Wissenschaft in der Kneipe: Auf Science Slams Vorträge üben

Von: Kristin Kruthaup, dpa
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Wissenschaft in der Kneipe: Auf Science Slams Vorträge üben
Auf Science Slams buhlen junge Wissenschaftler mit zehnminütigen Vorträgen um die Gunst des Publikums. Dieser junge Philosoph erklärt Kants Metaphysik - anhand eines selbst gebastelten Modells. Foto: dpa

Berlin/Tübingen. Es ist Samstagabend, lange nach 23.00 Uhr, aber der Hörsaal in der Technischen Universität (TU) Berlin ist randvoll. Hinten an der Tür stehen sie, vorne sitzen sie bis zum Podest im Schneidersitz. Aus den Boxen kommt Musik, dazu gibt es Bier und belegte Brote. Der Science Slam beginnt gleich, ein Wettstreit unter Wissenschaftlern um den besten Vortrag. Für Studenten kann es sich lohnen, dabei mitzumachen.

Für Teilnehmer ist es eine Gelegenheit, ihr rhetorisches Können zu schulen. Und für die Zuschauer ist es ein großer Spaß, bei dem sie einiges lernen können.

Das Konzept ist simpel: Ähnlich wie bei Poetry Slams treten mehrere Teilnehmer etwa in der Kneipe gegeneinander an. Bei den Poetry Slams sind es Poeten. Bei den Science Slams junge Wissenschaftler. Zehn Minuten haben sie Zeit, um ihr wissenschaftliches Thema vorzustellen. Am Ende entscheidet der Applaus des Publikums darüber, wer gewinnt. Vor fünf Jahren gab es den ersten Science Slam in Darmstadt. Seitdem sind sie in der ganzen Republik wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Oliver Meinhold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Brauereitechnologie der TU Berlin. Er will an diesem Samstagabend mit dem Thema antreten: „Wie kommt der Hopfen ins Bier?” Er macht zum ersten Mal bei einem Science Slam mit. Bei seinen Studenten sehe er immer, wie schwierig das ist, ein gutes Referat zu halten, sagt er. Das will er heute Abend besser machen. „Ein klein wenig Aufregung ist dabei, aber nicht so groß”, sagt er und schiebt entspannt die Beine von sich. „Und es ist immer eine gute Übung, vor Publikum zu reden.”

Den meisten fällt es schwer, vor vielen Leuten zu sprechen. „Dagegen hilft nur Üben, Üben, Üben”, sagt Prof. Joachim Knape vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. Er empfehle deshalb jedem, sich einmal auf einem Science Slam auszuprobieren. „Selbst wenn man es nicht hinkriegt, ist der Trainingseffekt da. Die Hauptsache ist doch, dass man anfängt, darüber nachzudenken, wie man das, was man denkt, kommunizieren kann.”

Beim Publikum kommt es dabei gut an, wenn es in den Vortrag einbezogen wird, hat Gregor Büning beobachtet. Er ist der Veranstalter des Slams an der TU Berlin und hat mittlerweile elf Wissenschaftler-Kämpfe organisiert. „An den Science Slams mag ich, dass sie Lernen und Lachen verbinden.” Professor Knape glaubt, dass es wichtig ist, die Zuhörer dort abzuholen, wo sie stehen. „Als Wissenschaftler muss ich für einen solchen Vortrag ein Thema wählen, das ein breites Interesse wecken kann.”

Oliver Meinhold hat so ein Thema ausgesucht. „Wie kommt der Hopfen ins Bier?” ist eine Frage, die dem Publikum naheliegt. Trotzdem wirkt er ein wenig unsicher, als er die Bühne betritt. Denn sein Vorredner ist mit tosendem Applaus verabschiedet worden. Der hatte über Kant referiert und Kants Metaphysik in einem Modell nachgebastelt. Das Publikum hat immer wieder spontanen Zwischenapplaus gegeben, als das Modell sich von Minute zu Minute mehr in die Höhe schraubte und der Mann wie ein fahriger Professor immer schneller redete.

Oliver Meinhold hat eigentlich das einfachere Thema, aber es läuft irgendwie nicht rund. Nüchtern fasst er zusammen, wie der Hopfen ins Bier kommt. Das Publikum rutscht auf den Stühlen herum. „Zusammenfassungen sind nicht gut geeignet für eine Rede”, erklärt Knape. „Pfiffiger ist es immer, eine steile These zu vertreten. Dann hat man für die Rede auch gleich eine Dramaturgie.” Gut sei auch, wenn der Redner etwas in der Vorstellung der Zuschauer in Gang setzt. Oder wenn er das Problem mit Vergleichen, Beispielen und Metaphern veranschaulicht, anstatt viel zu erklären.

Gregor Büning hat beobachtet, dass die Vorträge vor allem dann schiefgehen, wenn sie das Publikum überfordern. „Es ist schlecht, wenn sich jemand völlig in den Details seines Themas verliert und keiner mehr folgen kann.” Schwierig sei auch, wenn ein Redner Fachwörter verwendet, die nur die Experten im Raum verstehen. „Da muss man kritisch sein. Oft hält man Wörter für selbstverständlich und kommt gar nicht darauf, dass andere ihre Bedeutung nicht kennen”, sagt Knape.

Das Publikum verabschiedet Meinhold schließlich mit einem freundlichen Applaus. Denn egal, für wie interessant das Publikum den Vortrag hielt: Am Ende wird jeder, der aufgetreten ist, für seinen Mut belohnt. „Ausgepfiffen wird hier niemand”, sagt Büning.

Am Ende des Abends gewinnen weder Meinhold noch der Kant-Experte. Den längsten und lautesten Applaus des Publikums bekommt ein Chemiker. Er hatte die ungewöhnlichste Vorstellung abgeliefert. Es ging ihm darum, eine chemische Formel zu erklären. Dafür ließ er das Publikum zunächst für jede Zahl der Formel eine Bewegung bestimmen. Zum Beispiel sollte die Zahl Eins bedeuten, dass er sich auf den Boden legen muss. Dann stellte er Musik an und tanzte mehrere Minuten lang die Formel vor. Das Publikum war erst erschrocken - und dann begeistert.
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