Mit einer Kamera zu 170.000 Klicks

Von: Amien Idries
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Und Action! Julien Bam, Gong B
Und Action! Julien Bam, Gong Bao und Michael „Hilli” Hildebrandt (von links) arbeiten bereits an neuen Film-Projekten. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Jeder Mensch außerhalb Aachens wird beim Anschauen des Videos „Be Individual” denken: „Saugut. Tolle Tänzer, packende Musik, fantastische Schnitte.” Derjenige, der sich in Aachen auskennt, wird zusätzlich denken: „Moment, war das gerade nicht der Eingang des Anne-Frank-Gymnasiums in Aachen-Laurensberg? Und findet der Tanz der beiden rivalisierenden Gangs nicht im Alten Schlachthof im Aachener Norden statt?”

Angesichts der Professionalität und des ständigen Wiedererkennens vertrauter Ecken kommt der Aachener Zuschauer aus dem Staunen nicht raus. Das vergrößert sich noch, wenn er erfährt, wer hinter dem Video steckt. Das ist nicht etwa ein international angesehener Werbefilmer, sondern es sind vier junge Menschen aus Aachen.

Julien Bam (23), Gong Bao (20), Michael „Hilli” Hildebrandt (25) und Vincent Lee (26) sind Autodidakten und zeigen, was man mit wenig Geld und viel Enthusiasmus erreichen kann. Die vier firmieren unter dem Namen JuBafilms und heimsen mit ihren bislang vier Kurztanzfilmen positive Reaktionen nicht nur der Internetgemeinde ein.

JuBa steht für die Gründer Julien Bam und Gong Bao, die Anfang 2011 ihren ersten Film „More Than Bread” vorgestellt haben, der inzwischen den 1. Preis beim Internet-Tanzfestival Side by Side gewonnen hat. Das Debüt ist ein Comedy-Tanzfilm, in dem die beiden als Schüler um ein Butterbrot kämpfen.

„Wir haben uns vor drei Jahren bei einem meiner Breakdance-Workshops kennengelernt”, erzählt Julien die Vorgeschichte. Die beiden funkten auf einer Wellenlänge und begannen gemeinsam aufzutreten. „Da wir beide neben dem Tanz die Fotografie lieben, suchten wir nach einem Weg, beides miteinander zu verbinden”, sagt Gong, der an der RWTH Technik-Kommunikation und Informatik studiert.

Wie groß die Leidenschaft ist, verdeutlicht die Produktionsgeschichte des ersten Films. Das Budget betrug null Euro. Das Equipment bestand lediglich aus der digitalen Spiegelreflexkamera von Julien. Als Komparsen wurden Freunde und als Kameramann Juliens Bruder engagiert. An den Drehort, einen Klassenraum in der Grundschule Hanbruch im Westen von Aachen, kam man ebenfalls über familiäre Beziehungen. „Meine Mutter arbeitet dort”, erklärt Julien.

Zwei Monate drehten die Jungfilmer jeden Samstagmorgen, kämpften mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen und schnitten das Material so lange, bis sie die Qualität ihres Films nicht mehr einschätzen konnten. „Irgendwann konnten wir das Ding nicht mehr sehen und haben es hochgeladen”, sagt Gong. Die Youtube-User wollten das Ding sehen. Bislang 170.000 Mal.

Die Klicks und das positive Feedback bestärkten Julien und Gong darin weiterzumachen. Die Schwächen des Films, die wohl nur sie als Produzenten sehen, ließen sie Verstärkung ins Boot holen. Michael „Hilli” Hildebrandt, der gemeinsam mit Julien Kommunikationsdesign an der FH Aachen studiert, wurde Teil des Teams.

Hilli fotografiert, filmt und schneidet seit er 15 Jahre alt ist und fungierte bereits im folgenden Film „Big Trouble in Little Bistro” als hauptamtlicher Kameramann. Erneut geht es ums Essen. Diesmal gibt es Hand- und Fußgefechte um eine Portion Pommes. Das Ganze ist wieder rasant inszeniert und überzeugt durch witzige Regieeinfälle.

„Uns geht es in erster Linie um die Story und die Ästhetik”, erklärt Hilli. „Wir wollen keine Filme machen, in denen einfach nur ein cooler Move an den nächsten gereiht wird, sondern tänzerisch und filmisch eine Geschichte erzählen.” Darin unterscheiden sich ihre Filme von vielen Online-Filmen - etwa Mitschnitte von Tanzbattles - an denen sich in erster Linie Tanzfans erfreuen. Die Zielgruppe von JuBafilms soll größer sein.

Apropos größer. Verglichen mit „Big Trouble...” war „Be Individual” ein Mammutprojekt. 15 befreundete Tänzer aus Braunschweig, Köln, Solingen und Aachen. Mehr als zehn Drehorte. Vier Monate für Dreh und Schnitt. „Wir merken, dass mit jedem Film die Möglichkeiten wachsen”, sagt Gong. Beispielsweise was die eigenen Fähigkeiten angeht. „Wir wissen jetzt besser, wie man das Licht setzt und welche Kameraeinstellung Sinn ergibt.”

Aber auch durch die positiven Reaktionen im Netz wachsen die Möglichkeiten und Ansprüche. So habe es Anfragen gegeben, bei den Dreharbeiten helfen zu können. Und auch die Drehortsuche habe sich ein wenig einfacher gestaltet.


Diesbezüglich empfehlen die Filmemacher übrigens Freundlichkeit mit einer Prise Kaltschnäuzigkeit. Beim Dreh vor dem Hauptgebäude einer Aachener Versicherung ist man mit der ganzen Crew aufgetaucht und hat einfach mal am Empfang gefragt, ob das in Ordnung ist. Bei einer Szene, die nach einer Party spielt, haben die Jungfilmer kurzerhand die Wohnung eines Freundes auf links gedreht. Zum Aufräumen blieb aufgrund des knappen Drehplans kaum Zeit.

Der Lohn für die ganze Arbeit ist unter anderem der 1. Preis beim diesjährigen Euregionalen Jugendfilmfestival, dessen Preisgeld bereits wieder in neues Equipment investiert wurde. Denn wenn es den vier Aachenern auch nicht an Filmideen mangelt, finanzielle und logistische Unterstützung können sie jederzeit gebrauchen. Das Make-Up machen sie selber und zu den Drehorten reisen sie bepackt mit Kamera und Bauleuchten per Zug. „Wir haben ständig neue Ideen, und müssen dann feststellen, dass sie nicht realisierbar sind. Noch nicht”, sagt Julien.

Wie beeindruckend das ist, was bereits realisierbar ist, zeigt der bislang letzte JuBa-Film. „Da Capo” ist ein hypnotischer Kurzfilm, der mit den Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit spielt. Dinge schweben durch eine schwerelose Welt, während die Hauptfigur, zwischen Echtzeit und Zeitlupe pendelnd, tanzt und am Ende wieder am Anfang seines Traumes steht. Zusammengehalten wird das Ganze durch die Musik von Vincent Lee, der für die Soundtracks der JuBa-Filme verantwortlich ist. Über die klassische Musik wird ein Monolog gesprochen, in dem es unter anderem heißt: „Let the dream guide you.”

Klingt, als würden die Jungs sich Mut für die kommenden Projekte machen.
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