Lehrerschwemme und Lehrermangel

Von: Karl-Heinz Reith, dpa
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Im Herbst werden so viele junge Menschen wie noch nie ein Studium aufnehmen. Wer Lehrer werden will, muss bei der Fachwahl aufpassen, bei einigen gibt es ein Überangebot. Das zeigt eine neue Studie. Die Schulen könnten zudem weniger Lehrer einstellen, als erwartet wurde. Foto: dpa

Berlin. Lehrermangel und Lehrerschwemme gleichermaßen: Eine neue Prognose der Kultusminister über den Einstellungsbedarf und das Angebot an fertig ausgebildeten Nachwuchspädagogen bis 2020 zeichnet ein gegensätzliches Bild.

Während für Gymnasien bundesweit fast 40 000 Junglehrer mehr erwartet werden, als die Länder in den nächsten Jahren einstellen wollen, mangelt es heute schon am Lehrernachwuchs für Berufsschulen, Sonderschulen - und für die ostdeutschen Länder.

Ein weiteres Ergebnis: Zu viele Studenten streben ein Lehramt für Deutsch, Geschichte und Erdkunde an - während die Länder heute schon händeringend nach Lehrern für Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik und zum Teil auch für Latein suchen.

Zuletzt hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) 2003 eine solche Prognose vorgelegt, die vor allem Studienanfängern Orientierung bieten soll. Als die Statistiker die aktuellen Planungsdaten aus den 16 Bundesländern jetzt neu zusammenführten, war man intern erschrocken über das erhebliche Nachwuchs-Überangebot für die Gymnasien, das derzeit an den Hochschulen ausgebildet wird. Dabei hatte in den vergangenen Jahren der Philologenverband regelmäßig im Sommer die Öffentlichkeit mit schlagzeilenträchtigen Meldungen über einen drohenden gewaltigen Lehrermangel aufgeschreckt.

Mit ihrer Prognose wollen die Kultusminister keine generelle Warnung vor dem Lehramtsstudium geben - weiß man aus früheren Erfahrungen, dass dadurch vor allem die leistungsstarken Studenten abgeschreckt werden, die man gerade für den Pädagogenberuf gewinnen will. Zudem würden sich die Probleme in den Mangelbereichen noch weiter verschärfen und auch „falsche Signale” an die Hochschulen senden, Kapazitäten der Lehrerausbildung für andere Disziplinen umzuwidmen.

Ende Juni versuchte die KMK, die Lehrerorganisationen mit ins Boot zu holen. Mit einer ausgewogenen Erklärung sollte gemeinsam für den Lehrerberuf geworben werben - und auch differenziert auf die unterschiedlichen Einstellungschancen hingewiesen werden. Doch daraus wurde nichts. Die Lehrerorganisationen verweigerten geschlossen die Unterschrift.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach von einer „wackligen Rechnung” der KMK „unter dem Diktat der Finanzminister”. Neue pädagogische Herausforderungen, wie die in mehreren Ländern geplanten Änderungen der Schulstruktur - die Integration von Sonderschülern in den normalen Unterricht (Inklusion) oder mehr Ganztagsschulen - würden erst gar nicht berücksichtigt, kritisierte GEW-Vize Marianne Demmer. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) beklagt die fehlende Datenbasis in dem 20-seitigen KMK-Papier. VBE-Chef Udo Beckmann spricht von einer „Blackbox”, weil die für eine nachvollziehbare Berechnung nötigen Länderdaten vorenthalten würden.

Beim Bildungsgipfel 2008 von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten hatten die Bundesländer zugesagt, die „demografische Rendite” - die erwarteten Einsparungen durch den bundesweiten 15- bis 20-prozentigen Schülerrückgang - fast ausschließlich für Qualitätsverbesserungen zu nutzen - etwa für kleinere Klassen, mehr Ganztagsbetreuung und individueller Förderung der Schüler. Laut KMK-Prognose sollen nun bis 2020 jährlich rund 28 000 Lehrer neu in den Schuldienst eingestellt werden.

In dieser Aussage sieht der Bildungsforscher Klaus Klemm einen klaren Bruch des Bildungsgipfel-Versprechens. Denn wollte man die tatsächliche Zahl der Lehrer in Deutschland von heute knapp 800 000 nahezu konstant halten - dann müssten wegen der gleichzeitig anstehenden Pensionierungen rund 36 000 Lehrer pro Jahr neu eingestellt werden, rechnet der Wissenschaftler vor.
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