Viele Studenten müssen das Studieren noch lernen

Von: Axel Borrenkott
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Nicht nur Probleme: Studieren
Nicht nur Probleme: Studieren macht offenbar auch Freude, wie dieser Blick in einen Hörsaal der FH Aachen zeigt. Foto: FH Aachen/lichtographie

Aachen. Wer in den 1970er Jahren studierte, kannte es gar nicht anders: Der Professor ging davon aus, dass ihm seine Studenten folgen konnten. Wenn nicht, war es ihr Problem.

Daran erinnerte Marcus Baumann, längst selber Professor und mittlerweile gar Rektor der FH Aachen, als er neulich 4,3 Millionen Euro in Empfang nehmen durfte. Die darf die Fachhochschule in den nächsten Jahren nur für die Lehre ausgeben, die Hälfte davon allein für die „Verbesserung der Studierfähigkeit”.

Insgesamt zwei Milliarden Euro lässt sich der Bund den Qualitätspakt Lehre kosten, mit dem bis Ende des Jahrzehnts die Studienbedingungen an den deutschen Hochschulen den Erfordernissen angepasst werden sollen. „Ein solches Engagement für die Qualität von Studium und Lehre hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben”, sagte Bildungsstaatssekretär Thomas Rachel, als er im Spätsommer mit den Bewilligungsbescheiden zur FH und zur TH kam.

Ein solches Engagement war schlichtweg überfällig. Dass die deutschen Hochschulen seit den 1970er Jahren chronisch unterfinanziert sind, und dass heute es fünf Mal so viele Studierende (nämlich 2,2 Millionen), aber kaum zusätzliche Lehrende gibt, die Betreuungsverhältnisse an deutschen Hochschule schlechter sind als in den vergleichbaren Ländern, sind längst Binsenweisheiten.

Wirklich komplex wird das Problem, weil die Politik so viele Akademiker wie eben möglich produziert wissen will, dafür die Umstellung auf das Bachelor-/Master-Studium nutzt, die Schule verkürzt und jede Menge offenkundig defizitär vorbereitete junge und künftig noch jüngere Menschen in die Hochschulen drängen lässt.

„Rückläufige Kompetenzen”

Speziell die Fachhochschulen sehen sich außerdem mit einer „zunehmend heterogenen Studierendenschaft” konfrontiert, die es unter einen Hut zu bringen gilt. Gemeint sind Studierende mit rein beruflichen Qualifikationen , solche aus „bildungsfernen Schichten” und aus dem Ausland stammende. „Vielfalt integrieren - nachhaltig fördern”, ist das optimistische Motto des FH-Qualitätsprogramms.

Ob ihre Klientel aber „nur” die Fach- oder die allgemeine Hochschulreife hat, scheint gar keinen erheblichen Unterschied zu machen, weit mehr als die Hälfte der FH-Studenten hat Abitur. „Eine verbesserte allgemeine oder studienfeldbezogene Studierfähigkeit der Studienanfänger können die Fachbereiche der FH Aachen parallel zu dieser Entwicklung (der steigenden Zahl von Abiturienten) aber leider nicht verzeichnen. Neben sogar noch rückläufigen fachlichen und sprachlichen Kompetenzen, bedarf es vor allem studienadäquater Lern- und Arbeitseinstellungen und -techniken verstärkter, möglichst fachnaher Betreuung und Beratungsunterstützung.”

Dieser Satz stammt aus dem Antrag, mit dem sich die FH erfolgreich in der ersten Runde des Qualitätspakt-Wettbewerbs um jene 4,3 Millionen Euro beworben hat. Er umschreibt, im Antragsdeutsch, im Grunde die ganze akute Misere des Übergangs von Schule zu Hochschule in Deutschland.

„Wir stehen hervorragend da”

Gewaltige Aufgaben also, vor denen sich namentlich die FH Aachen sieht. Auch, wenn Rektor Baumann bei feierlichen Anlässen wie kürzlich zur 40-Jahr-Feier finden kann: „Wir stehen mit unserem Angebot heute hervorragend da. Das ist das Resultat von vier Jahrzehnten engagierter Arbeit in Forschung und Lehre.”

Damit die FH auch morgen noch hervorragend dasteht, wurde ein umfassendes Programm zur „systematischen und nachhaltigen Qualitätsentwicklung von Studium und Lehre” entworfen. Namentlich verantwortlich dafür sind der Prorektor für Lehre, Helmut Jakobs, und Michael Heger, Leiter der Hochschuldidaktik.

„Ein größer werdender Teil der Studenten kommt nicht gut vorbereitet zu uns. Aber wir wollen keinen vor der Türe stehen lassen. Wir müssen uns kümmern und wir wollen uns kümmern.” Das ist die positive Botschaft, die Jakobs gerade auch in den Schulen verbreitet wissen und mit denen man auch noch intensiver kooperieren möchte.

Wie groß der Anteil derer ist, die gar nicht so recht wissen, warum sie überhaupt studieren, die sich im Seminar benehmen wie in der Mittelstufe und während der Vorlesung im Notebook rumspielen, lässt Jakobs lieber offen.

Es gehe aber nicht weniger darum, den Zurückhaltenden die Angst vor dem Studium zu nehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr kreatives Potenzial offenzulegen statt es wegzuprüfen. Wo es nottut, vermitelt die FH auch psychologische und psychiatrische Hilfe.

„Die Studierfähigkeit muss entwickelt werden”, bestätigt Heger, und ergänzt: „Das ist aber auch ein problematischer Begriff. Es geht nicht nur um die individuelle Eignung der Studierenden, sondern auch um die strukturelle Anpassung der Hochschule.” Und das sei durchaus eine Stärke, die die FH über all die Jahre bewiesen habe.

Dozenten im Dauertest

Allein 60 zusätzliche Tutoren stellt die FH ein, die sich um die verstärkte Betreuung der Erst- , aber auch um die höheren Semester kümmern, die den Anschluss verloren haben. Eine wesentliche strukturelle Neuerung sind vier Fachstudienbetreuer. Sie nehmen permanent in allen Fachbereichen auf, welche Aktivitäten es schon gibt, welche man verknüpfen kann, wo der didaktische Schuh drückt, und wie man dem mit Konzepten begegnen kann, die im Zentrum für Qualitätsentwicklung (ZQE) der FH kreiert werden. Diese Lehr- und Lernprogramme sind dann für die Fachbereiche verbindlich. Sie werden wissenschaftlich begleitet und verstetigt.

Eine noch weit stärkere Bedeutung als bisher kommt der Evaluation der Lehrenden und ihrer didaktischen Weiterbildung zu. Seit drei Jahren schon werden die meisten Veranstaltungen der FH per Fragebogen durch die Studenten evaluiert, künftig wird dies flächendeckend der Fall sein.

Doppelter Kraftakt

Sind schon jetzt die Lehrenden gegenüber den Studenten und einer Evaluierungskommission zur Rechenschaft verpflichtet, kann es ihnen in Zukunft passieren, dass sie bei wiederholt schlechten Beurteilungen zur Weiterbildung genötigt werden. Angeboten werden aber auch regelrechte Freistellungen für „Lehrsemester” in Analogie zu Forschungssemestern.

Alles in allem ein Kraftakt, den das gesamte Personal der FH parallel zum unbedingten Willen, „eine der forschungsstärksten Fachhochschulen Deutschlands” zu bleiben, und mehr als 10 000 Studierende auszubilden, in den nächsten fünf Jahren zu stemmen hat. Bei guter Beurteilung, gibt es dann noch einmal drei Millionen Euro bis 2020 hinzu.

„Wir sind begeistert - und realistisch zugleich”, sagt Michael Heger, Helmut Jakobs nickt.

Qualitätspakt: Zwei Milliarden Euro für die Lehre

Der Qualitätspakt Lehre, geschlossen von Bund und Ländern, wird vom Bund in zwei Runden für den Zeitraum von 2010 bis 2020 mit insgesamt etwa zwei Milliarden Euro finanziert. Nach den Exzellenzprogrammen für die Forschung wird damit endlich die Notwendigkeit einer besseren Betreuung der Studierenden anerkannt.

In der ersten Runde waren von Anträgen aus 194 Hochschulen 111 erfolgreich, 52 Universitäten, 47 Fachhochschulen, sowie zwölf Kunst- und Musikhochschulen.

600 Millionen Euro erhalten diese Einrichtungen für die Verbesserung von Studium und Lehre. 4,3 Millionen Euro gehen an die FH, insgesamt 18 Millionen an die RWTH Aachen.

„Ein solches Engagement für die Qualität von Studium und Lehre in einem breit angelegten, bundesweiten Förderprogramm hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben”, sagt Bildungsstaatssekretär Thomas Rachel.

Für die zweite Runde haben 169 Hochschulen - darunter 58 Universitäten und 82 Fachhochschulen - Anträge eingereicht. Über diese wird im Dezember entschieden.

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