Wo Mülltrennung das Überleben sichert

Von: Klaus Baier
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Recycling: Sogenannte informelle Arbeiter sortieren auf einer Kippe in Bholakpur, einem Stadtteil von Hyderabad, den Hausmüll und verkaufen die Wertstoffe. Die Stadtverwaltung duldet das gerne. Foto: Klaus Baier

Hyderabad. Wie kann in einer Megacity überhaupt die Ver- und Entsorgung von Wasser gemanagt werden? Wie wirken Verstädterung und Wasserressourcen wechselseitig aufeinander? Mit solchen Fragen, die gerade in den rasant wachsenden, nahezu unüberschaubaren Millionenstädten Asiens von existenzieller Bedeutung sind, beschäftigt sich ein deutsch-indisches Austauschprojekt, das der RWTH-Lehrstuhl für Ingenieurgeologie und Hydrogeologie gemeinsam mit indischen Partnern betreibt.

Der Rundgang durch Bholakpur versetzt den Betrachter freitags in eine andere Welt. Menschen drängeln sich zu hunderten auf die Straßen und Plätze. Sie kommen aus der Moschee vom Freitagsgebet. Es riecht nach Kaffee und gegrilltem Fleisch. Stimmen prasseln durch die engen Gassen. Der Beobachter bekommt von den Wasserproblemen dieses Stadtteils der indischen Stadt Hyderabad nichts mit. Hyderabad ist überwiegend muslimisch geprägt, und Bholakpur ist ein von Muslimen bewohnter Stadtteil.

Wassermangel

Doch in dem sieben Millionen Einwohner zählenden Hyderabad beeinflussen viele Strukturen und Prozesse die Wasserressourcen negativ. Besonders die Wasserqualität leidet darunter, aber auch an der Bereitstellung von Wasser mangelt es. Versorgungsengpässe und wasserbedingte Krankheiten sind die Folgen und betreffen alle Bevölkerungsschichten. Zum fünften Mal sind Studierende und Dozenten der Aachener Hochschule in Hyderabad, der viertgrößten Stadt des indischen Subkontinents. Für die meisten Studenten ist das Projekt die erste reale Erfahrung mit den Wasserproblemen in Megastädten der Entwicklungs- und Schwellenländer.

Diesmal geht es darum, die Müllverarbeitung genauer zu untersuchen und die Auswirkungen der einzelnen Verarbeitungsschritte auf die Wasserressourcen zu analysieren. Neben der formalen, von der Stadt organisierten Müllabfuhr, spielen die informell arbeitenden Müllsammler eine wichtige Rolle im Müllkreislauf. Informelle Arbeiten sind meistens illegal und laufen abseits jeglicher Regularien.

Sie werden aber geduldet, da sie ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil in den städtischen Ökonomien der Megastädte der Entwicklungs- und Schwellenländer und für viele Menschen die einzige Möglichkeit zur Existenzsicherung sind. „Während die Stadt nur dafür sorgt, dass der Hausmüll von Sammelcontainern zur Deponie transportiert wird – wo er ohne jegliche Behandlung deponiert wird – tragen zahlreiche informelle Arbeiterinnen und Arbeiter dazu bei, dass ein gewisser Teil des Mülls recycelt wird, indem sie Wertstoffe wie Papier, Glas und Plastik sammeln, sortieren und weiterverkaufen“, erläutert der Doktorand des Projektes, Kilian Christ.

Besonders die extremen Lebensumstände der informellen Abfallsammler beschäftigen die Studenten. „Einige von ihnen verdienen nicht einmal 40 Euro im Monat und sind gezwungen, trotz täglicher harter Arbeit auf der Straße zu leben“, schildert Tamara Drewes, die sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit dem Thema Reststoffkreislauf befasst.

Choleraepidemie

Bholakpur ist seit zwei Jahren eines der Hauptuntersuchungsgebiete im Rahmen des Austauschprojektes. Hier findet man gebündelt viele relevante Prozesse und Tätigkeiten, die die Wasserressourcen negativ beeinflussen. Aufmerksam auf dieses Gebiet wurde das Projektteam durch eine Choleraepidemie im Jahr 2009, bei der es einige Todesfälle gab, als sich Abwasser durch schlechte Infrastruktur mit Trinkwasser vermischte.

Einige Hinduisten nutzen diesen Vorfall um Stimmung gegen die von Muslimen in Bholakpur betriebenen Gerbereien und die kleinen zuarbeitenden Betriebe zu machen. Kühe sind im Hinduismus heilig. Immer wieder kommt es zu Vorwürfen, dass die Verunreinigungen nur durch die Gerbereien entstehen. Die großen Gerbereibetriebe jedoch sind schon lange vor diesem Ereignis umgesiedelt.

Heute befinden sich nur noch kleine zuarbeitende Werkstätten in diesem Gebiet. Dabei handelt es sich hauptsächlich um „Skintrader“, die die Tierhaut mit Salz behandeln und sie haltbar machen, bevor sie dann zu den Gerbereien geliefert werden. Anhand dieses Beispiels wird klar, welche kulturelle Brisanz Wasserprobleme in Hyderabad haben können.

Neben schlechter Infrastruktur tragen viele kleine informell arbeitende Werkstätten und Betriebe in Bholakpur zur schlechten Wasserqualität bei. Zu diesen gehören auch diejenigen, die mit Müll und Elektroschrott arbeiten und versuchen, aus diesen Wertstoffe zu gewinnen. So werden zum Beispiel Kabel verbrannt, um durch das Verbrennen der Plastikummantelung an das Kupfer zu kommen. Bei diesen Prozessen entstehen beispielsweise Dioxine, PCB und Schwermetalle, die dann ungehindert in den Boden und in den Grundwasserleiter gelangen.

In Hyderabad selbst werden allerdings gar nicht so viele Kabel und Motherboards verbrannt. Wohlweislich, offenbar: „Die dreckige Arbeit mit Elektroschrott findet in Delhi statt, da die Gesetze nicht so streng verfolgt werden wie in Hyderabad“, hat die Projektteilnehmerin Katharina Sprenger festgestellt.

Andere Betriebe lagern, sammeln und sortieren den Müll und versuchen, Wertstoffe daraus zu gewinnen, bevor der sortierte Müll an den nächst höhergestellten Zwischenhändler weiterverkauft wird. Das alles geschieht ohne Schutzvorkehrungen für die Umwelt. Erste Wasserproben belegen, dass die Verschmutzung des Grundwassers enorm und das Wasser nicht zum Trinken geeignet ist.

Umweltstandards?

Im weiteren Verlauf des Projektes geht es nun darum, die Prozesse und Aktivitäten innerhalb der Megastadt Hyderabad noch besser zu verstehen, um die Interaktion zwischen Mega-Urbanisierung und Wasserressourcen modellhaft beschreiben zu können.

Seit Anfang 2009 hat die Stadtregierung Hyderabads einen Vertrag mit dem privaten Umweltdienstleister Ramky. Dieser soll die Aufgaben der Siedlungsabfallwirtschaft übernehmen, von einer geplanten Sammlung ab der Haustür bis zur Entsorgung auf einer nach gängigen Umweltstandards errichteten Deponie. Welche Auswirkungen das für die Müllsammler hat, ist noch nicht abzuschätzen. Von einer verbesserten Müllentsorgung ist für den Beobachter bei seinem Rundgang durch Bholakpur aber noch nichts zu sehen.

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