Duisburg - Türkei beliebtes Ziel für Auslandsstudierende

Türkei beliebtes Ziel für Auslandsstudierende

Von: Mehmet Ata, dpa
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Duisburg. Eigentlich wollte Gönül Eglence nur einige Seminare in Ankara besuchen und anschließend ihr Politikstudium in Duisburg fortsetzen.

Doch den vier Wochen in Ankara folgte ein Praktikum in Istanbul. Aus dem Praktikum wurde eine leitende Stelle, aus den ursprünglich geplanten vier Wochen ein knappes Jahr. Er habe ein Projekt für den holländischen Automobilclub ANWB geleitet, erzählt Gönül.

„Wir haben uns um Schadensfälle von Holländern in der Türkei gekümmert.” Die junge Frau musste ein sechsköpfiges Team leiten, zu dem auch gestandene Männer gehörten. Anfangs sei es wegen ihrer Sprachdefizite nicht leicht gewesen. Aber letztendlich hätten sie auch die Männer als Chefin akzeptiert.

Im Bewerbungsgespräch konnte Gönül mit ihren Englisch- und Deutschkenntnissen punkten. Andere Voraussetzungen für die Stelle hat sie nicht mitgebracht. Sie habe nicht mal einen Führerschein, sagt Gönül und lacht herzhaft. „Als Studentin hätte ich in Deutschland unmöglich eine solche Stelle bekommen”, berichtet sie dem deutsch- türkischen Dienst der dpa. Der Türkeiaufenthalt hat sich für sie ausgezahlt. „Alle Jobs, die ich anschließend hatte, habe ich aufgrund meiner Türkeierfahrung bekommen.” Gönül hat als Übersetzerin für einen Fernsehsender und im türkischen Verkehrsministerium gearbeitet.

Immer mehr Studenten gehen wie Gönül in die Türkei, um ein Praktikum zu absolvieren oder zu studieren. Mehr als 300 Studierende aus Deutschland haben nach Angaben des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes 2008 in der Türkei studiert. Damit habe sich die Zahl innerhalb weniger Jahre verdreifacht. Besonders für türkischstämmige Studierende ist ein Aufenthalt in der Heimat ihrer Eltern interessant. Viele Unis in der Türkei genießen inzwischen einen guten Ruf und der Einstieg ist für Türkischstämmige dank Sprach- und Kulturkenntnissen vergleichsweise einfach.

Özgür stammt aus dem Raum Köln. Er gehört zu den Studenten, die im vergangenen Jahr in der Türkei eingeschrieben waren. Özgür, der seinen echten Namen nicht in einer Zeitung lesen möchte, hat dabei ganz andere Erfahrungen gemacht als Gönül. In einer seiner ersten Vorlesungen an der Jura-Fakultät hat er beobachtet, wie Studierende von Sicherheitsleuten verprügelt wurden, weil sie ein Transparent aufhängen wollten. „Im Anschluss an die Vorlesung bin ich zu den Studenten hingegangen und habe gefragt, wer sie sind.” Ziemlich schnell wurde Özgür einer von ihnen, ein Mitglied des linken „Ögrenci kollektif” (Studentenkollektiv). Seitdem standen politische Aktivitäten im Mittelpunkt seines Alltags. „Wir haben uns gegen Studiengebühren eingesetzt, uns mit der kurdischen Bevölkerung solidarisiert und uns gegen Faschisten engagiert”, erzählt Özgür.

Noch heute regt sich Özgür auf, wenn er über seine Zeit in der Türkei erzählt. „Zum Jahrestag des Mordes an Hrant Dink haben wir Plakate aufgehängt. Sicherheitskräfte haben die Plakate abgerissen und uns beschimpft, weil wir uns mit einem Armenier solidarisiert haben.” Nach einem Semester war für Özgür Schluss mit studieren. „Die Universität hat mich rausgeschmissen, weil ich mich politisch engagiert habe.” Der türkisch-armenische Journalist Dink war am 19. Januar 2007 in Istanbul auf der Straße erschossen worden.

Trotzdem hat Özgür ein positives Türkeibild gewonnen. „Ich habe unter den Studierenden eine Solidarität erlebt, die in Deutschland unmöglich ist.” Er könne sich auch gut vorstellen, eines Tages in die Türkei zu ziehen. „Es gibt dort viel zu tun”, sagt Özgür. Auch Gönül kann sich mit dem Gedanken anfreunden, wieder in der Türkei zu leben. „Ich habe festgestellt, dass ich mich in beiden Ländern wohl fühle. Wenn ich ein gutes Jobangebot bekomme, ist es mir egal, in welchem Land ich lebe.”
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