Rückkehrerprogramm: Wenn Universitäten die klügsten Köpfe suchen

Von: Thorsten Karbach
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Sie werden gesucht: Junge Wissenschaftlerinnen wie Berit Ebert (links) und Britta Winterberg konnten sich in Düsseldorf im Rahmen des NRW-Rückkehrerprogramms den besten Universitäten des Landes präsentieren. Die suchen im internationalen Wettstreit die „klügsten Köpfe“. Foto: Karbach

Düsseldorf/Aachen. Kurz nach halb zwei ist das Problem in der Welt. Britta Winterberg hat es formuliert. Die Zahl nimmt immer weiter zu, der Lebensmittelbedarf steigt und steigt – und es gehen gleichzeitig bis zu 40 Prozent der weltweiten Getreideernte verloren, weil Schädlinge und Pilze Weizen und Mais zusetzen.

Britta Winterberg ist eine 34-jährige Wissenschaftlerin, Fachrichtung molekulare Pflanzenbiologie, aus Kempen am Niederrhein. Sie hat nach Studium und Promotion in Marburg Deutschland verlassen und am anderen Ende der Welt geforscht – an der Australian National University in Canberra. Nun ist sie 42 Stunden gereist, um im Feldmann-Saal, einem Tagungsraum mit Kronleuchter in einem Landhotel am Stadtrand Düsseldorfs, in 30 Minuten ihren Ansatz für mehr Sicherheit in der Ernte und einen besseren Schutz des Getreides vorzustellen.

„Fusarium graminearum: The cereal killer“ hat sie ihren Vortrag überschrieben, und es braucht mehr als die Kenntnis der englischen Sprache, um ihren Worten zu folgen. Wer sich nicht bei molekularer Pflanzenbiologie und artverwandten Wissenschaften heimisch fühlt, der versteht vor allem: Bahnhof. Also nichts.

Zwei Tage, sieben Gutachter

Doch in diesem Raum ist das anders: Hier sitzen ausschließlich Experten. 17 junge deutsche Wissenschaftler, die aktuell noch im Ausland in Medizin, Physik, Chemie oder eben auch Biologie forschen, und vor allem sieben Gutachter. An zwei Tagen dürfen alle Wissenschaftler Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu Energie und Ressourceneffizienz, zu Gesundheit und Ernährung geben und die sieben Gutachter alle begutachten.

Am Ende werden drei der 17 den Auftrag erhalten, an einer nordrhein-westfälischen Universität ihrer Wahl eine Forschungsgruppe aufzubauen und fünf Jahre lang mit bis zu 1,25 Millionen Euro Geld vom Land ihren Ansatz verfolgen. Das Wissenschaftsministerium des Landes NRW nennt das kurz „Rückkehrerprogramm“. In diesem Jahr fiel die Wahl auf Gerd Meyer zu Hörste (Neurologie, Harvard University), Kristina Tschulik (Chemie, Oxford University) und Christoph Wilhelm (Medizin, National Institutes of Health, USA).

Seit 2007 gibt es dieses NRW-Rückkehrerprogramm. Der Name ist wörtlich zu nehmen. Die deutschen Wissenschaftler, die sich hier in Düsseldorf – Stadtteil Gerresheim – in dem Vier-Sterne-Haus vorstellen, sind an den renommiertesten Universitäten der Welt beschäftigt: an der ETH Zürich, dem Lawrence Berkeley National Laboratory, an der Harvard Medical School, in Oxford und Edinburgh. Sie kamen auch schon von Yale, Princeton und Stanford. Zwei kommen diesmal aus Australien.

„Das machen wir nicht, weil wir besonders hohe Reisekosten haben wollen. Es geht allein um eines: Wir wollen hier die Besten haben“, sagt Hartmut Thomas vom NRW-Wissenschaftsministerium. „Diesen jungen Leuten stehen alle Türen offen. Aber wir wollen, dass sie zu uns nach NRW kommen.“ Dafür investiert das Ministerium – 24 Millionen Euro seit 2007.

Es liegt nahe, dieses Format der Nachwuchsförderung mit einer Mischung aus Casting-Show und Speeddating zu vergleichen. Frei nach dem Motto: NRW sucht den nächsten Superwissenschaftler. Doch anders als bei einem Speeddating, wo sich die Teilnehmer in anderthalb Minuten attraktiv darstellen sollen, und auch anders als bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder einer dieser anderen Vorsinge-Sendungen, bei denen die Teilnehmer drei oder vier Minuten ihre Lieder trällern, haben die Wissenschaftler eine halbe Stunde plus einem anschließenden Kurzinterview Zeit, sich überzeugend zu positionieren. Aber wie soll der Pilzbefall von Getreide auch in drei bis vier Minuten fundiert beschrieben werden? Und: Fachwissen und Persönlichkeit werden letztlich gleichermaßen bewertet.

Während Britta Winterberg ein mögliches Fünf-Jahres-Programm für ihren Forschungsansatz vorstellt, sitzen rund um die Bewerber und Gutachter ein paar aufmerksame Beobachter. Zum Beispiel Doris Klee. Sie ist Prorektorin der RWTH Aachen und schaut sich die Kandidaten an. Attraktiv sind die meisten für eine Hochschule, die die „klugsten Köpfe“ holen will. So formuliert Klee jedenfalls die Aachener Ansprüche. Mit dem Rückkehrerprogramm wird das Land dabei zu einer Art Kuppler.

Wenn Hochschulen neue Wissenschaftler – bis hin zu Professoren – suchen, dann können sie diese Stellen ganz normal ausschreiben. Doch das reicht den wenigsten Hochschulen. Sie gehen gezielt auf die Suche nach fähigen Kandidaten. Doris Klee nennt das „proaktive Suche“. Man schaue sich um. Aber in jedes Labor der besten Unis der Welt kann die RWTH nicht schauen. Das Rückkehrerprogramm ist vor diesem Hintergrund perfekt. 17 junge, zweifellos sehr kluge Köpfe sitzen in einem Raum – sie können, sollen sogar angesprochen werden. Da ist bestimmt auch eine oder einer für die RWTH Aachen dabei.

Britta Winterberg zum Beispiel. Die weiß, was sie an der RWTH erwartet, auch wenn sie noch nie in Aachen war. Jan Schirawski, der in Marburg ihre Doktorarbeit betreute, lehrt nun an der RWTH. Die Ausstattung in den Laboren dort soll exzellent sein. „Es wäre die perfekte Umgebung für meine eigene Arbeitsgruppe.“

Oder Berit Ebert. Sie ist die erste, die in der Runde der 17 Rückkehrer ihre Forschung in Tabellen und Grafiken vorstellt, damit sich die Gutachter und eben auch die Hochschulvertreter ein Bild von ihrem Talent machen können. Die 37-Jährige aus Berlin erlebt eine dieser typischen Karrieren in den Wissenschaften. Sie hat an der Universität Potsdam ihr Studium begonnen, an der Humboldt-Universität abgeschlossen. Sie hat am Max-Planck-Institut promoviert und ist dann in die USA gegangen – ans Lawrence Berkeley National Laboratory. Eine große Karriere ohne einen solchen Auslandsaufenthalt ist heute kaum mehr denkbar.

Die Rückkehr dagegen, die ist dann das Problem: Ein Jahr wollte Ebert bleiben, fast fünf wurden es. Da hat sie nicht nur die Familie, sondern auch das Netzwerk mit anderen Forschern hinter sich gelassen. Es ist die Familie, wegen der sie nun zurück will. Selbst den Herbstregen dieser Tage vermisst sie mittlerweile. Zur RWTH Aachen gibt es wie bei Britta Winterberg noch eine Verbindung. Mit Björn Usadel, Lehrstuhl für Botanik und Institut für Biologie I, gibt es von Berkeley aus eine Zusammenarbeit. „Aachen würde für mich super passen.“ Dafür ist sie in 16 Stunden aus den USA nach Düsseldorf gereist – sie will zeigen, dass auch sie dorthin passt.

RWTH-Prorektorin Klee nennt junge Wissenschaftlerinnen wie Winterberg und Ebert „Advanced Talents“. Frei übersetzt heißt das: besondere Talente. „Wir werden sie mit einem speziellen Mentoring begleiten, damit ihre Karriere erfolgreich weitergeht“, erklärt Klee. Wie das aussehen mag, zeigt die Geschichte von Chemikerin Franziska Schoenebeck. Sie kam über das Rückkehrerprogramm im Juni 2013 als Professorin an die RWTH Aachen. Eine Erfolgsgeschichte – auch oder gerade für die RWTH Aachen. Denn: „Die Konkurrenz zwischen den Hochschulen ist an dieser Stelle groß“, sagt Klee.

Die schwierige Suche

Das spüren alle Hochschulen. An der Fachhochschule Aachen weiß Rektor Marcus Baumann, dass nicht nur die Universitäten nach den besten Kandidaten greifen, in der Industrie werden weit höhere Gehälter gezahlt. Das macht die Suche nach neuen Professoren schwierig. Sehr schwierig.

Die FH Aachen muss aktiv werden und wird aktiv. „Wir haben positive Erfahrungen mit Headhunting gemacht“, berichtet Baumann. Meint: Die FH Aachen beauftragt Dritte mit der Suche nach potenziellen Professoren. Im Fachhochschulalltag bliebe dafür kaum Zeit.

Britta Winterberg hat keine Zeit. Heute fliegt sie wieder zurück. Am Montag wird sie in der australischen Hauptstadt Canberra wieder im Labor stehen. Die Bilder aus der Heimat nimmt sie mit. Eine Woche war sie da. Sie saß im Zug, fuhr aus dem Westerwald, wo die Schwiegereltern wohnen, an den Niederrhein zu ihren Eltern. Es regnete und doch spürte sie eine innere Wärme. „Es fühlte sich wie Heimat an“, sagt sie. Das Problem, dass sie um kurz nach zwei in die Welt gesetzt hat, kann sie auch von Nordrhein-Westfalen aus lösen.

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