Pauken unter Palmen: Im Bachelor ist wenig Zeit für Auslandssemester

Von: Christian Schultz, dpa
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Auslandssemester/ San Diego
Auslandssemester passen oft nicht in den Studienplan: Zum Pauken unter Palmen wie hier in San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien fehlt vielen Bachelorstudenten die Zeit. Foto: dpa

Mainz/Hannover. Mit einem Stapel von Papieren eilt Cornelia Thomas über den Flur der Auslandsabteilung der Universität Mainz. Die 26-Jährige hat viel zu tun. Bald will sie im Flugzeug nach Peru sitzen, um dort einen Auslandsaufenthalt zu verbringen.

Doch bis dahin muss sie viele Formulare ausfüllen und Fristen einhalten. So wie ihr geht es vielen Studenten. Denn mit der Einführung der stark verschulten Bachelor- und Masterstudiengänge ist die Planung eines Aufenthaltes im Ausland schwieriger geworden. Während das Studium kürzer geworden ist, ist der Organisationsaufwand gleichgeblieben.

Diese Hindernisse kennt Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover. „Es ist offensichtlich, dass es in Zeiten von Bachelor-Abschlüssen schwieriger geworden ist.” So wagten immer weniger Studenten den Sprung über die Grenze: In den alten Diplom-Studiengängen seien im Schnitt etwa 24 Prozent der Studierenden ins Ausland gegangen. Bei Bachelor-Studiengängen an Universitäten lag die Quote 2007 dagegen bei 15 Prozent, an Fachhochschulen sogar nur bei 9 Prozent.

Diesen Trend bestätigt Petra-Angela Wacker von der Abteilung Internationales der Universität Mainz: „Die Nachfrage nach einem Auslandsstudium ist rückläufig.” Die Kürze der neuen Studiengänge mache einen Auslandsaufenthalt zu einer echten Herausforderung. Denn für ein Jahresprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sei eine Vorlaufzeit von mindestens zehn Monaten nötig. Somit müsse die Planung fast mit Studienbeginn starten - dann haben viele aber noch gar keinen Überblick über ihr Fach und den Studienplan.

Der DAAD empfiehlt sogar zwölf Monate Planung, was angesichts der Fülle nötiger Informationen angemessen erscheint. Da ist die Frage der Finanzierung, wobei grundsätzlich Stipendien von Auslands-Bafög und Bildungskrediten des Bundesverwaltungsamtes zu unterscheiden sind.

Und es gilt, länderspezifische Bedingungen zu klären: Zulassungsvoraussetzungen, Studiengebühren, die Anerkennung von Scheinen, Bestimmungen für Einreise und Aufenthalt sowie Starttermine des Hochschuljahres. Häufig lassen sich deutsche Semesterzeiten kaum mit denen anderer Länder vereinbaren. „Wir sind die Ausnahme mit unserem extrem späten Start in das Studienjahr”, sagt Wacker.

Der Rückgang der Auslandsmobilität deutscher Studenten liegt für Wacker nicht an mangelnder Motivation. In Infoveranstaltungen seien stets deutlich mehr Studenten, als letztlich ins Ausland gingen. „Das zeigt, das Interesse ist grundsätzlich da”, sagt sie. Doch selbst ein Auslandsaufenthalt zwischen Bachelor und Master sei schwierig: „Da bekommen manche kein Visum, weil sie nicht in Deutschland eingeschrieben sind.”

Für Heublein ist die Ursache der Probleme klar: Bei dreijährigen Bachelor-Studiengängen fehle die Zeit. Daher sei unter diesen Umständen nicht davon auszugehen, dass sich die Mobilität erhöhe. Dabei war genau das ein Hauptziel Bologna-Prozesses, der bis 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen soll.

„Bologna sollte die Mobilität erhöhen. Wir müssen leider feststellen, dass das bei Bachelor-Studiengängen Fehlanzeige ist, die Mobilität hat abgenommen”, sagt Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschul-Verbandes in Bonn. „Die Ziele sind richtig, die Wege, die beschritten worden sind, nicht.”

Mit Kritik an Bachelor-Studiengängen spart auch Uwe Brandenburg vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh nicht: „In drei Jahren wird oftmals der Stoff von vier Jahren Diplom reingepackt.” Das Studium sei überfrachtet und verschult, was einen ungeheuren Zeitdruck aufbaue. „Es gibt eine veränderte Wahrnehmung, was Studium sein soll - hin zum schnellen Fertigwerden”, sagt er. Studenten schauten mehr auf Geschwindigkeit, Inhalte würden in den Hintergrund gedrängt.

Eine HIS-Studie aus dem Jahr 2007 untermauert das: Demnach ist der Verlust von Zeit neben der Finanzierung in den Augen der Studenten das größte Problem eines Auslandsaufenthalts. Mehr als ein Drittel derjenigen, die bei der Planung gescheitert sind, begründeten das mit einem drohenden Zeitverlust oder einer schwierigen Vereinbarkeit mit dem Studiengang.

Wozu das führt, erlebt Wacker täglich in ihrem Büro: „Die Nachfrage nach kürzeren Auslandsaufenthalten steigt.” Dabei seien Jahresaufenthalte viel sinnvoller als mehrmonatige Besuche. „Ich sehe aber auch, dass es für viele fast nicht mehr möglich ist.” Für Cornelia Thomas zumindest ist das kein Thema. Sie will ein Jahr in Peru bleiben. „Mir geht es nicht nur um Scheine, sondern auch darum, die Sprache zu lernen und einen Einblick in die Kultur zu bekommen”, sagt sie und verschwindet mit dem Stapel Papiere unter dem Arm.

Deutsche Studenten bleiben am liebsten in Europa

Westeuropa ist unter deutschen Studenten das beliebteste Ziel für eine Auslandsstation. Nach einer HIS-Studie von 2007 zieht es dorthin 65 Prozent aller Studenten, die ihrer Heimatuni zwischenzeitlich den Rücken kehren. Im Schnitt tun sie das sechs Monate lang. Am reiselustigsten sind Sprach-, Kultur- und Sportwissenschaftler: 29 Prozent von ihnen gehen im Studium ins Ausland. Am Ende der Rangliste stehen Ingenieurwissenschaftler mit 16 Prozent.
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