Neue Uni, alte Freunde: Kontakthalten fällt oft schwer

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Am neuen Studienort sind die alten Freunde oft weit weg: Freude und Leid mit dem Neuen lassen sich deshalb kaum teilen. Foto: Bodo Marks

Berlin/Münster. Der Start in der Unistadt birgt viel Neues. Er konfrontiert den Erstsemestler aber auch mit der Frage: Wie kann ich meine alten Freunde in mein neues Leben integrieren? Über Hunderte Kilometer getrennt zu sein, überlebt nicht jede Freundschaft.

Als Johanna die Zusage für ihren Studienplatz bekam, musste alles ganz schnell gehen. Im Nachrückverfahren konnte sie sich an der Universität im 370 Kilometer entfernten Ilmenau (Thüringen) einschreiben. Nur eine Woche blieb ihr, um den Umzug zu organisieren und sich von ihren Freunden in Cochem an der Mosel zu verabschieden. Das Leben in der Unistadt stellte sie nicht nur vor das Problem, neue Freunde zu finden, sondern auch davor, den alten Freundeskreis nicht aus den Augen zu verlieren. „Ich habe versucht, zu vier Personen engeren Kontakt zu halten, meist per Internet oder Handy”, erzählt die 24-Jährige.

Das neue Leben mit dem alten in Einklang zu bringen, war gar nicht so einfach. Viel Zeit für Besuche in der Heimat blieb Johanna nicht, hinzu kamen die Kosten von rund 180 Euro für eine Hin- und Rückfahrkarte mit der Bahn.

Mit manchen Freunden konnte sie die neuen Erlebnisse in Ilmenau teilen, andere hatten gar keinen Bezug dazu: „Man sucht sich ja eine Basis, zu der beide was sagen können. Meist ist das der gemeinsame Freundeskreis oder die alte Schulstufe. Über die Probleme, die ich am Anfang an der Uni hatte, konnte ich nur mit einer Freundin reden, die selbst studiert hat.”

Die alten Freunde ständig auf dem Laufenden zu halten, kann schnell anstrengend werden: „Wichtige Sachen sollte man natürlich erzählen, aber zwangsläufig wird sich die Freundschaft qualitativ verändern”, sagt Regina Jucks, Professorin für Sozialpsychologische Grundlagen von Erziehung und Unterricht an der Universität Münster.

Das bedeutet: Es muss etwas Neues hinzukommen, was beide verbindet. Immer nur in alten Erinnerungen schwelgen, reicht für die Freundschaft nicht mehr aus.

Den geringsten Haltbarkeitswert haben Kontakte, die aus einer Tätigkeit heraus entstanden sind: „Wenn man sich mit jemandem immer nur zum Sport getroffen hat, kann man das natürlich nicht fortführen, wenn man wegzieht”, erklärt Jucks.

Oft kristallisiert es sich erst im zweiten oder dritten Semester heraus, welche Freundschaft Bestand hat und welche nicht: „Im ersten Semester erleben die Studenten viel Neues, aber alles ist noch etwas oberflächlich”, schildert Eva-Maria Orgel von der psychologisch-psychotherapeutischen Beratung des Studentenwerks Berlin ihre Erfahrung. Erst danach fingen viele der Studenten an, sich innerlich von den Freunden zu Hause zu entfernen.

Wer mit dem anderen jedoch einschlägige Erlebnisse verbindet - überwundener Liebeskummer, der gemeinsame Urlaub, die gemeisterte Prüfung -, schafft einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, der nicht so einfach kompensiert werden kann. „Auf je mehr Bausteinen eine Freundschaft basiert, desto größere Chancen hat sie, zu überleben - auch bei einer größeren Entfernung”, sagt Jucks.

Die Freundschaften in der Heimat müssen jedoch kein Ausschlusskriterium für neue Bindungen sein: Auch aus dem anfangs oberflächlichen Kontakt zum Referatspartner kann sich ein enges Verhältnis entwickeln. „Das braucht natürlich Zeit. Man muss sich dem anderen gegenüber öffnen und auch über intime Dinge oder Verletzungen sprechen”, sagt Orgel.

Dass sich Erstsemester am Anfang noch fast jedes Wochenende auf den Weg nach Hause machen, ist normal. Wichtig ist, an dieser Gewohnheit nicht kleben zu bleiben: „Das nach Hause fahren muss sukzessive verringert werden”, rät Orgel. Sonst bestehe die Gefahr, zwischen altem und neuem Zuhause zerrissen zu werden. Die Heimat werde durch die Distanz häufig verklärt gesehen, Konflikte mit Eltern oder Freunden gerieten in Vergessenheit.

Oft trauerten die Studenten ihren alten Freunden richtig hinterher: „Diese Trauer zu unterdrücken, bringt nichts. Der Abschied von alten Strukturen hat seine Berechtigung, aber das hat ja auch Positives: So wird der Weg frei für Neues”, erklärt Orgel.

Auf der Suche nach neuen Freunden könne es helfen, sich über sich selbst klar zu werden. „Man muss sich fragen: Wie wirke ich nach außen? Was ist mein eigener Wert? Was ist ansprechend für andere?”, zählt Orgel auf. Vielen Erstsemestlern helfe das, sich nach anfänglicher Verunsicherung wieder wertzuschätzen und die Hemmung zu überwinden, auf andere zuzugehen.

Nach Ansicht von Regina Jucks ist besonders der Studienbeginn ein deutlicher Einschnitt und stellt hohe Anforderungen an den Einzelnen: „Man muss die eigene Rolle neu finden, das Selbstbild ändert sich.”

Auch Johanna sieht sich heute mit anderen Augen: Sie hat sich verändert und damit auch die Qualität ihrer Freundschaften. „Mit einigen bin ich viel besser befreundet als damals und als ich je erwartet hätte. Mit anderen wiederum gar nicht mehr. Aber ich bin ja heute auch nicht mehr die, die ich beim Abi war.”
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