Experten für Sinnfragen: Philosophen sind an vielen Stellen gefragt

Von: Andreas Heimann, dpa
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Philosophie
Philosophie galt lange als brotlose Kunst. Aber das ist sie nicht. Längst gibt es für Absolventen in dem Fach einen Arbeitsmarkt auch außerhalb der Universitäten. Und manches deutet darauf hin, dass ihre Chancen auf eine feste Stelle spürbar besser werden. Foto: dpa

Hamburg/Berlin. Über das Thema „Was ist Philosophie?” sind schon regalmeterweise Bücher geschrieben worden. Und über die Frage „Was macht man nach einem Philosophiestudium?” haben sich Generationen von Eltern die Haare gerauft, wenn ihre Kinder sich dafür entschieden haben.

Dem Klischee zufolge sind Philosophen weltfremde Bewohner des Elfenbeinturms und für den Arbeitsmarkt nicht zu gebrauchen. Aber das stimmt nicht: Ihre Qualifikationen sind sogar zunehmend gefragt.

Und auch das Klischee selbst sei falsch, sagt Prof. Michael Quante, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Philosophie: „Man hat oft den klassischen Bücherwurm vor Augen. Aber Philosophen sind geistig bewegliche und gesellschaftlich interessierte Menschen”, betont Quante, der in Münster Philosophie lehrt.

Interessante Spezialisierungen möglich

Philosophie sei zwar ein Bildungsstudium und keine Ausbildung für einen bestimmten Beruf, ergänzt Prof. Georg Bertram von der Freien Universität Berlin. „Man kann damit genauso Lehrer werden wie Unternehmensberater.” Die Chancen, mit einem Philosophie-Abschluss in einen Beruf zu bekommen, seien aber besser geworden. Nicht zuletzt mit dem Bachelor-Master-System, ergänzt Quante.

„Viele nutzen das Philosophie-Bachelorstudium, um sich zu orientieren.” Anschließend gebe es eine Auswahl an Masterangeboten, die Spezialisierungen ermöglichen, etwa „Philosophy, Politics and Economics”. Das sind Studiengänge, bei denen Philosophie mit Inhalten anderer Fakultäten kombiniert wird. „Mit einem B.A. in Philosophie kommt man gut in anderen Masterstudiengängen unter”, sagt Quante.

Diese neuen Möglichkeiten, über den eigenen Tellerrand zu schauen, findet auch Richard David Precht gut. Der Autor, der im Wintersemester eine Honorarprofessur für Philosophie in Lüneburg übernimmt, hält es für wichtig, dass Philosophie-Studenten sich auch mit anderen Fächern beschäftigen: „Ich wollte Biologie und Philosophie studieren, aber damals war das gar nicht möglich.” Dabei sei es eine große Chance für Philosophen, Wissenschaftler miteinander ins Gespräch zu bringen. Dafür sei es aber wichtig, sich nicht nur mit Philosophie auszukennen, sondern zum Beispiel auch mit Psychologie oder mit Ökonomie, Biologie oder Jura zu kombinieren.

Die Berufsaussichten seien auch deshalb besser geworden, weil in vielen Bereichen philosophische Kompetenz verstärkt gefragt ist, sagt Prof. Quante. „Der Bedarf an praktischer und angewandter Ethik steigt”, betont der Philosoph. Auch Wirtschaftsunternehmen stellten verstärkt Philosophen ein.

Und auch Schulen sind ein zunehmend wichtiges Arbeitsfeld: Viele Bachelor-Absolventen satteln einen Lehramts-Master drauf, hat Quante beobachtet. Auch deshalb, weil es heute viel mehr Ersatzfächer für Religionsunterricht gibt als noch vor 20 Jahren - als Lehrer sind dafür insbesondere Philosophie-Absolventen gefragt.

Isabel von Wilcke ist auf Umwegen zur Philosophie gekommen: Eingeschrieben hatte sie sich für Angewandte Kulturwissenschaften. Kulturphilosophie wurde bald ein Schwerpunkt. „Ich habe mich in Platons Texte verliebt”, erzählt sie. „Es hat mich fasziniert, dass sie 2500 Jahre alt sind und wie der Phaidros auch auf unser Medienzeitalter zutreffen.” Der besondere Reiz bestand gerade darin, an antike Texte mit modernen Fragestellungen heranzugehen.

An der Philosophie schätzt sie aber auch, dass sie einen dazu bringt, den eigenen Horizont zu erweitern. „Und es fördert das logische Denken.” Inzwischen hat sie schon einige Erfahrung als Tutorin in der Betreuung jüngerer Studenten im Bachelor-Fach Philosophie und ihre eigene Magisterarbeit fertig. Die Lust auf die Beschäftigung mit philosophischen Themen ist dadurch noch größer geworden. Am liebsten würde von Wilcke in Philosophie promovieren und hinterher an der Uni arbeiten. „Aber da gibt es viele Interessenten.”

„Als ich studiert habe, gab es nur wenige, die eine Stelle an der Uni bekommen haben unter den vielen, die gut waren”, sagt Richard David Precht. Prof. Quante hält die Chancen für eine Universitätskarriere aber nicht für aussichtslos: „Die Philosophie ist einer der Gewinner innerhalb der Geisteswissenschaften”, sagt er. Sie habe durch die Vernetzung mit anderen Fächern profitiert.

Tiemo Kracht, Geschäftsführer von Kienbaum Executive Consultants in Hamburg, hält die Aussichten für Philosophie-Absolventen sogar für deutlich besser als noch vor ein paar Jahren: „Da ist zum einen der Mangel an Fachkräften, der begünstigt, dass Unternehmen eine andere Flexibilität bei der Suche nach interessanten Persönlichkeiten entwickeln.” Zum anderen habe man erkannt, dass Unternehmen davon profitieren, wenn dort Menschen mit ganz unterschiedlicher akademischer Vorbildung zusammenarbeiten.

Nach der Wirtschafts- und Finanzkrise, der Atomreaktor-Katastrophe in Japan und der Diskussion um die Euro-Stabilität sei für viele Unternehmen die glaubwürdige Verankerung eines Wertekanons wichtig, sagt Kracht. „Und gerade Philosophie-Studenten beschäftigen sich intensiv mit Wertesystemen und Sinnfragen.”

Die Wertethematik werde noch an Bedeutung gewinnen, ist Kracht überzeugt, und dadurch verstärke sich die Konjunktur für Philosophen. „Philosophie-Absolventen haben gelernt, vom Ergebnis her zu denken.” Kracht nennt das die „teleologische Komponente”, das Ausrichten an fernen, langfristigen Zielen - Philosophen könnten damit künftig noch mehr punkten als bisher.
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