Lange Vorbereitung auf den kurzen Ansturm

Von: Axel Borrenkott
Letzte Aktualisierung:
stud_bu
1056 Sitze und keiner mehr: Der größte Hörsaal der RWTH Aachen, der Audimax, platzt jetzt schon aus allen Nähten. Vor dem für 2013 erwarteten Ansturm tausender zusätzlicher Studierender muss das im Bau befindliche neue Hörsaalgebäude gegenüber unbedingt fertig sein. Foto: Markus Schuldt

Aachen. Es gibt wahrlich Schlimmeres als viele neue junge Menschen in der Stadt. Doch auf Aachen und seine Hochschulen kommt was zu in den kommenden Jahren. Einige tausend Studenten mehr als die zurzeit rund 42.000 wollen versorgt sein, in den Hochschulen selbst, aber auch mit Wohnraum.

Schon in diesem Herbst werden einige hundert zusätzliche Studienanfänger erwartet, weil die Wehrpflicht ausgesetzt wird. Der eigentliche Ansturm steht 2013 ins Haus. Im Jahr des Turboabiturs rechnet allein die RWTH mit 7200 Anfängern, das sind fast 2000 mehr als jetzt. Die FH erwartet einen Zuwachs von 1950 Neuen, 300 mehr als in diesem Jahr.

Dass 2013 in Nordrhein-Westfalen - in anderen Länder früher - zwei Jahrgänge gleichzeitig Abitur machen, die ersten nach acht, die (vielleicht) letzten nach neun Jahren, hat Hochschulen, Politik und Behörden schon länger mobilisiert. Aber nun beginnt die heiße Phase. Raum muss beschafft, Personal gefunden und eingestellt werden.

Gesichert ist, im Großen und Ganzen, die Finanzierung durch den Hochschulpakt II. Für die von 2011 bis 2015 rechnerisch, bezogen auf die Grundkapazität erwarteten 90.000 zusätzlichen Studienanfänger in NRW stehen 1,8 Milliarden Euro zur Verfügung, die sich Bund und Land teilen. Bei Erreichen der Anfängerzahlen werden der RWTH Aachen rund 150 Millionen Euro an Gesamtmitteln zur Verfügung gestellt. Es besteht noch eine Option auf weitere 34 Millionen Euro, wenn Land und Bund noch Geld haben. Im Vergleich zum Jahr 2009, wird die RWTH Aachen dadurch rund 3000 zusätzliche Studienanfänger ab 2013 aufnehmen können.

Nach der Bugwelle

„Wir haben uns bereit erklärt, die meisten zusätzlichen Studierenden im Land aufzunehmen. Das sehen wir auch als Verpflichtung an. Die jungen Leute haben es schwer genug.” Aloys Krieg, Prorektor für Lehre ist der Mann an der Spitze, der mit allen Hochschulangehörigen den Zuwachs der RWTH organisieren wird. Für ein paar Jahre. Denn allerspätestens im Jahr 2020, nach der Bugwelle des Turboabis und der geburtenstarken Jahrgänge, wird die Hochschule deutlich weniger Anfänger haben als jetzt.

Da wird man Zuwanderer brauchen. Nach den bisherigen Prognosen der Kultusminsiterkonferenz werden die Studierendenzahlen in NRW vermutlich auf das Niveau zum Zeitpunkt vor dem doppelten Abiturjahrgang sinken. Dies wären für die RWTH Aachen, voraussichtlich nur noch gut 4500 Studienanfänger pro Jahr.

Wegfall der Wehrpflicht

Bis dahin aber braucht die RWTH dringend jede Menge zusätzlichen Raum und Personal. Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter werden - schon ab dem nächsten Jahr - eingestellt, ohnehin geplante Berufungen vorgezogen und eine Reihe von Professoren, aber auch wissenschaftliche Beamte über die Pensionsgrenze hinaus gehalten.

Wie viele Kräfte das insgesamt sein werden, sei „noch gar nicht abzusehen”, sagt Krieg. Jede einzelne Fakultät rechnet gerade ihren Bedarf durch. Sicher ist, dass das meiste zusätzliche Personal in den Kernfächern Maschinenbau und Elektrotechnik und auch im Dienstleistungsfach Mathematik benötigt werden wird.

Der Maschinenbau ist eine Herausforderung für sich. Die RWTH stößt hier schon länger an ihre Kapazitätsgrenzen - insgesamt ist die RWTH zu 114 Prozent ausgelastet - und wird 2013 einen „zweiten Zug” einrichten müssen, weil die Pflichtvorlesung für Anfänger schon jetzt mit über 1000 Teilnehmern übervoll ist. Das daher dringend benötigte und im Bau befindliche neue Hörsaalgebäude „muss unbedingt vorher fertig sein”, mahnt Krieg.

Aber auch das wird längst nicht reichen. Weitere Neubauten, vor allem für das „Riesenproblem” Chemielabore sind bis 2013 geplant, zum Teil schon ausgeschrieben. Und in der ganzen Gegend der Aachener City um die Hochschule herum werden Gebäude und Räume zur Miete gesucht.

Auf jeden Fall wird für eine Reihe von Fächern auch über Zulassungsbeschränkungen per Abiturnote (Numerus Clausus, NC) „nachgedacht werden müssen” - wie in vielen anderen Hochschulen in NRW auch. Das heißt, wenn etwa in Maschinenbau oder in Naturwissenschaften NCs festgelegt werden, müssen manche Abiturienten ziemlich flexibel werden bei Studienwunsch und -ort.

Vergleichsweise überschaubar sind die Folgen der gestrichenen Wehrpflicht. Auf die RWTH kommen von den insgesamt in Nordrhein-Westfalen erwarteten 15000 zusätzlichen Studienanfängern im Wintersemester 2011/12 schätzungsweise 500 und im Jahr darauf 400 zu. Die Finanzierung dieser Plätze ist allerdings bislang nicht gesichert, darüber streiten der Bund und die Länder noch.

Möglicherweise werden sich im nächsten Jahr sogar noch mehr Abiturienten für die TH entscheiden. Die empfiehlt nämlich geradezu Schülern, die eigentlich zwischen Abi und Studienbeginn einen Auslandsaufenthalt oder ein Soziales Jahr geplant hatten, darauf zu verzichten, um nicht in den Engpass des Turboabijahrs 2013 zu geraten.

Gefragt sind schließlich die Vermieter in der Städteregion und darüber hinaus: Wohnraum wird dringend gesucht. Die Aachener Hochschulen stehen im engen Kontakt mit der Stadt, „um Potenziale zur Wohnraumbeschaffung zu identifizieren”. Da müsse man „noch Bewusstsein schaffen in der Bevölkerung. Man muss sich das klarmachen: 2013 stehen die Leute vor der Türe”, appelliert Professor Krieg. Die RWTH „freut sich auf diesen Nachwuchs. Doch um ein reibungsloses Studium für die zusätzlichen Studierenden zu schaffen, bedarf es noch einiger Anstrengung”.

Die FH Aachen rechnet für das Jahr 2013 mit 1950 Neueinschreibungen, das wären 300 mehr als im laufenden Semester. Der größte Andrang wird in Elektrotechnik, Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt, aber auch in den Wirtschaftswissenschaften erwartet. Zusätzlicher Raum, der aber teilweise auch schon knapp wird, wurde bereits mit dem Neubau des Campus Jülich geschaffen, und in Aachen wird an verschiedenen Stellen aus- und umgebaut. Zusätzliches Personal, teilt die Hochschulleitung mit, werde schon jetzt eingestellt, bis 2012 sollen insgesamt 24 Professorenstellen sowie acht Mitarbeiterstellen neu besetzt werden.

Ein NC ist „in zahlreichen Fächern geplant”, vor allem in Technik, Informatik und Naturwissenschaften. Die FH werde aber die NC-Regelungen „fortlaufend prüfen” und dem jeweiligen Bedarf anpassen. „Unser Ziel ist es, möglichst vielen geeigneten Bewerbern den Zugang zum Studium zu ermöglichen.”

Für die FH ebbt die Bugwelle plangemäß schon 2015 ab, so dass man sich auf die Suche nach neuen Kommilitonen machen muss. „Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um einerseits auf potenzielle Studierende noch stärker zuzugehen und andererseits helfen, damit die, die bislang nicht studieren konnten, die bestmögliche Begleitung erfahren”, so Rektor Marcus Baumann.

Keine zusätzlichen Studierenden wird die Katholische Hochschule aufnehmen können. Die Aufnahmekapazität der Hochschule für Soziale Arbeit ist mit 800 Studierenden und jährlich 160 Neuaufnahmen begrenzt.

Und die Stadt ? Die Verwaltung trägt derzeit noch zusammen, an was alles gedacht werden muss. Klar ist aber auch dort schon, so Sprecher Hans Poth, dass es ein „großes wichtiges Thema” ist.

Ein bisschen hat das Ganze auch vom Klimawandel. Wo genau es wärmer wird oder was über die Ufer tritt, wird man erst wissen, wenn es soweit ist. Man muss auf alles gefasst und vorbereitet sein.

Studentenwerk plant 600 weitere Zimmer und Ausbau der Mensen

Auch das Studentenwerk Aachen plant schon länger, wie es seinen Anteil der vorübergehenden Studentenschwemme bewältigt. Hauptaufgabe ist es, zusätzliche Unterkünfte zu schaffen. 4725 Wohneinheiten gibt es derzeit in den 22 Wohnheimen. 600 weitere sind geplant, davon 400 durch einen Neubau in Aachen und 200 in Jülich.

„Wir hoffen noch, dass wir einen Zuschuss vom Ministerium bekommen”, sagt Geschäftsführer Dirk W. Reitz. Anders als die Hochschulen ist für die Studentenwerke nämlich, man hört es erstaunt, bislang keine Kostenerstattung für die zusätzlichen Aufgaben vorgesehen.

Gleichwohl ist man guter Hoffnung, durch günstige Bauweise das Angebot an preiswertem Wohnraum erweitern zu können. Zwischen 165 und 245 Euro kostet eine Studentenbude im Wohnheim. Die Wartezeit beträgt vier bis fünf Monate zum Wintersemester, im Sommer ein bis zwei Monate.

Ob man in den nächsten Jahren mehr als die derzeit 7500 Essen pro Tag in den acht Mensen vorhalten muss, sei „schwer abzuschätzen”, wäre aber kein großes Problem, sagt Reitz. Der Umbau der Mensa in der Turmstraße soll bis zum Wintersemester 2012 fertiggestellt sein und das Angebot für die Studierenden verbessern. Ob es eine neue Mensa hinter dem Audimax geben wird, liege in den Händen der RWTH.

„Gut aufgestellt” sei man auch bei den Kita-Plätzen, sagt der Geschäftsführer. 150 sind es, die noch gar nicht alle genutzt werden. Zusätzliches Personal wird das Studentenwerk in Aachen, das zurzeit 270 Mitarbeiter beschäftigt, für die zu erwartende höhere Anzahl an Bafög-Anträgen einstellen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert