Viele Brotsorten und die Verschwendung im eigenen Mülleimer

Letzte Aktualisierung:
12788800.jpg
Experte: Frank Bowinkelmann zu Gast im MCD-Seminar der FH.

Aachen. Im Rahmen ihres Projektes rund um das Thema Foodsharing haben sich FH-Studierende im Studiengang Media and Communications for Digital Business (MCD) mit einem der Mitbegründer des Foodsharing e.V., Frank Bowinkelmann aus Köln, getroffen und ein Gespräch über seine Arbeit und das Thema der Lebensmittelindustrie und –verschwendung geführt.

Durch seine Tätigkeit als freier Journalist und seinen Dokumentarfilm „Killer-Keime – Gefahr aus dem Kuhstall“ und seine Mitarbeit an Valentin Thurns Dokumentation „Taste the Waste“ verfügt er über zahlreiche Erfahrungen in der Branche. Frank Bowinkelmann war in Aachen Gesprächspartner im FH-Seminar Journalistik.

Neben Ihrer Arbeit als freier Journalist und Dokumentarfilmer sind Sie auch Vorsitzender des Foodsharing e.V. und als Vorstand im Kölner Ernährungsrat aktiv. Inwiefern greifen Ihre Tätigkeiten in diesen verschiedenen Feldern ineinander?

Bowinkelmann: Wir beim Foodsharing e.V. wollen uns dafür einsetzen, dass Lebensmittel zukünftig vor allem regional nachhaltig erzeugt und verbraucht werden. Und genau da ist der Bogen zum Ernährungsrat, der in Köln und mittlerweile auch in anderen Städten versucht, Ernährung so zu gestalten, dass eben diese Nachhaltigkeit ermöglicht wird. Dies soll eben dadurch erreicht werden, dass regionale und saisonale Erträge einen größeren Teil unserer Ernährung ausmachen – das wäre schon ein großer Fortschritt.

Betreiben Sie eigentlich auch privat Foodsharing, kommen Sie in ihrem privaten Umfeld damit häufiger in Kontakt, beispielsweise durch Freunde oder Familie?

Bowinkelmann: Mein Privatleben hat sich vor allem insofern verändert, als mir durch die Auseinandersetzung mit dem Thema bewusst wurde: Ich muss mein gesamtes Verhalten in Bezug auf Lebensmittel verändern. Zum Beispiel kann ich nicht abends nach Feierabend zum Bäcker fahren, der gleich Ladenschluss hat, und erwarten, dass dieser noch die eine spezifische Brotsorte hat, auf die ich gerade Lust habe. Daneben habe ich gemerkt, wie viele Lebensmittel ich auch in meinem Haushalt wegschmeiße – Brot hat davon übrigens einen erheblichen Anteil ausgemacht.

In Berlin sollte Anfang 2016 ein Fair-Teiler geschlossen werden, weil dort die Lebensmittelbehörde Probleme gemacht hat. Sind das Einzelfälle oder tritt sowas häufiger auf?

Bowinkelmann: Berlin ist ganz klar ein Einzelfall. Bei über 300 Fair-Teilern in ganz Deutschland ist bis jetzt noch keine andere Beschwerde bei uns eingegangen. Wir haben unsere Hygienevorschriften ja auch in Kooperation mit Lebensmittelkontrolleuren und sogar einem Ausbilder dieser Kontrolleure entwickelt. In Berlin aber hat man uns, anders als in vielen anderen Städten, als Lebensmittelunternehmen eingestuft. Das bedeutet für uns konkret, dass wir dort sehr strengen Auflagen folgen müssen. Zum Beispiel haben wir eine Dokumentationspflicht – wir müssen also rund um die Uhr eine Person abstellen, die akribisch registriert, wer welche Lebensmittel zu welcher Uhrzeit abgibt und abholt. So etwas ist einfach nicht möglich, weil unsere Arbeit komplett ehrenamtlich ist.

Was muss sich politisch oder auch gesellschaftlich ändern, damit Foodsharing in Zukunft nicht in solche Konflikte gerät, wie es beispielsweise in Berlin der Fall war?

Bowinkelmann: Der Idealfall wäre, wir würden uns selbst abschaffen, dann würde nämlich alles gut laufen, und man würde uns nicht mehr brauchen. Im Grunde genommen wollen wir auf die Problematik aufmerksam machen. Eigentlich würden wir uns wünschen, dass es gar nicht so weit kommt, dass wir Lebensmittel retten müssen. Ein Beispiel ist die Verpackungsgröße. Wenn der Handel darauf hinarbeiten würde und man sich zukünftig das Obst und Gemüse einzeln nehmen muss, würden viel weniger Lebensmittel verschwendet werden. Das würde eventuell auch dazu führen, dass weniger Lebensmittel hergestellt werden müssten. Wir ernähren uns auf Kosten anderer Menschen. Wir tragen zum Hunger in der Welt bei. Auch wenn wir das nicht gerne hören. Das Kraftfutter für die Tiere bauen wir kaum selbst an. Das wird zum größten Teil importiert. Dafür werden riesige Monokulturen geschaffen. Die Landbevölkerung in diesen Gebieten verarmt noch mehr. Nicht nur das, diese Monokulturen sind ökologisch eine Katastrophe, da sie die Böden auszehren. Es werden immer mehr Wälder abgeholzt. Wenn wir uns mehr regional und saisonal ernähren würden und wir nicht darauf bestehen, dass ein Kilo Hähnchen nur 3,99 Euro kosten darf, dann würde sich dramatisch etwas ändern.

Sie haben gerade über die Verpackungsgrößen gesprochen: Welche weiteren Maßnahmen fallen Ihnen ein, die die Lebensmittelverschwendung eindämmen könnten?

Bowinkelmann: Da ist der Handel gefragt. Man weiß, dass pro Person etwa 80 Kilo weggeschmissen werden und die Supermärkte geben ihre Verschwendung nur als Selbstauskunft an. Die Supermarktketten möchten nicht, dass Wissenschaftler die Verschwendung untersuchen. Mittlerweile tut sich da glücklicherweise doch einiges. Es gibt in Wuppertal ein Steering Committee, an dem auch Foodsharing beteiligt ist. Dort sitzen verschiedene Akteure, die von der EU finanziert werden. Diese überlegen, wo an den einzelnen Gliedern entlang der Wertschöpfungskette etwas verbessert werden kann. Die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Eigner hat gesagt, sie möchte bis 2020 den Lebensmittelmüll halbieren. Das Problem besteht nur darin, dass man gar nicht weiß, was man halbieren möchte, weil die genauen Zahlen dazu fehlen.

Wenn jemand sich mit diesem Thema besonders beschäftigen will und auch etwas verändern möchte, wie kann er das denn machen?

Bowinkelmann: Wenn man nur eine Woche lang seinen privaten Mülleimer beobachtet, sieht man sehr schnell, wo die eigene Verschwendung liegt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert