Berlin - Wahlfamilie oder billige Bleibe: Studenten auf Wohnungssuche

Wahlfamilie oder billige Bleibe: Studenten auf Wohnungssuche

Von: Johanna Uchtmann, dpa
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WG-Zimmer gesucht: Zum Semesterbeginn ist der Wohnungsmarkt oft hart umkämpft. Foto: dpa

Berlin. Wie Frank geht es vielen. Wer zum Semesterstart ein WG-Zimmer sucht, kann manchmal nicht wählen, sondern wird erwählt - oder eben nicht. Frank hat nach dem Casting nie wieder etwas von den Bewohnern gehört.

Traurig war der Landschaftsarchitektur-Student an der Fachhochschule Osnabrück darüber nicht. „Durch dieses Verfahren war das Verhältnis sowieso getrübt”, sagt er und kann heute über die Geschichte aus dem ersten Semester nur lachen. Für ihn war das Massen-Casting eines von vielen. Aber nicht jeder hat die Zeit oder die Geduld, lange nach einer passenden Bleibe zu suchen.

Gerade zum Beginn des Wintersemesters ist der Andrang auf Studentenwohnungen groß. Die Wartelisten der Wohnheime sind lang. Das weiß auch Stefan Grob, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW) in Berlin. Bis Mitte November habe sich der Run aber meist gelegt. Anfängern rät er: „Wer früh genug weiß, wohin er geht, soll sich ruhig bis zu einem halben Jahr vorher in Wartelisten eintragen lassen.”

Als erste Anlaufstelle empfiehlt Grob die virtuellen und realen Schwarzen Bretter der Universität. Auch aus Gesprächen mit Kommilitonen ergebe sich häufig ein Dach über dem Kopf. Wichtig sei vor allem, das potenzielle Zimmer vorher selbst anzuschauen und das Bauchgefühl mitentscheiden zu lassen.

Wenn nicht der Bauch, sondern der Geldbeutel das Sagen hat, ist ein Zimmer im Wohnheim am besten. Das zeigt die aktuellste Sozialerhebung des DSW von 2009. Demnach kostet ein Wohnheimplatz durchschnittlich 222 Euro. Mit 264 Euro ist das Wohnen in einer Wohngemeinschaft - kurz WG - ebenfalls relativ günstig. Deutlich teurer ist die eigene Mietwohnung: 341 Euro monatlich bezahlt im Schnitt, wer alleine eine Wohnung bezieht. Insgesamt geben Studenten durchschnittlich 281 Euro für Miete und Nebenkosten aus.

Zu den Vorteilen des Wohnheims zählen für Grob neben dem Preis auch die kurzfristigen Vertragslaufzeiten und das Leben mit „Schicksalsgenossen”. Gerade für Studenten im ersten Semester, die neu in der Stadt sind, ist das meist wichtig. „Es ist die kommunikativste Wohnform.” Er weist aber auch darauf hin, dass nicht jeder Student damit zurecht kommt. Enger Austausch mit den Nachbarn, das Teilen von Bad und Küche oder Studentenpartys lassen die Nerven des Typus „einsamer Büffler” schon mal blank liegen.

Daher zählt auch nicht das Wohnheim, sondern die WG zu den beliebtesten Wohnformen. 2009 lebten laut der Sozialerhebung mehr als ein Viertel (26 Prozent) der Studierenden in einer WG und nur 12 Prozent im Wohnheim. Die Übrigen wohnten weiter bei den Eltern, in einer Wohnung mit dem Partner, allein oder zur Untermiete.

Warum die WG so beliebt ist, weiß Dittmar Zettl von der Studentinnen- und Studentenwohnhilfe Gießen. Der gemeinnützige Verein organisiert, unterstützt und berät studentische Wohngemeinschaften. Für Zettl ist die WG die optimale Wohnform während des Studiums: „WGs sind Orte des sozialen Lernens im Positiven wie Negativen.”

Für Erstsemester sei es häufig eine sehr große Umstellung, aus dem Elternhaus allein in eine fremde Stadt zu ziehen. „Mama hat die Wäsche gemacht und die Wohnung geputzt und das Essen stand auf dem Tisch”, sagt Zettl. Deshalb sei es hilfreich abends nach dem ungewohnten Uni-Alltag in ein Zuhause zu kommen, wo Leute warten, die solche Probleme verstehen.

Das Schöne an einer WG ist für Zettl die Freiheit, sich gewissermaßen eine Wahlfamilie zusammenstellen zu können. Wenn es nicht klappt, trennt man sich eben. Mit der echten Familie geht das nicht. In die WG-Wahlfamilie können selbstverständlich auch „normale Menschen” einziehen, sagt Zettl und meint Nicht-Studenten. Sympathie ist entscheidend. Eine WG muss sich finden: „Wenn ich fremde Menschen in einzelne Zimmer stecke, habe ich noch keine WG.”

Wer im Gegensatz zu Frank bei einer WG-Besichtigung ernsthaft zu Wort kommt, sollte sich auf keinen Fall verstellen, warnt Zettl. Sein zweiter Tipp lautet: Niemals mit den Eltern zur Besichtigung kommen, das wirkt unselbstständig. Ideal ist für den Experten eine Konstellation von drei bis fünf Mitbewohnern. Sein letzter Ratschlag ist, den Fokus auf Sympathie, nicht auf Fakten zu legen. Wenn man erst mal wohnt, sind Fakten wie Lage, Preis oder Größe unwichtig, verglichen mit dem guten Draht zum Zimmernachbarn.

Frank hält lieber die Waage zwischen Fakten und Sympathie. Und manchmal stimmt einfach weder das eine noch das andere. So fiel bei einer seiner letzten WG-Besichtigungen sein vernichtendes Urteil schon nach der Betrachtung des Wäscheständers. „Wegen der Feinrippunterhosen, die da hingen - und wegen des Typs, der da reingehörte.”
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