Wenn der Kommilitone grabscht: Sexuelle Belästigung im Studium

Von: Claudia Bell, dpa
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Anzügliche Sprüche, Hinterherpfeifen und Grabschen - solche sexuellen Belästigungen erleben Frauen im Alltag immer wieder. Auch Studentinnen haben darunter zu leiden. Foto: dpa

Bochum. Anzügliche Sprüche, Hinterherpfeifen und Grabschen - solche sexuellen Belästigungen erleben Frauen im Alltag immer wieder. Auch Studentinnen haben darunter zu leiden. Betroffenen ist es oft peinlich, über die erniedrigende Erfahrung zu sprechen. Derartige Erlebnisse unter den Teppich zu kehren, ist aber die falsche Devise.

Für Studentinnen ist das eine Horror-Vorstellung: Eben noch lief die Sprechstunde mit dem Professor oder das Gespräch mit dem Tutor sehr nett.

Auf einmal liegt seine Hand nicht mehr auf dem Schreibtisch, sondern auf dem eigenen Knie. Von solchen Übergriffen durch Hochschullehrer oder Kommilitonen erfährt die Öffentlichkeit nur selten. Doch sie passieren: Das belegt eine Studie der Ruhr-Universität in Bochum.

Per Online-Fragebogen wurden im Wintersemester 2010/2011 rund 13.000 Studentinnen an 16 Hochschulen zum Thema sexuelle Übergriffe befragt. Das Ergebnis: Jede Zweite (54,7 Prozent) gab an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Dabei passierten die meisten Übergriffe außerhalb der Hochschule. Rund ein Viertel der Betroffenen (28,7 Prozent) wurde allerdings auf dem Campus zum Opfer.

Die Palette der sexuellen Belästigungen ist breit: Am häufigsten berichteten die betroffenen Studentinnen davon, dass ihnen nachgepfiffen wurde (39,4 Prozent). Jede fünfte Betroffene gab an, dass ihnen jemand unnötig nahe kam (18,8 Prozent).

Fast genauso viele mussten Kommentare über ihren Körper über sich ergehen lassen (18,3 Prozent). Jede Zehnte (9,3 Prozent) der Betroffenen wurde unfreiwillig geküsst oder betatscht.

Auch mit Stalking haben viele Studentinnen Erfahrungen gemacht: Zu diesem Thema beantworteten rund 11 500 Studentinnen den Online-Fragebogen. Von ihnen wurde jede Fünfte (22,8 Prozent) schon einmal gestalkt.

Am häufigsten (14,2) berichteten die Betroffenen von Stalking per Telefon, SMS und E-Mail. Mit großem Abstand folgte das Auflauern (4,4 Prozent) sowie das Ausspionieren (3,8 Prozent).

Im Vergleich zu den Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen und Stalking sind Erlebnisse mit sexueller Gewalt selten. Dazu haben rund 11 100 Studentinnen Fragen beantwortet. Von ihnen waren 3,3 Prozent betroffen. Die Opfer berichten am häufigsten über erzwungene intime Berührungen (1,3 Prozent) sowie gewaltsamen Geschlechtsverkehr (1,1 Prozent).

Die Täter sind nicht selten Kommilitonen. Beim Thema sexuelle Belästigung gaben mehr als ein Drittel der Betroffenen (37,6 Prozent) an, dass der Täter aus dem Umfeld der Hochschule kam. Fast immer war es in diesen Fällen ein Kommilitone (82 Prozent), nur selten (9,7 Prozent) ein Dozent.

Doch egal, ob Kommilitone, Dozent oder ein Täter aus dem privaten Umfeld: Studentinnen, die Opfer eines sexuellen Übergriffs werden, ziehen sich oft zurück. Viele Übergriffe zeigten die betroffenen Frauen nie an, sagt Katrin List, die an der Studie der Ruhr-Universität mitgewirkt hat.

Viele der Betroffenen hätten Angst vor einem künftigen Umgang mit dem Täter. Oft zweifelten die Frauen auch stark an sich selbst oder schämen sich. Viele stellten sich etwa die Frage, ob sie den Täter ermutigt haben.

Dazu kommt, dass die belästigende Person nicht selten aus dem persönlichen Umfeld des Opfers stammt, sagt Helmut Rüster vom Opferverein Weisser Ring. Eine Anzeige zu erstatten, falle in so einem Fall besonders schwer.

Auch die Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes bestätigt, dass die wenigsten Betroffenen sich zu einer Anzeige durchringen können. „Übergriffe bleiben häufig ungeahndet, was entsprechende Gegenmaßnahmen erschwert”, heißt es etwa im Abschlussbericht des ADS-Projektes „Diskriminierungsfreie Hochschule”.

Doch auch wenn es vielen Opfern schwer fällt: Bei Übergriffen sollten die Studentinnen nicht tatenlos bleiben. Viele Opfer dächten sich zunächst „Das wird schon wieder”, erläutert Rüster vom Weissen Ring. Doch das sei die falsche Strategie. Je weniger Gegenwehr man dem Täter entgegenbringt, umso penetranter mache er oft weiter.

Bei obszönen Bemerkungen kann es die richtige Strategie sein, Täter direkt anzusprechen und Stellung zu beziehen. Gut sei auch, sich Freunden anzuvertrauen oder sich an eine Hilfsstelle der Universität zu wenden. „Es muss so schnell als möglich eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt werden”, betont Rüster. Auf keinen Fall dürften Opfer anfangen, die Schuld für die Übergriffe bei sich zu suchen.

Solche Vorfälle dürfen von der Hochschule auch auf keinen Fall geduldet werden, betont Sebastian Bickerich von der ADS. Wünschenswert hält die ADS die Einrichtung einer Ombudsperson an den Hochschulen.

Denn mit einer solchen Ombudsperson sei die Hürde, sich Hilfe zu holen, für viele Opfer nicht mehr ganz so hoch. Derzeit können sich Studenten etwa an die Gleichstellungsbeauftragten der Hochschule wenden, sagt Katrin List.
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