Aachen - Klimaforschung zwischen Schreibtisch und Eisbären

Radarfallen Bltzen Freisteller

Klimaforschung zwischen Schreibtisch und Eisbären

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
6523247.jpg
Christoph Schneider (links) und Doktorandin Eva Huintjes bauen eine automatische Wetterstation auf der Seitenmoräne mit Blick auf die zerrissene Gletscherzunge des Naimona`nyi-Gletscher. Foto: Benjamin Schröter
6523246.jpg
Schwer bepackt geht es ins Gebirge, der Aufstieg von 4700 auf 5500 Meter zum Zhadang-Gletscher ist nur mit der Hilfe der tibetischen Nomaden und deren Pferden oder Yaks möglich. Foto: Christoph Schneider
6523252.jpg
Christoph Schneider mit Eisbärbild auf dem Kalender im Aachener Büro. Foto: Heike Lachmann
6527209.jpg
Kein Camping: Über Nacht hat es geschneit, so dass das Aufstehen und Frühstück im Zeltlager auf 5500 Metern zu einer ungemütlichen Angelegenheit werden, bevor es dann hinauf auf den Zhadang-Gletscher zur Arbeit an den Messstationen geht. Foto: Dieter Scherer/Berlin
6523249.jpg
Fabien Maussion und Dieter Scherer von der TU Berlin justieren Instrumente auf dem Zhadang-Gletscher. Foto: Christoph Schneider

Aachen. Nein, kalt wird so ein Gletscher Christoph Schneider niemals lassen. Egal, wie viele er schon gesehen hat. Egal, wie oft er in der Arktis oder im tibetischen Hochland unterwegs war. Denn als Geograph ist er natürlich ganz heiß, dem Weg von Schnee und Eis auf dieser Welt weiter auf die Spur zu kommen.

Der Professor des Geographischen Instituts der RWTH Aachen und seine Mitarbeiter untersuchen, wie sich Klimaveränderungen auf die sogenannte Kryosphäre, also die Schnee- und Eisbedeckung auf der Welt, auswirkt. Und die findet er eben auf Nordauslandet, einer kleinen Insel nordöstlich von Spitzbergens, in den südlichen Anden Patagoniens oder in Tibet auf mehr als 5000 Metern Höhe. Aber: Was nach Abenteuer klingt, ist für den Geographen wissenschaftliche Arbeit. Dünne Luft hin, Eisbären her. Es geht um die Erforschung komplexer Zusammenhänge an von Natur aus außergewöhnlichen Orten. „Es ist schon spannend, aber kein Abenteuer“, sagt Christoph Schneider.

Natürlich kann jeder Geograph oder Geologe von den Geländearbeiten, so werden die Aufenthalte vor Ort genannt, fesselnd berichten. Denn die Forscher dringen in Regionen vor, die ein Mensch sonst nicht so einfach, meist nie erreichen wird. Und so wird Christoph Schneider viel berichten können, wenn er bei der Wissenschaftsnacht „5 vor 12“ der RWTH am 8. November unter dem Titel „Forschen am dritten Pol“ vorträgt – inklusive spektakulärer Fotos aus der Höhe des Himalayas und der Weite des ewigen Eises.

Die Zeit am Schreibtisch

2012 war Schneider zuletzt in Tibet. Fördermittel für den nächsten Besuch wurden beantragt. 2015 könnte es vor Ort weitergehen – oder eben höher. Schon 2014 wird ein Mitarbeiter wieder Richtung Spitzbergen aufbrechen. Doch zwei bis drei Wochen dieser Geländearbeit stehen immer zwei, drei Jahre Analyse und Auswertung gegenüber – am Schreibtisch in Aachen. „Die spektakulären Reiseziele kaschieren schnell die lange Arbeit vorher und nachher am Rechner“, erklärt Schneider. Nachhaltig beeindruckend sind die Reise aber so oder so.

Das Problem ist immer: Die RWTH-Wissenschaftler sind auf öffentliche Forschungsmittel angewiesen. Industriemittel gibt es (fast) keine, das Interesse von großen Unternehmen an den Gletschern dieser Welt – ob Tibet oder Spitzbergen – ist nicht vorhanden. Dort werden keine Autos verkauft. Dort braucht es kaum Maschinen. Es ist Grundlagenforschung, die Geographen wie Christoph Schneider betreiben. Und das bedeutet: Es müssen Forschungsanträge – etwa bei der Deutschen Forschungsgesellschaft – gestellt werden. Doch die DFG hat eine Bewilligungsquote von zur Zeit gerade einmal 20 Prozent. „Wenn wir gut sich, dann sind von fünf Anträgen nur vier am Ende für den Papierkorb“, sagt Schneider. „Es reicht nicht, einen guten Antrag zu schreiben, er muss besser sein als 80 Prozent der anderen.“

Einmal wurde eines seiner Projekte ko-finanziert – durch den Deutschen Skiverband. Es ging um die Auswirkungen des Klimawandels auf den Schnee in den deutschen Mittelgebirgen – auf Skipisten, Loipen und damit den Tourismus. Und so wurde die saisonale Schneedecke ins Blickfeld gerückt. Im ewigen Eis gibt es aber keine Skiverbände…

Schnee und Eis haben Christoph Schneider schon immer bewegt. In Freiburg hat der nun 48-Jährige Geographie und Physik studiert. 1993 schloss er ab – mit Staatsexamen für Lehramt. Später hat ihn sein erstes Drittmittelprojekt für mehr als vier Monate in die Antarktis geführt. Er hat dort Daten für seine Doktorarbeit gesammelt.

Schrumpfen in Patagonien

Er war noch in Freiburg, als er in Zusammenarbeit mit der Universität Trier in Patagonien die Frage erforschte, wie eigentlich dort Gletscher funktionieren. Dort schrumpfen die Gletscher im weltweiten Vergleich nämlich besonders rasch. Und es gelang dem Team, die eine oder andere Forschungslücke zu schließen. 2004 kam er nach Aachen. In die Arktis führte ihn das Internationale Polarjahr, was etwa alle 50 Jahre die Forschung zusammenführt, um grundlegenden Fragen der Polargebiete, diesmal, 2008/2009 zu den Auswirkungen des Klimawandels näher zu rücken. In Zusammenarbeit mit der TU Berlin und der Universität Bonn wurde dann auf Spitzbergen deutlich, warum die Gletscher dort im Nordosten Svalbards anders als fast in allen anderen vergletscherten Regionen der Erde relativ stabil stehen, obwohl sich die Erde erwärmt.

Das ist so: Im Winter ist es recht egal, ob es nun minus 30 oder minus 28 Grad sind. Es ist immer noch so kalt, dass das Eis nicht schmilzt. Im Sommer sorgen wärmere Temperaturen für mehr Schneefall. Der Schnee bleibt eine Zeit liegen und schützt das Eis wie eine Decke wiederum – vereinfacht gesagt – vor den Sonnenstrahlen. Klingt logisch. Die Forscher haben es auf Nordauslandet (was so viel heißt wie Nordostland) untersucht, haben gemessen und ausgewertet. Es ist so, auch wenn es bei weiterer Erwärmung in der Arktis so nicht bleiben wird.

Zwei riesige Gletscher finden die Forscher auf diesem NordauslandetSvalbard. Einer hat einen Durchmesser von 60 Kilometern, der andere fast 120 Kilometer. Wer sich hier fortbewegen will, der braucht ein Schneemobil oder je nach Wetterbedingungen besser noch einen Hubschrauber. Auch mit dem Stahlboot kommen die Teams in den Gewässern um Spitzbergen vorwärts – das hat sogar den Vorteil, dass es keine Eisbärenwache auf dem Wasser braucht.

Kein Witz: Eisbären begegnen den Wissenschaftlern immer wieder mal. „Ein Kollege hat mal gesagt: Für Eisbären sind wir gut gekleidete Robben“, erzählt Schneider und lacht. Vorsicht ist jedenfalls geboten. Es gibt ein Foto, das Christoph Schneider aus nächster Nähe machen konnte, als ein Eisbär sozusagen vor der Tür des Camps stand.

Keine Schneemobile

Am dritten Pol, also in Tibet, ist die Welt eine andere. Auf mehr als 5000 Metern Höhe gibt es keine Schneemobile. Für normale Hubschrauber ist die Luft zu dünn. Für Menschen sind die Bedingungen extrem, die Akklimatisierung ist eine Herausforderung. Wer einmal in Lhasa auf mehr als 3700 Metern Höhe die Treppen zu einem Tempel hoch gestiefelt ist, der kann Schneiders Schilderungen bestens nachvollziehen. Schon ein Rucksack wird zur gewaltigen Last. Der Treck der Wissenschaftler – die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert ein Projekt der RWTH mit TU Berlin und TU Dresden – wurden von Tragetieren begleitet. Auch chinesische Wissenschaftler sind in dieser Höhe – wie es so schön heißt – mit im Boot.

Untersucht werden die Auswirkungen des Schmelzwassers auf die Wasserbilanz und damit auch die Weidewirtschaft tiefer im Tal, ebenso der Zusammenhang zwischen dem indischen Monsun und den Gletschern auf dem Hochplateau. „Es geht hier um Systemverständnis“, sagt Forscher. Was bedingt welche Folgen? Diese Frage will beantwortet werden.

Das eher schmucklose Seminargebäude an der Wüllnerstraße in Aachen ist eine Art Tor zur Welt für die Mitarbeiter des Lehr- und Forschungsgebietes Physische Geographie und Klimatologie. Hier lernen die Geographen, wie wichtig es dabei ist, jede Reise minutiös vorzubereiten. „Wenn Du auf 5500 Metern Höhe stehst, kannst Du nicht schnell in den Baumarkt und einen Schraubenzieher besorgen“, sagt Schneider, seit 2010 Studiendekan der Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik. Und ohnehin gibt es immer einen Plan Z. „Z wie zurück“, sagt Schneider. Auf 5500 Metern kann es eben auch mal ungemütlich werden.

Bei allem beruflichen Interesse: Im Urlaub kann Christoph Schneider durchaus auf Schnee und Eis verzichten. Er wandert gerne, wenn die Sonne scheint und es schön warm ist. Er war auch schon im Bergregenwald von Ecuador und ist ein Freund von Exkursionen mit Studenten, zum Beispiel auf die Kanarischen Inseln oder wie dieses Jahr nach Irland. Es müssen nicht immer diese extremen Minusgrade haben. Nur dem Winter in Nordrhein-Westfalen, dem kann Christoph Schneider wenig abgewinnen. „Der ist schon eine ziemlich langweilige Angelegenheit“, sagt er.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert