HumTec: Nachdenken über Technik und Mensch

Von: Axel Borrenkott
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Doktor in der Wand: Wie hier im Versuchslabor könnten sich Alleinstehende künftig in ihrer Wohnung im Notfall vom Arzt per Videoschaltung virtuell untersuchen lassen. Prof. Martina Ziefle leitet das Forschungsprojekt „eHealth” der TH, das Möglichkeiten elektronischer Gesundheitsversorgung erkundet. Foto: Peter Winandy

Aachen. Die RWTH hat neun Fakultäten mit 260 Lehrstühlen und Instituten, fast jede universitäre Disziplin ist in Aachen vertreten. Die großen Probleme in unserer komplexen Welt sind jedoch mit der Kompetenz einzelner Fächer nicht mehr zu lösen.

Energie, Klima, Demografie, Mobilität, Gesundheit: Die „globalen Herausforderungen”, denen sich die RWTH programmatisch stellt, erfordern eine ständige interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Im Rahmen ihres Zukunftskonzepts hat die Hochschule eine Struktur geschaffen, in der Geistes- und Sozialwissenschaftler, Ingenieure, Mediziner und Naturwissenschaftler in interdisziplinären Teams zu „gesellschaftlich hoch relevanten Problemen forschen”. HumTec nennt sich das kreative Miteinander am Theaterplatz in Aachen.

HumTec steht für Human Technology Center, wird aber inzwischen nur noch als Abkürzung verwendet. Es geht im Grunde darum, Mensch und Technik zusammenzudenken. Das jedoch schlicht „humane Technologie” zu nennen, wäre etwas zu kurz gegriffen und zum Teil auch beschönigend.

Technik kritisch reflektieren

Es geht nämlich nicht nur darum, Technik möglichst menschenfreundlich zu gestalten, was immer das heißt, sondern auch um die Akzeptanz von Technik und die zeitbedingte Anpassung ethischer Normen. Gefragt sind also neben der ingenieurwissenschaftlichen Kompetenz einer RWTH wesentlich auch die kritische Reflektionsfähigkeit ihrer Geistes- und Sozialwissenschaften.

So kann man es zum Beispiel toll finden, dass moderne medizinische Überwachungssysteme einem das Alleinleben als älterer und/oder kranker Mensch ermöglichen. Ebensogut kann man fragen, ob man Apparate wollen kann, die Menschen verzichtbar machen, und wie man sich damit wohlfühlen kann. Sowohl solche Technik wie die Fragen, die sie aufwirft, werden im Projekt „eHealth” erforscht, in dem es um die elektronisch unterstützte Erhaltung von Mobilität im Alter geht.

Demografischer Wandel, Lücken in der Versorgung, Mangel an Pflegekräften provozieren technische Lösungen. Bislang stehen dabei aber, so die Projektleiterin Martina Ziefle, „technische Machbarkeit, Sicherheit und medizinische Notwendigkeit im Vordergrund”.

Es müssten aber neue Wege beschritten werden, „um zu verstehen, wie Menschen in ihrem häuslichen Umfeld mit einem medizintechnischen Assistenzsystem umgehen und welche Anforderungen sie an eine benutzbare und akzeptierte Technik” haben, wann sie ihr vertrauen, sie verlässlich finden und sich in ihrer Würde nicht beeinträchtigt fühlen.

Neben der Professorin für Kommunikationswissenschaft arbeiten Medizintechniker, Architekten, Informatiker und Psychologen in diesem Projekt. Sie haben zusammen ein „intelligentes Wohnzimmer” gebaut, das voll von Kontrollsystemen ist. Eine ganze Wand ist ein riesiger Touchscreen, über den man sowohl Vitalfunktionen messen wie Ferndiagnosen eines auf dem Bildschirm erscheinenden Arztes einholen kann. Der Fußboden ist durchsetzt mit einem Netz von Sensoren, die Bewegungen - und damit auch Stürze - erfassen und „melden” können.

Ein interessantes Ergebnis bisheriger Tests sei, berichtet Martina Ziefle, dass auch Probanden, die vorher skeptisch gegenüber der technischen Aufrüstung ihres Wohnzimmers waren, nach dem Erlebnis im Versuchslabor „das auch haben” und eher wissen wollten „Wer zahlt das?”

Energie und Ethik

Ein anderes Projekt, „Ethik für Energie-Technologien”, geleitet von der Juniorprofessorin Rafaela Hillerbrand, lenkt ebenfalls den Blick darauf, dass Fragen von Akzeptanz und Ethik der Technik komplexer sind, als sie an der Oberfläche scheinen. Wer von den Millionen völlig überzeugter deutscher Atomenergie-Aussteiger führt schon Gedanken konsequent zu Ende, dass es keine Energieversorgung ohne Risiko gibt, und dass mauch Sicherheitsfragen nicht wertfrei gestellt werden können und überdies national unterschiedlich beantwortet werden?

Oder wie verantwortlich wäre es bei einer relativ geringen Eintrittswahrscheinlichkeit von Klimaschäden, Milliarden Euro in Europa in die Prävention zu stecken, während man für das gleiche Geld ganz Afrika mit Wasser versorgen könnte? Technisch machbar ist vieles, aber was sind die Folgen für andere Teile der Welt und für nachkommende Generationen? Diese „geisteswissenschaftliche Perspektive” aus der rein philosophischen Sphäre in den „anwendungsbezogenen” Diskurs zu holen, ist Kern der Arbeit der Philosophin und Physikerin Hillerbrand und ihrer Arbeitsgruppe.

Unmittelbar lokal wirkt das Projekt City2020+, das am Beispiel Aachens „nachhaltige Strategien für den Umgang mit globalen Herausforderungen von Klimawandel und demografischem Wandel” erkunden will. Wie, zum Beispiel, sollten Häuser und Wohnungen für ältere Menschen in Stadtbezirken mit höherer Umwelt- und Klimabelastung beschaffen sein? Wie greifen Stadtplanung, Gesundheitsvorsorge und Ökologie ineinander?

Philosophische Fakultät bewegt

Rund 60 Mitarbeiter sind in den derzeit sieben Forschungsprojekten beschäftigt, die vor allem auch Bewährungsfelder für herausragende Nachwuchswissenschaftler sind. Wobei die personelle Kontinuität nicht ganz einfach ist.

Nach einer anfänglichen Dämmerphase hat HumTec, 2007 gegründet, inzwischen jedenfalls nach allgemeiner Einschätzung in der Hochschule eine Menge „Bewegung in die Philosophische Fakultät gebracht”. Und wohl auch für den nötigen Imagegewinn eines Fachbereichs gesorgt, mit dessen Integration sich die Ingenieursschmiede RWTH lange recht schwer tat. Schließlich war in der ersten Runde der Exzellenzinitiaive die schwache Integration der Fakultät 7 in die Hochschule ausdrücklich als Defizit bemängelt worden.

HumTec (Human Technology Center) ist ein Netzwerk von sieben interdisziplinären Forschungsprojekten, in denen (vor allem Nachwuchs-)Wissenschaftler der RWTH gemeinsam zu „gesellschaftlich hochrelevanten Themen” forschen.

Das sogenannte Projekthaus HumTec ist Teil des Exzellenz-Zukunftskonzepts der RWTH „Meeting Global Challenges”, globalen Herausforderungen begegnen. Programmatisches Ziel ist „die Förderung humaner Technologien”.

Über die Forschungen im Rahmen von HumTec informiert die neueste Ausgabe der „RWTH Themen”. Das Heft liegt im Super C aus und ist über die Pressestelle zu beziehen: pressestelle@zhv.rwth-aachen.de.

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