder komponierte zwei Minuten, wobei ihnen zur Anknüpfung nur der letzte Takt des Vorangegangenen zur Verfügung stand. John Cage lässt grüßen.

Eine klingende Collage aus Texten, Lautgedichten und Geräuschen präsentiert der Musiker und promovierte Psychiater Florian Kaplick mit seinem „Cabaret Anti-Militaire“ bei einem Doppelkonzert am Samstag. Den anderen Teil liefert das experimentelle Kölner Aktionskunstensemble Adam Noidlt Missiles. Das war bereits bei der Eröffnung des Ludwig Forums vor 25 Jahren hier zu erleben.

Die Missiles, ein Fluxusorchester, lassen sich gerne auch mal von einer Dirigiermaschine leiten oder von Mutigen aus dem Publikum – das Konzert ist jedenfalls eine einzige Überraschung. Wer mitmachen will, kann sich für einen Workshop bei der GZM anmelden (info@gzm-aachen.de).

Eine einzige Überraschung verspricht auch Mona Creutzer vom Aachener Theater K: Unter ihrer Regie rekonstruieren neun Musiker, drei Schauspieler und ein Performer den Aachener Dada-Abend von 1920 mit Proklamationen, unanständigen Texten und möglichst schräger Musik.

Bei einer geschickten Regie wird dabei womöglich fühlbar, was die Dadaisten eigentlich antrieb: all das Überkommene und die Werte radikal zu verneinen, die zum Ersten Weltkrieg führten, dieser einzigen menschenverachtenden Vernichtungsmaschinerie. Nein zur bürgerlichen Kultur und zu allem, was damit zusammenhängt.

In Aachen traf Dada 1920 noch auf die Auswüchse des Krieges: Die Stadt war besetzt von belgischen Truppen, es herrschte Hungers- und Wohnungsnot. Dadas Antwort: „Brulba dori daula lori . . .“

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