In Deutschland landen 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll

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Gemüse und Obst in Hülle und Fülle: Wie gehen wir mit dem Überfluss an Lebensmitteln um? Was könnte viel besser funktionieren? Was muss sich dringend ändern? Studierende der FH Aachen haben sich intensiv mit dem Thema befasst. Foto: imago

Aachen. Weltweit landet rund jedes dritte produzierte Lebensmittel im Müll oder geht verloren. Dies sind mehr als 1,3 Milliarden Tonnen verschwendete Lebensmittel pro Jahr. Allein in Deutschland kommen bis zu 20 Millionen Tonnen zusammen.

Valentin Thurn, Raphael Fellmer und einige Gleichgesinnte wollen auf diese Problematik aufmerksam machen. Seit dem Sommer 2012 engagieren sie sich ehrenamtlich gegen die Verschwendung.

Was ist Foodsharing?

Beim Foodsharing kümmern sich Foodsaver (Lebensmittelretter) und ehrenamtliche Mitglieder darum, dass Lebensmittel, die nicht mehr verwendet werden, an Interessierte verteilt werden. Privatpersonen, der Handel, Vereine, Produzenten und Betriebe können überschüssige Lebensmittel kostenlos anbieten. Die Grundvoraussetzung: Alles muss noch genießbar sein. Lebensmittel mit einem abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatum sind unbedenklich. Nicht gestattet ist dagegen das Teilen von hygienisch riskanten Lebensmitteln wie Fisch und Fleisch. Außerdem geht es darum, Aufmerksamkeit auf die Lebensmittelverschwendung zu richten und Essen wieder wertschätzen zu lernen. Die Menschen sollen sich daran erinnern, wie viel Arbeitszeit, Ressourcen, Transportwege und Geld zur Lebensmittelbeschaffung benötigt werden. Der ethische Umgang mit Resten ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. „Foodsharing kann man nur gut finden“, so Peter Mogga, Geschäftsführer und Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Aachen.

Die Initiative sieht sich als Ergänzung und Unterstützung der über 900 Tafeln in Deutschland. Im April 2015 hat sie eine Kooperation mit dem Bundesverband Deutsche Tafel geschlossen. Foodsharing ist legal, im Gegensatz zum Containern (dem Fischen von Lebensmitteln aus Abfalltonnen der Supermärkte).

Wer steckt dahinter?

Die Foodsharing-Idee ist im Sommer 2011 entstanden, während der Zusammenarbeit im Rahmen des Dokumentarfilms „Taste The Waste“ zwischen Regisseur Valentin Thurn und Sebastian Engbrocks, der die „Taste The Waste“- Social-Media-Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung leitet. Anfang 2012 kamen die Design-Studenten Thomas Gerling und Christian Zehnter und die TV-Reporterin Ines Rainer auf eine ähnliche Idee.

Raphael Fellmer sammelt zu diesem Zeitpunkt bereits Lebensmittel illegal aus Containern. Aus der Vision unterschiedlicher Menschen ist ein gemeinsames legales Projekt entstanden. Mittlerweile betreut ein Organisationsteam mit 25 engagierten Köpfen die Initiative.

Neben den vielen Foodsharern (registrierte Nutzer auf foodsharing.de) gibt es mittlerweile in fast allen großen Städten im deutschsprachigen Raum mehr als 16.000 Foodsaver. In Kooperation mit immer mehr Supermärkten, Bäckereien, Gastronomie- und anderen Lebensmittelbetrieben setzen sie sich gegen die Lebensmittelverschwendung ein. Die Foodsaver holen überschüssige Lebensmittel ab, sortieren sie nach Verwertbarkeit und verteilen die noch genießbaren Produkte weiter.

Um den Partnerbetrieben Rechtssicherheit gewährleisten zu können, muss jeder Foodsaver zunächst eine Rechtsvereinbarung akzeptieren. Er übernimmt die volle Verantwortung für die abgeholten Lebensmittel. Der betriebsverantwortliche Foodsaver pflegt einen guten Kontakt zum Betrieb und zum Abholerteam.

Botschafter koordinieren die Foodsaver-Gruppen in den jeweiligen Regionen und Städten und veranstalten Foodsharing-Treffen, öffentliche Events und kümmern sich um bestehende und neue Kooperationen mit Lebensmittelbetrieben.

Wie finanziert sich Foodsharing?

Die Initiative Foodsharing basiert auf ehrenamtlicher Arbeit, beim Retten der Lebensmittel, der Organisation, bei Rechts- und Hygienefragen, beim Programmieren oder in anderen Bereichen. Die Foodsaver, Botschafter, der Vereinsvorstand und auch alle anderen Engagierten arbeiten rein ehrenamtlich und aus Überzeugung. Ausnahme ist die Geschäftsführerin des Vereins. Sie erhält ein Minijobgehalt. Diverse Partner unterstützen das Projekt, indem sie Räumlichkeiten, Drucksachen und vieles mehr kostenlos zur Verfügung stellen. Spenden sind willkommen.

Wie werden Lebensmittel geteilt?

Rund um die Uhr und an allen Wochentagen ist es möglich, sein Essen zu verschenken oder sich selber zu bedienen. Denn das Ziel ist nicht Lebensmittel zu tauschen, sondern den Überschuss zu verteilen. Neulinge und Interessierte können sich auf der Plattform foodsharing.de kostenlos anmelden, um Lebensmittel zu teilen und Foodsharer zu werden.

Wahlweise ist es auch möglich, einer von zahlreichen FacebookGruppen beizutreten oder eine App zu nutzen. Hierbei ist zu beachten, dass die Community in der Nähe ist. Angemeldete Nutzer können digitale Essenskörbe erstellen und Lebensmittel anbieten. Andere Nutzer können Essenskörbe auf einer Übersichtskarte für ihre Region einsehen und sich mit dem Anbieter zur Abholung verabreden.

Eine andere Möglichkeit, Lebensmittel zu teilen, bieten die sogenannten Fair-Teiler. Dies sind öffentlich zugängliche Kühlschränke oder Regale. Dort kann Überschüssiges zur Verfügung gestellt und nach Bedarf entnommen werden. Eine Anmeldung zur Nutzung der Fair-Teiler ist nicht notwendig. Die Standorte der Fair-Teiler sind auf foodsharing.de verzeichnet. Foodsharing gibt zudem im Internet Regeln und Voraussetzungen zum Fair-Teilen vor.

Auch Lebensmittelbetriebe, Produzenten und die Gastronomie können mit Foodsharing e.V. kooperieren. Aussortierte und abgeschriebene Lebensmittel werden von Foodsavern abgeholt, nach Verwendbarkeit und Genießbarkeit sortiert und anschließend an Nachbarn, Menschen auf der Straße, gemeinnützige Projekte, Vereine, Tafeln, Suppenküchen, Freunde und über die Foodsharing-Plattform verteilt. Aus rechtlichen Gründen übernehmen die Foodsaver die volle Verantwortung für die abgeholten Lebensmittel.

Was sagen kritische Stimmen?

Berliner Lebensmittelämter wollen strengere Auflagen für die Fair-Teiler erheben und die Initiative Foodsharing e.V. als Lebensmittelbetrieb einstufen. Gefordert ist eine ständige Überwachung der Fair-Teiler durch eine verantwortliche Person. Nur sie soll nach Kontrolle Lebensmittel in den Fair-Teiler legen dürfen. Die Herkunft der Lebensmittel soll zurückverfolgbar sein. Der Grund dieser Forderungen ist, dass die Fair-Teiler unhygienisch seien und sich niemand für diese verantwortlich fühle.

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