Probieren und studieren: Ein duales Studium bietet viel Praxisbezug

Von: Kristin Kruthaup, dpa
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Studieren Probieren Praxisbezug
Martin Nagel probiert sein in der Vorlesung gewonnenes Wissen über elektronische Systeme gleich aus - und bastelt mit seinen Kommilitonen an roten Elektro-Buggys. Foto: dpa

Berlin. Martin Nagel wollte nicht jahrelang in der Uni sitzen und die Theorie pauken. „Nur die Theorie zu hören, erschien mir recht langweilig”, sagt der 23-Jährige. Stattdessen wollte er lieber von Anfang an Praxisbezug haben und überprüfen können, wie die gelernte Theorie in der Berufswelt anzuwenden ist.

Die Zahl der dualen Studiengänge steigt. Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Studium mit Firmenanschluss. Die Berufsaussichten der Absolventen sind gut. Doch viel Zeit für Selbstfindung lässt ihnen der straffe Stundenplan nicht.

Deshalb entschied sich Nagel vor drei Jahren für ein duales Studium. Seitdem hat er eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Industrietechnologen für Mechatronische Systeme absolviert. Außerdem besucht er die Beuth Hochschule für Technik in Berlin und macht dort einen Bachelor of Engineering für elektronische Systeme. Parallel ist er in den Praxisphasen bei Siemens und arbeitet dort immer wieder blockweise in einer Abteilung des Unternehmens mit.

Als sie am Anfang die Grundlagen in Elektronik gepaukt haben, fand Nagel das vor allem anstrengend. Richtig begeistern konnte er sich erst, als sie am Anschluss die Transferaufgabe bekamen, nun für Siemens einen fahrerlosen Roboter als Studentenprojekt zu entwickeln, der Fehler in Rohrleitungen erkennt. So sollte einmal die Produktentwicklung simuliert werden. „Das war für uns Studenten eine sehr große Herauforderung, aber es hat richtig Spaß gemacht.”

Duale Studiengänge sind zurzeit groß in Mode. Im Jahr 2011 gab es nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) rund 930 Angebote für Schulabgänger, die eine Ausbildung oder Praxisphasen in einem Betrieb mit einem Hochschulstudium kombinieren. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von rund 20 Prozent. Insgesamt verzeichnete die Datenbank im Jahr 2011 bereits mehr als 61 100 Studenten in Kombi-Ausbildungen. Im Jahr 2010 waren es noch 10 400 weniger.

Das duale Studium sei für Unternehmen und Studenten eine Win-Win-Situation, sagt Jochen Goeser vom BIBB. Die Unternehmen zögen mit den jungen Schulabgängern ihren Firmennachwuchs so passgenau heran, wie sie ihn brauchen. Die jungen Schulabgänger lockt das frühe Geld. Anders als beim Studium gibt es von Anfang an jeden Monat ein kleines Gehalt. Martin Nagel hat etwa in den ersten beiden Jahren pro Monat rund 500 Euro verdient. Seit dem dritten Jahr sind es nun rund 800 Euro. Nach der Ausbildung ist die Übernahme außerdem oft so gut wie sicher.

Verbreitet ist das duale Studium vor allem in den Wirtschaftswissenschaften, so die Statistik des BIBB für das Jahr 2011. Hier werden die meisten dualen Studiengänge angeboten. Derzeit sind es 378. Auf dem zweiten und dritten Platz liegt die Zahl der Angebote im Bereich Maschinenbau und Informatik. Nur wenige duale Studiengänge gibt es im Bereich Sozialwesen.

Bei rund jedem zweiten dualen Studiengang kooperiert das Unternehmen mit einer Fachhochhochschule. Ansonsten besuchen die Schulabgänger für die Theorie meist eine Berufsakademie. Die Kooperation mit Universitäten ist bislang noch ausgesprochen selten. Von den 929 Angeboten gab es nur 28 duale Studiengänge, in denen Firmen mit Universitäten kooperieren.

Für eher gemütliche Schulabgänger ist der straff strukturierte Stundenplan in einem dualen Studiengang allerdings nichts. „Die Theoriephasen sind immer ziemlich hart”, sagt Martin Nagel. Denn es sei viel Stoff in relativ kurzer Zeit zu lernen. Und von monatelangen Semesterferien an der Universität kann der Berliner nur träumen. „Während der üblichen Semesterferien arbeite ich in einer Siemensabteilung.” Pro Jahr hat Nagel rund 20 Urlaubstage. Für wochenlange Selbsterfahrungstrips bleibt im dualen Studium keine Zeit. Auch den Luxus, sich seine Zeit frei einteilen zu können, den viele Studenten genießen, kennt Nagel nicht.

„Das duale Studium ist schon eine sehr fordernde Ausbildung”, sagt Jörg Ruthardt, Berufsberater bei der Arbeitsagentur Stuttgart. „Viele der Studenten haben hinterher zwei Abschlüsse: eine abgeschlossene Lehre und ein abgeschlossenes Studium.” Um das zu schaffen, brauche es ein gutes Zeitmanagement sowie viel Selbstdisziplin.

Dennoch ist das Interesse bei den Schulabgängern groß. „Es gibt viel mehr Bewerber als Plätze bei den dualen Studiengängen”, so Goeser vom BIBB. Er schätzt, dass im Bereich Wirtschaftswissenschaften bis zu 120 Bewerber auf einen Studienplatz kommen können. Im Bereich Maschinenbau seien es 20 bis 30 Studenten, in der Informatik kämen lediglich 3 bis 5 Bewerber auf einen Platz. Oft müssen Schulabgänger daher ein Assessment-Center durchlaufen, um an einen Studienplatz zu kommen.

Martin Nagel musste etwa bei Siemens erst eine Online-Bewerbung schicken und dann einen Online-Test in Mathe und Physik machen, bevor er zum Assessment Center in Erlangen eingeladen wurde. Dort standen noch einmal Einzelgespräche mit Personalern von Siemens an sowie Gruppendiskussionen, um die Soft Skills der Bewerber zu testen. Martin Nagel setzte sich durch - mit einem Abiturdurchschnitt von 2,6, was zwar gut, aber nicht überragend ist.

„Die Abiturnote ist im dualen Studium nicht immer entscheidend”, sagt Goeser vom BIBB. Sehr wichtig sei in der Regel, dass die Bewerber überzeugend auftreten und gut begründen können, warum sie ein duales Studium machen wollen und wie beide Seiten davon profitieren werden.

Martin Nagel würde das duale Studium jedem Schulabgänger empfehlen. „Wer vom Lerntyp eher praktisch orientiert ist, für den ist das auf jeden Fall die richtige Wahl.”

Bei dualen Studiengängen auf den Abschluss achten

Schulabgänger, die sich für ein duales Studium interessieren, sollten den Abschluss, genau unter die Lupe nehmen. „Da würde ich mit einem wachen Auge draufgucken”, so Jochen Goeser vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Denn nicht immer schließe das Studium mit einem staatlich anerkannten Bachelor ab. Auch sollte man darauf achten, ob in das Studium tatsächlich ein Ausbildungsabschluss integriert sei oder ob die Schulabgänger lediglich Praxisphasen in den Firmen machen, für die es hinterher nur ein Zertifikat gibt.

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