Flucht vor Studiengebühren: Wegziehen lohnt nicht immer

Von: dpa
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Berlin/Köln. Studieren kostet Geld. Und noch teurer wird es, wenn auch noch Studiengebühren anfallen. So mancher Uni-Einsteiger sucht sich seine Hochschule deshalb da, wo das nicht so ist. Aber solche Kriterien sollten besser nicht den Ausschlag geben.

Studiengebühren bleiben ein Streitthema. Nicht nur Studenten fordern seit langem ihre Abschaffung. Auch die Politiker sind sich keineswegs einig über sie. Das führt dazu, dass Studienanfänger in einigen Ländern zur Kasse gebeten werden, in anderen nicht. Im Prinzip ist es also ein Leichtes, bei der Studienwahl den Gebühren aus dem Weg zu gehen. Die Mühe zahlt sich auf lange Sicht aber nicht immer aus.

In fünf Ländern müssen Studenten derzeit bis zu 500 Euro pro Semester zahlen. Theoretisch gibt es also genug Raum, um den Gebühren auszuweichen. Also einfach in eines der gebührenfreien Länder umziehen? Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk (DSW) in Berlin rät davon ab - zumindest, wenn das der einzige Grund für einen Wechsel ist. „Auf das Wunschfach und die Wunschuni zu verzichten, das macht nur unglücklich”, sagt er. Außerdem ist ein Umzug nicht nur mit Kosten verbunden. Auch die Kontakte bleiben zurück.

Erst recht schwierig wird es, während des Studiums vor den Gebühren zu flüchten. Denn nicht immer werden alle bislang erbrachten Leistungen bei einem Hochschulwechsel anerkannt. Auch bleibt es schwer abschätzbar, wie sich die Situation in Deutschland entwickelt. Hessen und das Saarland haben eine zeitlang Gebühren erhoben, sie dann aber wieder abgeschafft. Wer vorher weggezogen war, um Geld zu sparen, hatte sich verrechnet. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen bleibt abzuwarten, ob dort die Gebühren wieder kassiert werden.

Mitunter lohnt es sich aber, auf Gebührenunterschiede innerhalb eines Bundeslandes zu achten. So müssen Studenten in Bayern und Nordrhein-Westfalen nicht an allen Hochschulen dasselbe zahlen.

Die erwartete Massenflucht aus den Gebührenländern ist vorerst ausgeblieben: Nach den Zahlen der jüngsten Sozialerhebung vom DSW gibt es nur marginale Verschiebungen. „Wir haben eher eine Gebührenvermeidungsstrategie wahrgenommen”, erklärt Wolfgang Isserstedt vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover, das die Zahlen erhoben hat.

„Junge Leute, die aus gebührenfreien Ländern kommen, wandern weniger in gebührenpflichtige Länder ab.” Wechselten 2006 innerhalb der alten Bundesländer noch 25 Prozent der Befragten von einem gebührenfreien in ein gebührenpflichtiges Land, waren es 2009 nur noch 22 Prozent.

Das Statistische Bundesamt hat ähnliche Ergebnisse verzeichnet. Demnach haben die Gebührenländer Bayern und Nordrhein-Westfalen im Jahr 2008 zwar Studenten verloren. Hamburg und Baden-Württemberg verbuchten dagegen einen Zugewinn an Studenten aus anderen Bundesländern - trotz der Einführung der Studiengebühren.

Wer in einem Gebührenland bleibt oder für das Studium dorthin zieht, sollte sich zunächst Befreiungsmöglichkeiten informieren. So werden häufig Studenten mit Kindern von den Zahlungen verschont, ebenso wie Behinderte oder Studenten, von denen bereits mehrere Geschwister Gebühren zahlen.

Außerdem lohnt es sich, die Aufnahme eines Gebührendarlehens zu erwägen, die von den Landesbanken und der KfW-Förderbank angeboten werden. Bisher nehmen erst 11 Prozent der Gebührenzahler ein solches Darlehen in Anspruch, hat das DSW ermittelt.

Bei der großen Mehrheit (59 Prozent) kommen die Eltern für die Extrakosten auf. Wenn Vater oder Mutter sich das nicht leisten können, bleibt Studenten nur eins: Mehr jobben. Gerade Studenten aus „bildungsfernen” Elternhäusern müssen dem DSW zufolge jetzt mehr arbeiten, um sich das Studium leisten zu können.

Insgesamt arbeiten heute zwei Drittel (66 Prozent) aller Studenten neben ihrem Studium. Das sind drei Prozentpunkte mehr als 2006. Fast jeder dritte Student (30 Prozent) gab an, die Studiengebühren mit eigenem Verdienst zu finanzieren.

Diese Zahlen verwundern Patrick Schnepper von der Universität Köln nicht, der das Problem als zweiter Asta-Vorsitzender seit längerem beobachtet: „In den vergangenen Jahren haben viel mehr Studenten angefangen, nebenher zu arbeiten.”

Problematisch ist das deshalb, weil die Zeit, die fürs Jobben draufgeht, später zum Lernen fehlt. „Die Belastungen steigen für die Studenten, das sehen wir hier in den Beratungen fast täglich”, erzählt Schnepper. Die DSW-Zahlen untermauern das: Im Schnitt jobben Studenten neben Vorlesungen und Seminaren rund 13,5 Stunden die Woche. Für nicht wenige führt das zu einer Gesamtbelastung von mehr als 50 Stunden in der Woche.

Schlimmstenfalls sorgen die Gebühren indirekt so dazu, dass Studenten überlastet werden und schlecht abschneiden. Der psychischen Druck hat in jedem Fall zugenommen, hat Schnepper beobachtet. „Der Stresspegel steigt”, sagt der Studentenvertreter.

In fünf Ländern werden derzeit Studiengebühren erhoben: Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In Baden-Württemberg und Niedersachsen müssen größtenteils 500 Euro pro Semester gezahlt werden. Ähnlich ist es in Nordrhein-Westfalen - obwohl es dort den Hochschulen freigestellt ist, weniger oder gar nichts zu verlangen. In Hamburg beträgt die Gebühr 375 Euro. In Bayern werden an Universitäten und Kunsthochschulen 300 bis 500 Euro, an Fachhochschulen 100 bis 500 Euro fällig.

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