Fast 3000 Studenten demonstrieren für bessere Bildung

Von: Oliver Schmetz
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Bundesweiter Bildungsstreik auch in Aachen: Fast 3000 Studenten und Schüler zogen gestern durch die Innenstadt und das Hochschulviertel - wie hier am SuperC. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der junge Mann, der da mit dem Mikro in der Hand auf dem Autodach sitzt, schaut nach hinten und kann gar nicht richtig fassen, was er da sieht. „Sensationell”, sagt er nur, und meint den langen Zug aus Menschen, der dem Wagen folgt. Und dieser ist in der Tat imposant.

Als der Wagen oben die Kreuzung Jakobstraße/Karlsgraben erreicht, ist der Löhergraben bis weit nach unten in den Alexianergraben hinein schwarz vor Menschen.

Seit die Demo am Theater losgezogen ist, ist sie stetig angewachsen - und die Polizei korrigiert laufend ihre Schätzungen: 1000 Teilnehmer sind es zuerst, dann 2500, am Ende ist von fast 3000 „in Spitzenzeiten” die Rede. „Einfach sensationell”, sagt der junge Mann mit dem Mikro noch einmal.

Da staunen selbst Optimisten

Der Bildungsstreik der Aachener Schüler und Studenten ist eine der größten Demos, die die Stadt in den vergangenen Jahren gesehen hat. Und diese Resonanz erstaunt auch die größten Optimisten unter den Organisatoren des Protests. Dazu muss man wissen, dass diese in den Tagen zuvor gerade einmal mit einigen Dutzend Leuten einen RWTH-Hörsaal besetzt hatten. Und man muss wissen, dass die letzte Bildungsstreik-Demo im Juni 800 Menschen angelockt hat. 1000 hatten sie diesmal angemeldet, von 2000 vielleicht geträumt, und jetzt das.

Dabei hatte man auf zwei Teilnehmer ganz bewusst verzichtet. Als mutmaßliche Neonazis waren diese in der Menge am Startpunkt Theaterplatz von den Veranstaltern identifiziert worden - und wurden von der Polizei ohne viel Aufhebens aussortiert und auf den Heimweg geschickt. Es bleibt der einzige Moment der Demo, an dem sich bei einigen der Pulsschlag leicht beschleunigt. „Keine besonderen Vorkommnisse”, vermeldet die Polizei später, „alles ganz friedlich.”

Friedlich ja, aber nicht leise. Mit Mikros, Megaphonen und Lautsprechern, mit Trillerpfeifen, Transparenten und Sprechchören ziehen die Demonstranten gegen die „Bildungsmisere” ins Feld. „Reiche Eltern für alle”, fordert ein Plakat angesichts der Studiengebühren, „Lernst Du noch oder zahlst Du schon?”, fragt ein anderes. Und der in Großbuchstaben aufgemalte Berufswunsch gibt bissig wieder, was mancher Schüler oder Student im heutigen Bildungssystem empfindet: „Wenn ich groß bin, werde ich Humankapital.”

Zwischenstops an Schulen

Am St.-Leonhard-Gymnasium und am Kaiser-Karls-Gymnasium legt der Demozug Zwischenstopps ein. „Schließt euch an”, schallt es zu den Fenstern hoch. Die Resonanz ist überschaubar - und am KKG unmissverständlich. Einer der Arbeiter an der dortigen Baustelle fühlt sich offenbar angesprochen und zeigt den Demonstranten einen Vogel.

Freundlicher ist der Empfang am RWTH-Hauptgebäude. Dort steht zwar die Hochschulwache vor dem Eingang, aber auch der Kanzler. „Rein zufällig” sei er gerade durch die Tür gekommen, sagt Manfred Nettekoven, zeigt Verständnis für die Sorgen der Studierenden und spricht mit ihnen. Den Abschluss findet das Ganze am Münsterplatz. Der junge Mann vom Autodach steht jetzt mit seinem Mikro auf einer Bühne, aber das, was er da vor sich sieht, kann er immer noch nicht so richtig fassen: „Sensationell”, sagt er.
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