FH Aachen: Eine Erfolgsgeschichte des Eigensinns

Von: Axel Borrenkott
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„Ihr seid mir die liebsten, a
„Ihr seid mir die liebsten, aber nicht die teuersten”: Johannes Rau, der erste Wissenschaftsminister in NRW, wusste die Sparsamkeit der Fachhochschule Aachen charmant zu schätzen. Hier im Gespräch mit Gründungsrektor Helmut Strehl (links), Anfang der 1970er Jahre. Reproduktion: Strehl

Aachen/Jülich. Die Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen, so auch die Aachener, werden 40 Jahre alt. Nachdem das landesweite Jubiläum im September mit einem Festakt im Landtag begangen wurde, feiert die FH Aachen ihren Geburtstag in der kommenden Woche.

Wie fing das alles an Ende der 1960er Jahre? Die Gründer erinnern sich noch lebhaft an jene aufregenden Zeiten, in denen sie „mit minimalen Mitteln, aber viel Eigeninitiative” Tag um Tag und an ungezählten Abenden zusammenhockten, um aus fünf höheren Fach- und Ingenieurschulen in Aachen und Jülich eine richtige Hochschule zu machen, die heute zu den größten und forschungsstärksten Fachhochschulen Deutschlands zählt.

Seit Mitte der 1960er Jahre war das Dauerthema „deutsche Bildungskatastrophe” in allen Regierungen von Bund und Land sprichwörtlich. Das Universitätswesen war nicht nur unter den Talaren vermufft, viel zu wenig Jugendliche hatten zu höherer Bildung, die Studenten rebellierten, der tertiäre Bereich mit einem Sammelsurium von Fachschulen war völlig ungeordnet. Ein Reformpapier jagte das nächste, bis sich 1968 die elf Ministerpräsidenten der Länder auf ein „Abkommen zur Vereinheitlichung auf dem Gebiet des Fachhochschulwesens” einigten.

Nordrhein-Westfalen beschloss am 29. Juli 1969 sein Fachhochschulgesetz, zum 1. August 1971 wurden aus den rund hundert öffentlichen und privaten Ingenieurschulen und höheren Fachschulen die ersten 15 staatlichen Fachhochschulen; heute sind es 16. Ihr Bildungsauftrag: „Die Fachhochschulen vermitteln durch praxisbezogene Lehre eine auf wissenschaftlicher oder künstlerischer Grundlage beruhende Bildung, die zu selbstständiger Tätigkeit im Beruf befähigt.”

Forschung nur geduldet

Selber zu forschen war zwar nicht verboten, wurde in den ersten Jahren vom Ministerium aber allenfalls geduldet und erst recht nicht gefördert. Und den, heute in ausgeschriebener Form meist verschwundenen Namen „Fach”-Hochschulen empfand man dort von Anfang an als unglücklich.

Die Aachener und Jülicher jedenfalls hatten ihren wissenschaftlichen Anspruch schon von den fünf Vorgängereinrichtungen mitgebracht, die mit Ausnahme der Jülicher Ingenieurschule (1957 gegründet) seit 1900 oder noch länger existierten: Die staatlichen Ingenieurschulen für das Textilwesen, für das Bauwesen, für das Maschinenwesen sowie die Werkkunstschule Aachen. Neu hinzu kam nur der Fachbereich Wirtschaft. Mit 3151 eingeschriebenen Studenten legte man im Wintersemester 1971/72 los. Zunächst wurde auch noch das Fach Kerntechnik angeboten in Verbindung mit der KFA Jülich. Die Textiltechnik wanderte später nach Mönchengladbach ab.

„Die Fachhochschule war eigentlich keine Neugründung, sondern der erfolgreiche Zusammenschluss bestehender Einrichtungen”, erinnert sich Gründungsrektor Helmut Strehl (79). „Eine besonders reiche Erbin”, wie Hildegard Reitz (81) hinzufügt. Zusammen mit einer kleinen Schar von Professoren und Studenten waren der Bauingenieur und die Kunsthistorikerin und Leiterin der damaligen Werkkunstschule die prägenden Gestalten jener „stürmischen Aufbauphase”.

Strehl hatte anfangs nicht einmal einen eigenen Schreibtisch, keine Sekretärin, keinen Pfennig für Öffentlichkeitsarbeit, und auch erst seit 1973 mit dem dann langjährigen Kanzler Peter Reusch einen richtigen Verwaltungschef.

Alle paar Jahre kamen aus Düsseldorf - ein Wissenschaftsministerium gab es mit Johannes Rau erst seit 1970 - und auch aus Bonn ein Gesetz nach dem anderen, bis das deutsche Hochschulwesen so einigermaßen reformiert war. „Wir haben aber nie gewartet”, erzählt Reitz. Wenn ein Kollege forschen wollte, haben andere zusammengelegt. Forschung gehörte erst seit 1979 zum Auftrag der Fachhochschulen. Reitz: „Doch wir waren die erste Hochschule in Deutschland überhaupt, die einen Windkanal hatte. Den hätten wir niemals kaufen dürfen. Aber wir konnten ihn bauen.”

Kampf um Anerkennung

Ein großes Thema, das einem recht aktuell vorkommt, war die Anerkennung der Abschlüsse. „Dafür hat Strehl unheimlich viel getan”, lobt Reitz ihren Kollegen, der dann nicht nur bis 1984 Rektor in Aachen war, sondern auch lange in Rektorenkonferenzen wirkte.

Anfangs hießen die vormals graduierten Fachhochschul-Absolventen noch Dipl.Ing., später mussten sie dann das (FH) anhängen. Ein entsprechendes Urteil hatten die Universitäten erwirkt. Wichtiger war allerdings die - von Strehl maßgeblich betriebene - Anerkennung der deutschen Diplome in Europa seit den 1980er Jahren.

Auch die - seit den 1990ern von Rektor Hermann Josef Buchkremer rasant ausgedehnte - Internationalität geht auf die Ära Strehl zurück. Die erste Partnerschaft wurde noch in den 1970er Jahren mit der Universität von Coventry geschlossen. Es folgten Frankreich und Irland.

Der „emotionalste Moment in meiner Karriere” sei es für ihn gewesen, in der berühmten Kathedrale von Coventry zum „Lifelong Fellow”, zum lebenslangen Ehrenmitglied der Uni gekürt zu werden. Auch die Gründung der Partnerhochschule im chinesischen Ningbo, aus der dann die Städtepartnerschaft mit Aachen hervorging, war Strehls Werk.

Einen seiner „größten Erfolge” nennt Strehl allerdings, und wohl zurecht, „die Abteilung Jülich zu retten”, die Düsseldorf Anfang der 1980er Jahre schließen wollte.

Nach seiner letzten Amtszeit, habe ihm Johannes Rau, nunmehr als Ministerpräsident, gesagt: „Wir haben da so ein China-Projekt, machen Sie das mal.” Mit Rau „hatten wir immer ein gutes Verhältnis”, und unzählige Verhandlungen über Studien- und Prüfungsordnungen, Personalstellen und Ausstattung. „Da bin ich oft mit dem Studentenvertreter Harry Voigtsberger nach Düsseldorf gefahren und wir haben im Auto unsere Haltungen abgestimmt.”

Vom Einsatz des heutigen sozialdemokratischen Wirtschaftsministers („sehr vernünftig, trotz 1968”) und auch vieler anderer Studenten für den Aufbau der Fachhochschule ist auch Hildegard Reitz heute noch hörbar angetan. „Die kamen dann von einer Demo in meine Wohnung, ich hatte einen Kasten Bier besorgt. Und dann wurde diskutiert und geplant, wie es weiterging.”

1984 wurde Hildegard Reitz zur ersten Frau an der Spitze einer deutschen Hochschule überhaupt gewählt. „Als Helmut Strehl das Amt an mich weitergab, war das Schiff FH Aachen nach überstandenem Unwetter und einigen Stürmen in vergleichsweise ruhigen Gewässern unterwegs”, resümiert Hildegard Reitz, die 1987 Aachener Kulturdezernentin wurde, ihre Rückschau.

Und heute? Marcus Baumann (55), seit zwei Jahren Rektor der FH, hat da eine Flotte von ganz anderer Dimension über die zwar nicht mehr katastrophale, doch wieder ziemlich unruhige See des deutschen Hochschulwesens zu steuern. Der umfangreiche Meeresbiologe, dem man mit dem Beinamen Seebär kein Unrecht tut, leitet ein Hochschul-Unternehmen mit rund 500 Mitarbeitern und über 200 Professoren.

Mehr als 10.000 Studierende

Gut 9500, infolge der Doppelabiturs demnächst mehr als 10.000 Studierende können unter 48 Bachelor-Studiengängen - von Angewandte Chemie bis Wirtschaftsingenieurwesen - sowie 20 Master-Studiengängen - von Aerospace Engineering bis Telekommunikationstechnik - wählen.

Die Fachbereiche am aufgeblühten Standort Jülich - Chemie- und Biotechnologie, Medizintechnik sowie Energietechnik - konnten im vergangenen Jahr einen stattlichen Neubau beziehen. Insgesamt ist die FH Aachen, nach Köln und Krefeld die drittgrößte Fachhochschule in NRW, eine vorwiegend technische Hochschule geblieben. Sie bietet seit Neuestem aber auch zum Beispiel eine akademische Ausbildung in Physiotherapie an. Mit solchen dualen Studiengängen, einer Kombination aus betrieblicher und Hochschul-Ausbildung, will sich die FH für eine noch breitere Klientel interessant machen.

Der Rektor muss auch nicht mehr, wie weiland Strehl, Texte für seine Hochschule selber tippen. Eine ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit unter Leitung von Roger Uhle versorgt alle möglichen Interessenten mit umfangreichen Darstellungen. Eine gerade erschienene Broschüre „Forschung und Entwicklung an der FH Aachen” demonstriert auf über hundert Seiten Fach für Fach, Professor für Professor, auf welche Kompetenzen die regionale Wirtschaft zugreifen kann. Die FH gehört heute - von der Politik nachdrücklich gewollt und gefördert - zu den forschungsstärksten Fachhochschulen Deutschlands.

„Die gesellschaftliche Anerkennung der Fachhochschulen ist weitestgehend erreicht”, sagt Baumann. Nicht weniger als 70 Prozent aller in Deutschland beschäftigten Ingenieure haben einen FH-Abschluss. Es gehe nicht mehr um die Frage unterschiedlicher Qualität zwischen Universitäten und Fachhochschulen, sondern um die persönliche Zielsetzung der Studierenden.

„Lehre und Forschung mit Herz”

„Wer schon vor dem Studium weiß, dass er einmal Professor werden will, der sollte zur Uni gehen.” Wer das während des Studiums merkt, hat inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, seine Promotion über Partnerschaften der national und international vernetzten FH zu organisieren.

Die FH Aachen, eine Erfolgsgeschichte, Herr Rektor?: „Ja klar! 40 Jahre FH Aachen, das sind 40 Jahre Lehre und Forschung mit Herz und Engagement, mit Energie und Verstand. Wir bieten jungen Frauen und Männern ein hervorragendes Studium, in den Ingenieurwissenschaften genauso wie in den Wirtschaftswissenschaften und im Design. Unsere Studierenden haben beste Chancen, einen guten Job zu finden, damals wie heute. Deswegen möchte ich mich auch bei allen bedanken, die daran in den letzten 40 Jahren mitgewirkt haben.”

Die RWTH gratuliert ganz herzlich

Ein besonders geschätzter Geburtstagsgruß erreichte die FH von der RWTH Aachen, von Rektor Ernst Schmachtenberg persönlich und handschriftlich. Er schreibt:

Lieber Herr Kollege Baumann, ganz herzliche Glückwünsche zum 40. Geburtstag der FH Aachen. Ich glaube, unsere beiden Einrichtungen haben sich in dieser Zeitspanne besonders gut ergänzt, so dass sich dieser herausragende Wissenschaftsstandort entwickeln konnte.Da ich leider wegen Begutachtungen nicht an Ihrer Feier teilnehmen kann, möchte ich auf diese Weise meine Gratulation mit einem „Weiter so” verbinden, Ihr Ernst Schmachtenberg.

„Die FH wird 40 - feiern Sie mit

Die 40-Jahr-Feier der FH Aachen findet in der nächsten Woche an vier Tagen statt.

Am Dienstag, 11. Oktober, spricht der langjährige, erste Honorarprofessor und Ehrengast des Jubiläums, der Raumfahrt-Wissenschaftler Jesco Freiherr von Puttkamer, beim „Spiegel-Gespräch - live in der Uni” mit dem Spiegel-Redakteur Olaf Stampf über die Zukunft der bemannten Raumfahrt. 18 Uhr, Eupener Straße 70, Raum 027. Anmeldung nicht nötig, Eintritt frei.

Donnerstag, ab 10 Uhr offzieller Festakt mit geladenen Gästen im Gebäude Bayernallee.

Freitag, 14. und Samstag, 15. Oktober lädt die FH die Öffentlichkeit jeweils ab 19 Uhr auf den Katschhof in Aachen. Prof. Rainer Plum präsentiert dort eine Lichtkunstaktion des Fachbereichs Gestaltung.

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