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FH Rektor Baumann: „Die große Freiheit ist nicht missbraucht worden“

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baummja6 17.01.2014 Interview Prof. Dr. Marcus Baumann, FH Rektor, bb, tka

Aachen. Der doppelte Abiturjahrgang hat auch der Fachhochschule Aachen ein Jahr der Superlative beschert. Über 12.000 Studierende zählt die FH Aachen nun, mehr als 3000 davon sind Erstsemester. Da gibt es alle Hände voll zu tun und dann wird – wie überall in NRW – die Arbeit vom Entwurf eines neuen Hochschulgesetzes überschattet, dessen Auswirkungen noch nicht abzusehen sind.

Über die Situation an der FH Aachen im Wintersemester 2013/2014 und die weiteren Aussichten berichtet Rektor Professor Marcus Baumann im Interview mit Bernd Büttgens und Thorsten Karbach.

Welches Selbstverständnis hat die FH Aachen?

Baumann: Wir bilden für den primären Berufsmarkt aus. Wir wollen, dass unsere Bachelorabsolventen erfolgreich arbeiten können und dies möglichst auch in der Region. Wir fühlen uns als Fachhochschule der Region besonders verbunden. Wir wollen die Region stärken, in dem wir die jungen Ingenieurinnen und Ingenieure bereitstellen, die hier gebraucht werden, und zum Zweiten wollen wir bei praxisnaher Forschung und Entwicklung erster Ansprechpartner für die kleine und mittelständische Industrie sein. Wir leben nach dem Prinzip: Mit dem, was heute bei uns entwickelt wird, soll morgen jemand in der Region Geld verdienen.

Das Fachhochschulprinzip greift aber überall. Was ist das Besondere speziell an dieser Region?

Baumann: Jede Fachhochschule wird versuchen, die genannten Impulse zu setzen. Die einen mehr, die anderen weniger. Wir sind sicher bei denen, die das mehr tun. Aber wir sind hier in der besonderen Situation des Dreiländerecks, die Euregio spielt bei uns eine wichtige Rolle und bietet besondere Möglichkeiten: Wir öffnen uns in die Niederlande und nach Belgien, wo der deutschsprachige Teil nicht über eine eigene Hochschule verfügt. Der Einfluss aus Belgien und den Niederlanden ist definitiv etwas Besonderes.

Und darüber hinaus?

Baumann: Ich bin der Meinung, dass diese Region eine Industrieregion ist. Aber die Industrie hat sich nicht so etablieren können wie anderswo. Das ist eine Fehlentwicklung, der wir entgegenwirken müssen. Auf der anderen Seite ist diese Region ganz klar eine Wissensregion mit Forschungszentrum, Fraunhofer-Instituten, der Exzellenz-Universität RWTH und einer sehr guten Fachhochschule, die in vielen Rankings vorne steht. Das ist ein Pfund, mit dem diese Region wuchern muss. Dabei ist der Dialog mit der Industrie ganz wichtig. Wenn hier aus dem mittelständischen Gewerbe eine Anfrage kommt, sind wir in der Lage eine integrierte Lösung zu finden. Wir stellen fest, dass wir in den letzten drei, vier Jahren mehr Anfragen bekommen, aber das kann noch viel mehr werden.

Wie stellen Sie Ihre Hochschule in Gesprächen dabei vor?

Baumann: Ich erzähle über die Entwicklung der Studierenden, das ist eine besondere Kenngröße. Seit ich Rektor bin, sind mehr als 3000 Studierende hinzugekommen. Eine weitere wichtige Zahl ist die der eingeworbenen Drittmittel – 15,2 Millionen Euro in 2013: Da können wir zeigen, dass wir in der Forschung sehr aktiv sind. Gute Lehre kann man nur machen, wenn man Forschung auf hohem Niveau betreibt.

Verblüffend ist die Vielzahl der Studiengänge. Ist das gut oder zerfasert das Angebot?

Baumann: Mit dieser Frage beschäftigen wir uns intensiv. Der Bachelor soll eigentlich der Generalist und der Master der Spezialist sein. Aber es gibt immer mehr Spezialfälle, auch die Berufsausbildung hat sich gewandelt. Dem müssen wir Rechnung tragen, weil das auch von der Industrie erwartet wird. Wir durchforsten ständig unser Angebot, ob Studiengänge auf Dauer gebraucht werden.

Welche neuen Studiengänge sind richtig durchgeschlagen?

Baumann: Ein tolles Beispiel ist der Energiewirtschaftsinformatiker. Im Gespräch mit der Industrie ist ein Bedarf in diesem Bereich diagnostiziert worden. Wir haben Stromnetze, die vielfach genutzt werden, in denen die IT eine große Rolle spielt. In diesem Masterstudiengang können die Studierenden das dafür nötige integrierte Wissen erwerben. Die Industrie unterstützt dieses Vorhaben, so dass wir auch eine Stiftungsprofessur für fünf Jahre haben. Und wir sind zuversichtlich, dass die sich dann amortisiert hat. Ohne große Werbung haben wir außerordentlich viele Studierende, die sich dafür interessieren. Das wird ein Renner.

Wie kommunizieren Sie so einen Studiengang?

Baumann: Wir gehen an die Schulen und auf Messen. Aber auch damit ist es nicht immer getan. Wir haben zum Beispiel das Problem in der Nukleartechnik. Das Thema ist inzwischen so negativ besetzt, dass es keiner mehr studieren will. Wir haben einen Masterstudiengang Nuclear Applications, und das hat nichts mit dem Betreiben von Atomkraftwerken zu tun, da werden uns die Leute lange vor der Abschlussarbeit aus der Hand gerissen. Wir haben aber viel zu wenig junge Menschen, die das studieren wollen, und wir müssen uns eine neue Vermarktungsstrategie überlegen.

Insgesamt verändern sich mit dem Hochschulzukunftsgesetz die Spielregeln. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat Änderungen des viel kritisierten Entwurfs angekündigt. Was würden Sie verändern?

Baumann: Ein Punkt ist ganz wesentlich: Ich habe in meiner Leitungsfunktion als Rektor das Hochschulfreiheitsgesetz kennengelernt und habe es als sehr liberal empfunden. Das war ein unglaublicher Segen. Wir hätten es niemals geschafft, diesen Ansturm von Studierenden – innerhalb von vier Jahren mehr als 3000 Leute zusätzlich – zu bewältigen, wenn wir nicht diese Freiheiten gehabt hätten. Dass die nun eingeschränkt werden soll, drückt ein Misstrauen aus, das ich nicht verstehe. Die große Freiheit ist von den Hochschulen nicht missbraucht worden. Im Gegenteil. Vor diesem Hintergrund mutet es schon sehr merkwürdig an, dass der Gesetzesentwurf Möglichkeiten vorsieht, dass das Ministerium mittels des Instruments der Rahmenvorgaben Detailsteuerung betreiben kann. Dafür sehe ich keine Notwendigkeit. Es wird zwar beteuert, dass diese nicht eingesetzt werden sollen. Aber dann brauchen wir sie auch nicht.

Welche Probleme sehen Sie darüber hinaus?

Baumann: Es wird gesagt, die Transparenz wäre nicht gegeben. Das verstehe ich nicht. Jederzeit kann das Ministerium alle Vorgänge einsehen, wir haben noch nie Daten verweigert. Wir werden öffentlich finanziert, da ist es doch keine Frage, dass wir unsere Daten zur Verfügung stellen. Vielleicht kann man sich darüber unterhalten, ob unsere Berichte anders verfasst werden müssen. Es ist klar, dass öffentlich finanzierte Einrichtungen eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben. Das gilt auch für die Auswahl der Forschungsprojekte.

Das ließe sich auch über einen Erlass regeln...

Baumann: Ich denke, man sollte Vertrauen in die Hochschulen haben. Aber wenn wir als einziges Bundesland gezwungen werden, bedingungslos unsere Forschung offenzulegen, dann wandern die Unternehmen ab. Oft will ein Unternehmen einfach nicht, dass bekannt wird, dass es über eine bestimmte Fragestellung nachdenkt. Da darf ich noch nicht mal das Thema nennen. 70 Prozent der Diplomarbeiten, die ich betreut habe – weit über 100 – dürfen bis heute nicht veröffentlicht werden. Die lagern immer mindestens fünf Jahre im Stahlschrank. Das kommt doch nicht von ungefähr. Da ist ein Konkurrenzgedanke. Wenn es darum geht, Missbrauch zu verhindern, muss das Ministerium das anders regeln.

Das Gesetz wird auch mit Bildungsgerechtigkeit und hohen Abbrecherquoten begründet.

Baumann: Da bin ich völlig bei der Ministerin. Wir wollen nicht, dass junge Leute abbrechen. Und wir kümmern uns um dieses Problem. Wir haben ein Mentorenprogramm eingerichtet, die Studierenden werden viel mehr an die Hand genommen als früher. Die Abbrecherquoten sind aber immer noch zu hoch. Die Gründe liegen oft in einer falschen Vorstellung von einem Fach. Dass man beispielsweise für Biotechnologie ganz harte Ingenieurwissenschaften braucht, wird dann gerne übersehen.

Was können Sie dagegen tun?

Baumann: Da müssen wir mehr Aufklärungsarbeit leisten und sind dabei, unsere Broschüren und unser Informationsmaterial zu überarbeiten – auch unter Nutzung von Facebook. Wir wollen aber auch diejenigen, die eine falsche Entscheidung getroffen haben, nicht im Regen stehen lassen. Da haben wir Vereinbarungen mit der IHK und der Handwerkskammer, die diesen Leuten den Einstieg in eine Lehre erleichtern.

Und es geht um die Gleichberechtigung von Mann und Frau…

Baumann: Bei diesem Thema gibt es nachvollziehbare Kritik, dass bislang zu wenig passiert ist. Dass da der Ruf laut wird, mehr zu reglementieren, kann ich verstehen. Dafür bin ich auch offen. Aber dafür braucht es kein neues Gesetz. Bei uns zu fordern, den Frauenanteil – was als Ziel völlig legitim ist – auf 50 Prozent anzuheben, das geht doch gar nicht, wenn nur zwei oder drei Prozent in dieser Zeit in den Ruhestand gehen.

Der Druck auf das Ministerium ist groß. Was wird beim Gesetz am Ende rauskommen?

Baumann: Ja, der Druck ist groß. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Ministerin immer ein offenes Ohr hat. Und ich glaube, dass sie aus ehrlichen und guten Gründen bestimmte Aspekte in das Gesetz aufgenommen hat. Ich finde es gut, dass sie mehr Mitbestimmung für die Studierenden und die Mitarbeiter einfordert, auch wenn uns das unter Umständen das Leben schwerer macht. Wir wollen junge Leute für Führungspositionen in der Industrie ausbilden, da müssen sie frühzeitig lernen, Verantwortung zu tragen. Und dazu gehört, dass ihnen Rechte zur Mitsprache eingeräumt werden. Aber in den genannten Bereichen sehe ich Probleme.

Wenn Sie als Rektor nach vorne blicken: In welche Richtung wollen Sie diese Fachhochschule entwickeln?

Baumann: Wir sind in einer ganz spannenden Zeit, weil die Grenzen zwischen Universitäten und Fachhochschulen verwischen. Wir haben dasselbe Studienangebot, wir haben Bachelor und Master, wir haben das verbriefte Recht, als Fachhochschule zu forschen. Wir werden nie eine Exzellenzuniversität. Aber wir wollen eine Fachhochschule sein, in der Lehre und Forschung auf sehr hohem Niveau stattfindet. Wir möchten in Zukunft auch mehr auf ausländische Studierende setzen, und wir werden es auch müssen, weil wir den Ingenieurbedarf schon jetzt nicht erfüllen können. Und das wird in Zukunft noch viel schlimmer.

Haben Sie dafür die ausreichende Ausstattung?

Baumann: Ich habe in den Siebzigern an der RWTH Biologie studiert. Da wurde in der Industrie schon an Rechnern gearbeitet, während wir noch keinen Computer hatten. Wir können heutzutage zwar nicht das Niveau der Industrie haben, aber es kann nicht sein, dass unsere Leute nicht wissen, welche Technik sie dort erwartet. Ich bin deswegen auch ein Freund der Studienbeiträge. Wir haben mit ihnen einen Investitionsstau wettmachen können. Wir konnten die besten Geräte anschaffen und haben ein Zettelchen draufgeklebt: Finanziert mit Studienbeiträgen. Das fanden die Studierenden richtig gut. Dieses Geld haben wir nun nicht mehr, trotz der Kompensationsmittel, und jede Hochschule muss sich Gedanken machen, wo sie weiteres Geld akquiriert

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