Spicken, Hacken, Tricksen: Schummeln bei Prüfungen wird hart bestraft

Von: Christian Schultz, dpa
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Futelbruder
Spickzettel im Stift oder der Safttüte: Die klassischen Schummeltricks aus der Schule werden auch in der Uni häufig noch benutzt. Foto: dpa

Frankfurt/Mainz. Die Verlockung ist groß: Handys, MP3-Player und USB-Sticks bieten viele Möglichkeiten, in Prüfungen zu schummeln. Und wer kein Freund der Technik ist, kann auf den guten alten Spickzettel zurückgreifen.

Denn auch der ist an Deutschlands Hochschulen längst noch nicht ausgestorben. Die Schummelei kann aber fatale Folgen haben: Die Strafen reichen von einer Null-Punkte-Wertung bis zum Uni-Verweis.

Häufig sind die Vorschriften strikt, was Handys oder MP3-Spieler angeht. „Wer sowas am Platz hat, hat nicht bestanden”, sagt Hanna Römer, die das Studienbüro der Betriebswissenschaftler an der Universität Frankfurt leitet.

Ihre Kollegin My-Sun Kim von den Rechtswissenschaftlern ergänzt: „Sollte ein Handy klingeln, wird das als Täuschungsversuch gewertet.” Die Klausur gilt als nicht bestanden. Vom kommenden Semester an drohen im Wiederholungsfall noch härtere Konsequenzen.

Dann dürfen Schummler keine Prüfung mehr machen und werden indirekt gezwungen, die Uni zu verlassen. „Das mussten wir machen, sonst folgt daraus nichts”, sagt Kim.

Denn Fälle versuchten Betrugs nehmen zu, wie Kim erzählt. Zum Beispiel werden Gesetzestexte, die in Jura-Klausuren erlaubt sind, beschriftet. „Auf einigen Blättern gibt es Freiraum, wo Definitionen drauf geschrieben werden können.” Daher sehen Aufseher mittlerweile genau hin. Aber selbst das hilft nicht immer. „Manchmal werden leere Seiten in den Blattsammlungen so präpariert, dass sie wie gedruckt aussehen”, sagt Kim. Da müsse schon sehr exakt geprüft werden, was bei bis zu 250 Studierenden pro Klausur jedoch schwierig sei.

Sauer wird Kim, wenn die Ertappten keine Reue zeigen. „Die haben teilweise kein Unrechtsbewusstsein”, sagt sie. „Die beste Begründung bei Plagiaten ist: "Ich hätte es nicht besser formulieren können."”

Um Abschreibern auf die Schliche zu kommen, wird in Frankfurt mit Texterkennungssoftware gearbeitet. Studenten müssen daher Arbeiten in gedruckter und elektronischer Form abgeben. Auf viel Verständnis stößt das bei Studenten nicht. „Sie sind teilweise genervt.”

Die technischen Möglichkeiten sind für viele verführerisch, glaubt Petra-Angela Wacker, Dozentin an der Universität in Mainz. „Das Internet macht es leicht. Viele sagen: Wenn ich es kann, dann mache ich es auch.”

Allerdings sei auch der Druck auf Studenten gestiegen. „Die Zahl derer, die es aus Verzweiflung tun, nimmt zu”, sagt Wacker. „Das ist natürlich trotzdem nicht entschuldbar.”

Generell gibt es nach Einschätzung Wackers Unterschiede zwischen den Fächern. In Rechts- und Wirtschaftswissenschaften seien Probleme mit Schummlern fast schon programmiert, weil Klausuren in großen Gruppen geschrieben oder Multiple-Choice-Tests absolviert werden.

Deswegen sei es dort üblich, die Identität der Teilnehmer anhand der Ausweise zu prüfen. Schwieriger sei Tricksen in den Geisteswissenschaften, wo eigene Aufsätze verfasst werden müssen.

In Mainz werden seit dem Wintersemester 2004/05 viele Klausuren an Computern geschrieben. Diese elektronischen Prüfungen erfordern besondere Sicherheitsvorkehrungen, erläutert Günter Wetter vom Zentrum für Datenverarbeitung. So ist etwa der Internetzugang blockiert.

„Am Anfang gab es ein paar Fälle”, erinnert er sich. Jemand habe versucht, sich in das System einzuhacken. Doch das habe anhand der IP-Adresse erkannt, von welchem Computer die Antworten kamen. „In dem Fall war das ein Telekom-Anschluss von außerhalb.”

Auch an der Universität Koblenz-Landau gibt es elektronische Klausuren - und technische Sicherungen. Prüfungen werden auf einem bestimmten Betriebssystem geschrieben. „Das ist so abgespeckt, dass USB-Sticks nicht erkannt werden”, erklärt Peter Ferdinand vom Institut für Wissensmedien. „Und es gibt Aufsichtspasswörter, die erst im Klausurraum bekanntgegeben werden.” Absolut sicher könne ein System zwar nie sein, doch den meisten werde Schummeln so verleidet.

Neben all diesen Techniktricks sind auch traditionelle Methoden noch aktuell. „Wenn, dann ist es der Klassiker, die Notiz auf der Hand oder der Spickzettel”, sagt Römer. Und von Zeit zu Zeit würden Studenten beim Nachschlagen auf der Toilette erwischt. Diese Taktik kennt auch Wacker: „Ich merke bei mancher Klausur, dass der Harndrang erhöht ist.” Gänzlich zu verteufeln sind Spicker aber nicht - schließlich hat das stichwortartige Aufschreiben durchaus einen Lerneffekt. Studenten sollten ihn danach nur besser nicht benutzen.

Spicken gilt für viele als Kavaliersdelikt

Obwohl es Betrug ist, wird Schummeln oft verharmlost. „Spicken gilt bei uns als eine Art Kavaliersdelikt”, sagt Petra-Angela Wacker von der Universität Mainz. Das sei längst nicht überall so: „Grundsätzlich ist das in den USA ein viel größeres Tabu, wo man für die Ausbildung viel Geld bezahlt.” Ein weiterer Grund sei, dass dort ein Eid auf die akademische Ehrlichkeit geleistet wird.
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