Münster - Leben wie Udo Lindenberg: Studenten ziehen in Hotel

Leben wie Udo Lindenberg: Studenten ziehen in Hotel

Von: Steffen Trumpf, dpa
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Münster. Ein Hauch von „all inclusive”: Die Gäste im „Hotel Bockhorn” in Münster können nonstop im Internet surfen, die Waschküche steht allen offen, es fallen keine Nebenkosten an. Doch die Herberge, die 250 Meter vom Hauptbahnhof steht, ist kein Synonym für Luxus.

Der schmucklose Backsteinbau soll ein Ausweichquartier für Studenten sein. Für fünf Jahre hat die Universität einen Vertrag mit den Inhabern abgeschlossen, fast zwei Dutzend Studierende leben auf den Zimmern. Die langen Flure, die Notausgang-Schilder: Vieles in dem Gebäude erinnert an die glorreiche Vergangenheit als Mittelklasse- Hotel. Durch manche Fenster schaut man dann auf die Gleise. Bernd Kikenberg (29) stört das nicht. „Die Züge hört man so gut wie gar nicht”, sagt der angehende Zahnmediziner. „Nur die Frauenstimme von der Durchsage nervt.”

Ungewöhnliche Studentenbude, ernster Hintergrund

Die ungewöhnliche Studentenbude hat einen ernsten Hintergrund. Noch nie drängten in Nordrhein-Westfalen so viele Schulabgänger an die Universitäten und Fachhochschulen. Schon im Jahr 2010 haben 78.000 Erstsemester einen einsamen Rekord aufgestellt. Durch die Abschaffung der Wehrpflicht strömen nach ersten Schätzungen noch einmal 12 500 weitere Studienanfänger in die Hörsäle. Und als ob das nicht reichte, steht 2013 ein Doppeljahrgang vor der Tür. Durch die Verkürzung der Schulzeit sind Schüler aus zwei Abi-Jahrgängen zu versorgen. Dafür sollen 90 000 zusätzliche Studienplätze entstehen.

Das Konjunkturpaket des Landes stellt den Studentenwerken 120 Millionen Euro zur Verfügung, damit sie die nötige Infrastruktur schaffen können, sagt Helga Fels von der Arbeitsgemeinschaft der Studentenwerke NRW. Nach Zahlen des Wissenschaftsministeriums bekommt Münster das meiste Geld, danach folgen Bochum und Düsseldorf. Die Zwickmühle: Der Andrang ist nicht von Dauer. „Bis 2018, vielleicht 2020 wird sich der Boom halten und danach wieder abflauen”, sagt Fels. Dann wirkt sich erneut der „Pillenknick” der 1970er Jahre aus, dieses Mal in der zweiten Generation: Die Kinder der geburtenstarken Jahrgänge verlassen den Campus. Das Land setzt daher auf kurzfristige Modelle, langfristige Projekte würden nicht mehr gefördert.

Etwa 20 Millionen Euro dürfen in der Universitätsstadt Münster verbaut werden, wegen der Renovierungen werden viele Studenten ausquartiert, zum Beispiel ins „Hotel Bockhorn”. Kurz vor Studienbeginn sei er verzweifelt zum Studentenwerk gegangen, sagt Hotelbewohner Simon Gaus: „Leute, ich bin obdachlos! Ihr seid meine letzte Hoffnung.” Und die Auswahl war knapp. Zwei Wohnheime werden gerade von Asbest befreit. Die Zahl der 6000 Heimplätze schrumpfte dadurch auf etwa 4800. Ein Engpass für rund 5500 neue Erstsemester entstand, stellt Gisbert Schmitz fest. Er ist Sprecher des Studentenwerks Münster. Ein weiteres Problem sei die Umstellung auf Bachelor und Master: „Die Zeiträume zwischen den Zulassungsbescheiden und dem Studienbeginn sind dadurch deutlich kürzer geworden.”

Die Studenten sind mit dem Provisorium recht zufrieden. Was Dauer- Hotelgäste angeht, gebe es doch berühmte Vorbilder, sagt Gaus. „Ich mach einen auf Udo.” Als gebürtiger Hamburger vergleicht sich der 20 Jahre alte Chemiestudent gern mit Udo Lindenberg. Der wohnt in einer Hotelsuite mit Blick auf die Alster - angeblich mit 120 Quadratmetern Fläche. Gaus lebt in Münster auf 16 Quadratmetern. Er blickt auf eine eher langweilige Straße, auf Autos, höchstens mal auf Sperrmüll.

Zwischen 275 Euro und 325 Euro zahlen die Hochschüler im Monat. Auch der 25-jährige Markus Bamler wohnt hier jetzt. Sein Wohnheim wurde saniert. Deshalb musste er umziehen. Als Bamler mit Hemden und Hosen beladen aus der Waschküche kommt, muss er feststellen, dass der Fahrstuhl nicht funktioniert. Da lasse der Service dann doch etwas zu wünschen übrig. „Wenn die das mit dem Aufzug wieder hinbekommen, kann ich mir schon ein paar Jahre in meiner Wohnung hier vorstellen.”
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