Wie viel Industrie ist für die Forschung erträglich?

Von: Thorsten Karbach
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Greift immer wieder zu Industriemitteln: Günther Schuh, Direktor des WZL der RWTH. Foto: Herrmann
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Stiftungsprofessor mit großer Freiheit: Rik De Doncker. Foto: Steindl

Aachen. So trivial kann Spitzenforschung sein. Mit einem Barcode-Leser, wie er an jeder Supermarktkasse zum Einsatz kommt, erfasst Günther Schuh ein Bauteil. Das trägt einen Barcode, der jederzeit unmissverständlich deutlich macht, wie das Bauteil nun bearbeitet werden muss.

Klingt simpel, ist aber neu und viel versprechend, wenn es darum geht, Maschinenbau zu optimieren, schneller, effizienter, schlicht: besser zu machen. Laserhersteller und Maschinenbauer sind gleichermaßen beteiligt an diesem Forschungsprojekt am Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen; finanziert wird es einerseits mit Bundesmitteln, andererseits eben auch: von der Industrie.

Kritik an der Nähe

Es ist diese Nähe zwischen Hochschulen und Industrie, die Organisationen wie Transparency International sorgsam bis skeptisch beäugen. Schleswig-Holsteins Ex-Umweltministerin Edda Müller, nun oberste Korruptionswächterin bei Transparency International, sagte unlängst der Deutschen Presse-Agentur, es bestimmten zunehmend „die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung – und weniger das, was unser großes Erbe ist, nämlich die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Ich sage mal: das alte Humboldt‘sche Bildungsideal.“

Doch wie viel Einfluss hat die Industrie auf die deutschen Hochschulen? Zu viel? Ist die Freiheit der Forschung in Gefahr. „Nein!“, sagt Professor Günther Schuh, einer der vier Direktoren des WZL, einem der erfolgreichsten Einwerber von Drittmitteln – auch aus der Industrie – im Land. „Wir können nicht nur der Forschung wegen forschen. Das Humboldt‘sche Prinzip hat seine Berechtigung, aber wir Wissenschaftler müssen uns schon fragen, was denn die drängendsten Fragen der Gesellschaft sind. Und dafür braucht es auch die Nähe zur Industrie.“

Die RWTH ist ein sehr gutes Beispiel, wenn es darum geht aufzuzeigen, was Drittmittelforschung bedeuten kann. Vielleicht ist sie sogar das beste, denn keine deutsche Hochschule wirbt mehr Drittmittel ein als die Aachener. 2014 waren es laut Jahresbericht 393,7 Millionen Euro Drittmittel, von denen 94,4 Millionen Euro von Industrieunternehmen überwiesen wurden. Hinzu kommt in Sachen Finanzierung der gesamten Hochschule der Landeszuschuss; 445,8 Millionen Euro betrug er 2014. Letztlich kommen also elf Prozent der Mittel aus der Industrie. Schuh sagt: „Edle Forschung ist nicht dadurch edel, dass ihre Mittel aus der öffentlichen Hand kommen.“

Eindeutige Entwicklung

Die Entwicklung ist eindeutig: Drittmittel werden für die Hochschule wichtiger. Die RWTH konnte 2003 kaum 150 Millionen Euro einwerben, 2006 waren es erstmals mehr als 200 Millionen, 2009 mehr als 225 Millionen Euro, 2013 mehr als 350 Millionen Euro. Bundesweit hatten alle Hochschulen 1990 gerade einmal 1,5 Milliarden Euro Drittmittel akquiriert, 2001 waren es schon drei Milliarden Euro, 2012 bereits 6,7 Milliarden Euro – und 20 Prozent kamen aus der Industrie: 1,3 Milliarden Euro. Ein Viertel aller Mitarbeiter an deutschen Hochschulen sind laut hochschulwatch.de mittlerweile über Drittmittel finanziert. Acht Planstellen hat Günther Schuh eigentlich für die Lehre. Mehr nicht. Er kann aber dank Industriemitteln 20 Leute mehr einsetzen. „Die Industrie kann uns eine Finanzierungslücke schließen, und das ist auch gut so. Es ist zu Gunsten unserer Studenten.“

Die Ausrichtung

Insofern sind Drittmittel aus der Industrie keineswegs schlecht. Hochschulwatch.de befürchtet aber, die Ausrichtung der Forschung könne sich zu sehr nach den Interessen der Drittmittelgeber richten. Vier Millionen Euro zahlt Eon SE für das Energy Research Center (ERC) der RWTH Aachen pro Jahr – und zwar zunächst einmal für zehn Jahre. Zwei Millionen Euro sind für die Grundfinanzierung des Centers und der drei Stiftungsprofessuren bestimmt, die 2007 eingerichtet wurden.

Zehn solcher Stiftungsprofessuren hat es an der RWTH 2014 insgesamt gegeben; sie wurden von Unternehmen wie auch Stiftungen finanziert. Die Zahl solcher Stiftungsprofessuren ist deutschlandweit in den letzten Jahren deutlich gestiegen; mehr als 1000 sollen es sein. Allein die Industrie investiert 115 Millionen Euro in diese Professuren. Das entspricht neun Prozent der Drittmittelinvestitionen der Industrie insgesamt. Ist das Einflussnahme?

Kritisiert wird von hochschulwatch.de, dass damit Forschung in bestimmten, industrie-relevanten Themenfelder befeuert werde. Die Aachener Eon-Professoren beschäftigen sich mit der Forschung und Entwicklung von regenerativen Energien, Verbesserung der Energieeffizienz und Energieeinsparung. Für Eon sagt Sprecherin Bettina Donges: „Für Eon haben Forschung und Innovation gerade in Zeiten der Energiewende elementare Bedeutung. Neue Technologien, wie sie im ERC erforscht werden, sind die Grundlage für die Entwicklung neuer Lösungen für den Energiemarkt der Zukunft.“

Klar, ohne Eon würde die Energieforschung an der RWTH gewiss ein paar Nummern kleiner ausfallen. So gibt es alleine am ERC 125 wissenschaftliche Mitarbeiter und fast 100 studentische Hilfskräfte. Aber ist Energie nicht gerade ein ganz großes Thema in diesem Land?

Das Selbstverständnis

Am WZL betont Günther Schuh, dass es immer darum gehe, Fragestellungen zu erforschen, die für eine ganze Branche und nicht für eine einzelne Firma interessant seien. „Forschung muss relevant sein – für den Fortschritt der Gesellschaft“, sagt er. „Unser Selbstverständnis ist es, die Probleme der Praxis zu lösen.“ Die hat die Industrie und spielt sie an Hochschulen wie die TH weiter. Schuh spricht von einem Ping-Pong-Spiel, von dem beide Seiten profitieren. „Wir lassen uns nicht sagen, was wir machen sollen. Uns interessieren nur sinnvolle Fragestellungen.“

Eine Eon-Million dient als Pauschale für Sachmittel, also neue Laborinstrumente, Prüfstände, Netzsimulatoren und Computer. Eine weitere Million ist allein für Forschungsprojekte bestimmt. „Und die ist wie eine reine Spende, wir sind genauso frei wie bei einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft“, erklärt Rik De Doncker, Leiter des ERC.

Drei Formen

Letztlich gibt es drei Formen von Drittmittelforschung:

Da sind einmal die reinen Industrieforschungsprojekte. Es handelt sich tatsächlich um reine Auftragsarbeiten zu einer von der Industrie vorgegebenen Fragestellung. Der Industriepartner erkauft sich gleichzeitig – wenn er es denn will – das Recht zur Patentierung. Gezahlt werden Sach- und Materialkosten, die Personalkosten und der sogenannte Overhead, in der Summe etwa das Doppelte eines Assistententarifs.

Bundesministerien – zum Beispiel das für Wirtschaft und Energie (BMWi) und das für Bildung und Forschung (BMBF) – schreiben Projekte aus, bei denen die Hochschulen in gleicher Höhe Industriemittel von entsprechenden Partnern einwerben müssen. In diesem Jahr wurde in dieser Form der Forschungscampus FEN (Flexible Elektrische Netze) gegründet.

Der Bund (BMBF) finanziert die erste Phase des Projekts, welches die Vorteile der Gleichspannungstechnik aufzeigen soll, mit zehn Millionen Euro über fünf Jahre, die RWTH musste weitere zehn Millionen Euro für diesen Zeitraum von Industriepartnern einwerben. Der Bund fördert auf diese Weise die Forschung mit der Industrie. Sie ist also offenkundig politisch gewünscht, sonst würde es solche Forschungsförderung nicht geben. Zugleich werden so Forschungsthemen gesetzt – ganz bewusst.

Bei der DFG können Mittel eingeworben werden. 2013 lag der DFG-Etat bei 2,69 Milliarden Euro (von Bund und Ländern finanziert). Die Industrie ist komplett außen vor. Allerdings ist im Schnitt nur jeder dritte Antrag einer Universität wie der RWTH bei der DFG erfolgreich. Insofern ist die jährliche Eon-Million, mit der in Aachen geforscht werden kann, „ein Glücksfall“, wie De Doncker erklärt.

„Das ist absolut freie Forschung.“ So konnten zum Beispiel Forschungsprojekte wie „eHome“ auf den Weg gebracht werden, die es sonst nicht geben würde. Bei dem Projekt geht es um Gebäude, die nicht über eine Gas- oder Ölheizung, sondern ausschließlich über ein elektrisches System beheizt werden. „Die Ergebnisse werden publiziert und stehen allen zur Verfügung“, sagt De Doncker. Eon hat keine exklusiven Rechte.

Seite an Seite

Das Knowhow in Aachen zieht Firmen wie Eon an. Auf dem Campus der RWTH werden sie noch enger eingebunden und können sich in den Forschungszentren (Clustern) einmieten. Konkurrenten sind hier Seite an Seite zu finden. Am FEN sind Siemens und General Electric dabei. Das ist so gewollt. „Ich muss den Kritikern Recht geben, dass es schlecht ist, sich an ein einzelnes Unternehmen zu verkaufen“, erklärt Schuh. „Wir achten peinlich genau darauf, dass wir uns nicht einem großen Konzern allein verschreiben. Wenn es nur um den Wettbewerbsvorteil eines Einzelnen geht, dann sind wir die falschen Ansprechpartner.“

Das akzeptieren die Unternehmen: Das WZL verantwortet mit den Automobilexperten vom Institut für Kraftfahrwesen und dem Lehrstuhl für Verbrennungskraftmaschinen VKA mehr als ein Viertel der industriellen Drittmittel der RWTH. Gleichzeitig fußt alles auf einem Sockel aus DFG-Mitteln.

Wenn über Industrieforschung diskutiert wird, dann müssen auch die Auswirkungen in Sachen Ausbildung betrachtet werden, die ganz nah an aktuellen Fragen der Industrie ablaufen kann. „Wir bilden keine reinen Wissenschaftler aus, sondern Ingenieure, die mal in der Industrie arbeiten wollen“, erklärt De Doncker. Bettina Donges sagt, Eon stelle für die Wissenschaftler am ERC einen wertvollen Bezug zur unternehmerischen Praxis in der Energiewirtschaft her.

Die RWTH hat den Ruf als Ingenieurschmiede der deutschen Wirtschaft. Fakt ist, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass ein Industrieprojekt auch damit endet, dass der Wissenschaftler zum Auftraggeber wechselt. Ist das schlecht? De Doncker nennt es einen guten Effekt. Schuh sagt: „Jeder, der sagen kann, dass er hier konzeptionell gearbeitet hat, wird mit Kusshand in der Industrie genommen.“

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